An den wichtigen Fragen vorbeiphilosophiert?
News — Die Philosophie an der Uni ist vielen Studierenden zu unpolitisch. Ein Kollektiv will mit Marx und Freud Abhilfe schaffen.
«The world is going to shit», sagt Janis und fragt sich, wo an der Uni die Theorien bleiben, die unsere Probleme erklären. Er sieht zu wenig fachübergreifende Vernetzung und möchte kritische Bildung für alle – auch für Nichtstudierende. Deshalb gründet der Philosophiestudent mit zwei Kommilitonen und einem Agrarwissenschaftsstudenten das «Zurich Theory Collective» (ZTC). «Theory», weil der Begriff bewusst Literaturwissenschaft, Psychoanalyse, Linguistik, Anthropologie, Soziologie und kritische Theorie inkludiert. Letztere analysiert die Gesellschaft und ihre Machtstrukturen kritisch, um Mechanismen der Unterdrückung und sozialen Kontrolle aufzudecken. Laut Janis sei kritische Bildung an der Universität unterrepräsentiert, denn sie erweist sich nicht als attraktiv für den Arbeitsmarkt.
Nun organisiert das «ZTC» in Zusammenarbeit mit Expert*innen Seminare, Lesekreise und Workshops, um allerlei kritische Bildung zu fördern. Montagabends leitet Mitgründer Sven die Einführung zu «Das Kapital» von Marx. Dabei geht es anfangs um Ware und Geld und deren Verwandlung in Kapital. Dann wird zwischen der Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts unterschieden. Um schliesslich, von den Akkumulationsprozessen und Metamorphosen des Kapitals ausgehend, zum Umschlag des Kapitals zu gelangen oder einfach ausgedrückt: wie lange es dauert, bis vorgeschossenes Geld als vermehrtes Geld wieder beim Kapitalisten ankommt. Ziel des Seminars sei es laut Syllabus, Marx’ Theorie nicht als abgeschlossenes dogmatisches System zu behandeln, sondern als analytisches Instrument zur Kritik am Kapitalismus: «Wir lesen den Text eng und begrifflich präzise, fragen zugleich aber nach seiner historischen Bedingtheit, seinen inneren Spannungen und seiner Aktualität für gegenwärtige ökonomische und soziale Verhältnisse. Dabei soll deutlich werden, wie abstrakte Kategorien wie etwa Wert, Arbeit oder Kapital mit konkreten Formen von Ausbeutung, Krisen sowie gesellschaftlicher Macht verbunden sind.» Das Seminar am Dienstagabend zu den Grundlagen der Freud'schen Psychoanalyse wird von Janis organisiert, der dazu praktizierende Psychoanalytiker* innen wie Elizabeth Högger oder Julian Hofmann einlädt. Letzterer sollte Philosophiestudierenden aus den Logikübungen bekannt sein. Im Syllabus fallen Begriffe wie Träume, Trauer und Lust. Weiter heisst es, Freuds Entdeckung des Unbewusstseins markiere nicht nur eine Zäsur in der klinischen Psychologie, sondern «eine fundamentale Erschütterung des abendländischen Subjektbegriffs».
Ordinarius ordnet ein
Die Veranstaltungen finden im Akademikerhaus der katholischen Kirche statt. Das Kollektiv sowie die Seminare basieren auf Freiwilligenarbeit. Es hat sich bewusst nicht als Verein an der Uni angemeldet, um nicht in zu vielen bürokratischen Strukturen gefangen zu sein. Wer ein Zertifikat möchte, sollte regelmässig teilnehmen und schliesslich ein Essay mit tausend Wörtern abgeben – ECTS gebe es dafür aber keine. Der Begriff «Leistungsnachweis » sorgt bei Janis sowieso für Irritation: «Es geht nicht um Leistung, sondern darum zu verstehen.» Trotzdem wünscht er sich eine breitere Institutionalisierung von kritischen Fächern an der Universität: «Mein Wunsch ist es, dass es uns gar nicht braucht.» An der Universität Zürich wird seit Jahren über die Ausrichtung der Philosophie gestritten. Im Zentrum steht das Verhältnis von sogenannter analytischer und kontinentaler Philosophie.
Während die analytische Tradition auf logische Präzision, Begriffsanalyse und argumentativen Beweis setzt, versteht sich die kontinentale stärker als historisch und existenziell orientierte Denkweise, die Erfahrungen, Gesellschaft und ihre Machtverhältnisse in den Blick nimmt. Der Begriff «kontinentale Philosophie» – dem auch Friedrich Nietzsche zugeordnet wurde – war vor allem eine Erfindung der analytischen Philosoph*innen der Mitte des 20. Jahrhunderts, die sich von den Phänomenolog*innen und Existentialist* innen Kontinentaleuropas abgrenzen wollten.
Diese betrachteten den kontinentalen Bezug zur unmittelbaren Erfahrung als Quelle von Subjektivität und Unklarheit, die ihren eigenen Idealen der logischen Objektivität und Klarheit zuwiderlief. Politisch interessierte Studierende beklagen, dass die Dominanz der analytischen Philosphie gesellschaftsrelevante Fragen in den Hintergrund rücken lasse. Das bekommt auch Hans- Johann Glock zu spüren. Der erst kürzlich emeritierte Professor war die letzten zwanzig Jahre Lehrstuhlinhaber für theoretische Philosophie an der Uni versität Zürich. «Weniger Logik, mehr Nietzsche; weniger Erkenntnistheorie, mehr Nietzsche; weniger Sprachphilosophie, mehr Nietzsche», hiess es immer wieder in Evaluationen von Fachvereinen.
Dabei könne laut Glock analytische Philosophie gleichermassen politische oder existenzielle Probleme angehen wie die kontinentale. In «A Theory of Justice» entwickle Rawls kein rein moralisches Bekenntnis, sondern ein klar konstruiertes Gedankenexperiment: Hinter einem «Schleier des Nichtwissens» sollen vernünftige Personen Prinzipien wählen, ohne ihre eigene gesellschaftliche Position zu kennen. Ein weiteres Beispiel dafür sei die feministische analytische Philosophie: Elizabeth Anderson untersucht deduktiv, wie Begriffe wie «Frau» oder «Geschlecht» gesellschaftliche Rollen und Machtverhältnisse formen.
Uni setzt auf Messbarkeit
Die Philosophie an der Uni Zürich war bis zur Jahrtausendwende vorwiegend traditionalistisch geprägt, also weder klar analytisch noch kontinental. Sie beschränkte sich darauf, die Ideen der abendländischen Philosophen auszubuchstabieren. Wer in den Neunzigern ein analytisches Buch in der Bibliothek ausleihen wollte, sah sich verschwörerischen Blicken ausgesetzt, wie der Dozent Dominique Kuenzle in einer Anekdote im Unterricht preisgab. Der Wind kehrte in den Nullerjahren, als Glock, Katia Saporiti sowie Peter Schaber berufen wurden und später weitere Vertreter*innen der analytischen Philosophie. Diese Anstellungen sorgten für Kontroversen: Das sei keine «eigentliche» Philosophie, lautete der Vorwurf.
Dass die in den USA etablierte analytische Philosophie nun auch in Zürich dominiert, hänge laut Glock mit einer breiteren Entwicklung der Universitäts- und Wissenschaftskultur zusammen. Sie verspreche bestimmte Methoden: Eine philosophische Idee liesse sich so – «statt bloss nach Gusto akzeptiert zu werden » – argumentativ begründen und belegen. Spätestens seit der Bologna-Reform verspreche sich die Universität von einem solchen Ansatz mehr Mess- und Vergleichbarkeit. Auch in der Psychologie und Soziologie sehe Glock ähnliche Entwicklungen. Ob der Neoliberalismus Schuld daran ist? Vielleicht findet man es beim «Zurich Theory Collective» heraus.