Sozialdarwinismus an der Uni

News — Ein ehemaliger Sergeant des israelischen Militärs hält einen Vortrag über Kriegsethik. Um diese zu begründen, teilt er die Welt in zivilisiert und unzivilisiert ein – die Uni lässt gewähren.

29. März 2026

Am vierten März erreichte die Studierenden der Universität Zürich eine Mail. Der «Stirner Club» lädt zu einem öffentlichen Vortrag mit dem Titel «Morality in Times of War» ein. Soweit nichts Ungewöhnliches. «Wann ist Krieg, wenn überhaupt, moralisch gerechtfertigt?», «Welche Verantwortung tragen Nationen gegenüber Zivilisten und Feinden in Zeiten des Krieges?», «Kann moralische Klarheit in asymmetrischen Konflikten herrschen?» – alles hochaktuelle Fragen. Doch wer beim Recherchieren des Vortragenden Dr. Yaron Brook oder des genannten Studierendenvereins noch nicht stutzig geworden ist, wird es spätestens beim Betreten des Hörsaals. Die Vertreter der Organisation wirken nicht nur wegen ihrer schwarzen Hemden wie Mitglieder einer Sekte, nein, der Antichrist selbst blitzt in Form eines verkehrten Kreuzes unter einem Kragen hervor.

Aber eins nach dem anderen: Der Stirner Club wurde 2025 gegründet, um Max Stirners Ideen über das Individuum, das Eigentum und die Freiheit, kurz libertäres Gedankengut unter den Studierenden zu verbreiten. Der Name, den der deutsche Denker seiner hohen Stirn verdankt, taucht in der akademischen Welt kaum auf, dafür umso häufiger in rechts libertären Reddit-Feeds. An moralischen Prinzipien festzuhalten ist für ihn, als würde man an Geister oder Gott glauben. Nicht mal die aufklärerische Vernunft bleibt in Stirners Hauptwerk «Der Einzige und sein Eigentum» verschont: «Die Vernunft ist mein, und ich mag mit ihr schalten, wie ich will; ich darf also auch unvernünftig sein, wenn ich will.» Darin lehnt er Moralvorstellungen als Ganzes ab: «Ich bin nicht weder ein Gott noch ein Mensch, weder das höchste Wesen noch mein Wesen, und ist's also einerlei, was ich mehr bin, das Gute oder das Böse, ich verwerfe beide […] Mir geht nichts über Mich!».

Ähnlich erscheinen die Ideen des «Ayn Rand Institutes», dem Yaron Brook vorsteht. Der Name des Think Tanks widmet sich der russisch-amerikanischen Bestsellerautorin Ayn Rand. Sie wurde 1905 in St. Petersburg in eine bürgerliche jüdische Familie geboren, die während der Oktoberrevolution enteignet wurde und verarmte. Aus dieser Erfahrung zog Rand den Schluss: Der Staat, die Moral, eigentlich jede kollektive Vereinbarung führen immer nur zu wütenden Mobs und zur Unterdrückung des Einzelnen, der nach Höherem strebt. Im Unterschied zu Stirner liess die als «rationale Egoistin» identifizierende Rand eine einzige moralische Pflicht in ihr- en Werken jedoch bestehen: «vernünftiges Handeln zum eigenen Nutzen». Laut der WOZ gilt sie in den USA als «Einstiegsdroge für RepublikanerInnen und Rechtslibertäre.»

Gut gegen Böse

Brook ist ein grosser Bewunderer Rands Ideen, aus denen der ehemalige IDF-Sergeant auch seine Kriegsethik ableitet. Das Ziel seines Instituts ist es, eine Kultur zu schaffen, «deren Leitprinzipien Vernunft, rationales Eigeninteresse, Individualismus und Laissez-faire-Kapitalismus sind». Diese Kultur sieht er einzig durch den Westen repräsentiert und durch den «unzivilisierten» Rest der Welt bedroht. Eine klare Positionierung kündigt er zu Beginn des Vortrags mit einem kleinen Seitenhieb Richtung Schweiz an: «Dieser Talk wird kein neutraler sein.» Nicht nur seine tiefe Kommandostimme macht Eindruck im Hörsaal, sondern auch die Absolutheit, mit der er spricht. Die Kriege der letzten hundert Jahre sieht er als kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse, Individualismus und Kollektivismus, Rationalismus und Mystizismus, Freiheit und Autoritarismus. Dies sei auch das Motiv der Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, die sich kulturell und ideologisch westwärts bewege. Es sei kein Wunder, dass Russland den Westen nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch, durch die Finanzierung der «Far-left» und «Far-right», zu zersetzen versucht. Fundamental zähle dasselbe für die arabische Welt. «Israelis sind fortschrittlicher und glücklicher», sagt Brook. Der Individualismus und Wohlstand Israels sei ein Affront und führe zu Verbitterung und Hass bei den «zurückgebliebenen» Nachbarn.

«Die Palästinenser sind unmoralische Akteure»
Yaron Brook, ehemaliger IDF-Sergeant

Die Ursache aller Kriege ist laut Brook Kollektivismus: «Deine Gruppe gegen meine». Individualistische Gesellschaften hätten kein Interesse an Krieg, weil ihnen das Leben des Individuums zu wertvoll sei. Einen Krieg zu starten sei unmoralisch und nie gerechtfertigt, denn es handle sich dabei immer um eine «lose-lose-transaction», wie der 7. Oktober 2023 zeige: «Sie töten nur um des Tötens willen. Die Hizbullah, Hamas und leider auch die Palästinenser sind unmoralische Akteure.» Brook wirft nicht nur Kämpfer*innen und Zivilist*innen in den selben Topf, sondern auch die Situation der Ukraine und Israels. Beide befänden sich in einem Verteidigungskrieg, laut Brook die einzig moralisch legitime Kriegshandlung. Mit Bezug auf Ayn Rands rationalen Egoismus argumentiert er, es sei unmoralisch, nicht zurückzuschiessen. Und man solle mit genug Gewalt dafür sorgen, dass dies nie mehr nötig sein wird.

Von der Meinungsfreiheit gedeckt

Des Weiteren vergleicht Brook die aktuelle Situation im Gazastreifen mit dem Kampf der Vereinigten Staaten gegen Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg und erklärt, deren «totale Zerstörung» habe dazu geführt, dass sich deren Gesellschaften zum Besseren gewandelt hätten. Er sagt, dasselbe müsse auch im Gazastreifen geschehen, wo es eine «primitive Gesellschaft» gebe. Mit seiner rassistisch sozialdarwinistischen Wortwahl und seiner Aufforderung, den Gazastreifen vollständig zu zerstören, scheinen die Anwesenden kein Problem zu haben. Eine Stimme aus dem Publikum führt seine Argumentation mit einer rhetorischen Frage sogar noch weiter: «Ist es nicht unmoralisch, dass Israel den Krieg nicht zu Ende kämpft und stattdessen einem Waffenstilltand zugestimmt hat?» «Absolut», antwortet Brook, «Trump erlaubte es Israel nicht, die Sache zu Ende zu bringen.» Zu seiner Kriegsethik gehört auch, dass Zivilist*innen nicht verschont gehören, denn sie seien diejenigen, die das Regime politisch sowie finanziell unterstützen. Damit ruft er indirekt zu einem Genozid auf.

Als Kriegsethik-Professorin Susanne Burri Wind von diesem Vortrag bekam, informierte sie den Rechtsdienst der Uni und bat um rechtliche Einschätzung. Obwohl laut Einschätzung des Rechtsdienstes der Vortrag «aus Menschenrechtsperspektive nicht nachvollziehbare bis verstörende Aussagen» enthielt, sei er von der Meinungsfreiheit gedeckt. Dabei beruft sich der Rechtsdienst auf die Bundesverfassung: «Die Ausbildung selbstständigen Denkens und die Förderung der Urteilskraft junger Menschen kann nur an einem Ort, wo die Äusserung unterschiedlicher Ansichten und die Verwendung verschiedener Ausdrucksweisen angstfrei geübt werden kann».

Es bleibt die Frage offen, wo die Meinungsfreiheit verweilte, als 2024 die von der «Muslim Student Association» geplante Ausstellung «Palästina – Zwischen Geschichte und Aktualität» verboten wurde. Zur Absage der Ausstellung, die geschichtswissenschaftliche Bücher als Grundlage hatte, schrieb die Medienstelle der Uni, «dass deren Inhalte nicht mit den Werten und Prinzipien der Uni Zürich für einen wissenschaftlichen Dialog sowie einer ausgewogenen Darstellung im Einklang stehen. Für die Uni Zürich ist ein faktenbasierter, ausgewogener und konstruktiver Austausch zentral. Das vorliegende Kon zept enthielt jedoch eine einseitige, konfrontativ angelegte Darstellung, die zu einer weiteren Polarisierung hätte führen können.» Mit seinem Aufruf zur vollständigen Zerstörung des Gazastreifens und der damit einhergehenden Gewalt gegen ein ganzes Volk scheint Brook die Werte und Prinzipien der Uni nicht zu stören.