Bestehen um jeden Preis

News — Eine deutsche Firma macht nun auch in Zürich Geld mit alten Prüfungen. Die juristische Grauzone löst Debatten um Urheberrecht und Chancengerechtigkeit aus. Ein Anwalt ordnet ein.

Tim von Felten (Text) und Liv Robert (Illustration)
27. Februar 2026

Das deutsche Unternehmen Ecoreps expandiert. Seit Herbst 2022 bietet es Online-Kurse für Fächer an der Uni Zürich an, primär im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Das Angebot wird laufend ausgebaut: Für die ETH gibt es nun den ersten Kurs und man überlegt sich, bald auch Psychologiestudierenden unter die Arme zu greifen. Was in Zürich eher neu ist, macht das Unternehmen an deutschen Unis schon seit 2016. Zuerst bot es Vorbereitungskurse in Person an, in der Corona-Zeit wechselte es dann auf Online-Programme, die es bis heute beibehalten hat. 

Wer einen Kurs von Ecoreps kauft, erhält eine Sammlung von Lernunterlagen zu einem Fach: Zusammenfassungen, Erklärvideos, WhatsApp-Support, einen KI-Chatbot und die alten Prüfungen der letzten Jahre, inklusive der von Ecoreps erstellten Lösungen dazu. Die Inhalte kann man nur als Paket kaufen, nicht einzeln. Die Kurse sind beliebt: Über tausend Zürcher Studierende sind im Gruppenchat mit Infos zu neuen Fächern und Rabattcodes. «Absoluter Game Changer!», rezensiert eine Studentin die 100 bis 150 Franken kostenden Kurse auf Google. Teuer, doch für viele scheinbar ein angemessener Betrag für bessere Prüfungsvorbereitung. Doch stellt sich die Frage nach der Chancengerechtigkeit. Wer sich den Kurs nicht leisten kann oder will, hat einen Nachteil. 

Quellen bleiben geheim 

Dass Lücken im Angebot der Universität mit Zusammenfassungen und Erklärvideos von Privaten gefüllt werden, lässt sich aber kaum vermeiden: Illegal ist es nicht. Immerhin findet man auf Youtube und weiteren Seiten oft gutes Material gratis. Was man dort aber selten bekommt, sind die alten Prüfungen, die für viele ein entscheidendes Verkaufsargument der Kurse sind. «Besonders im ersten Jahr, wenn man noch nicht genau weiss, was wichtig ist, hilft Ecoreps», erzählt Gianna, eine BWL-Studentin im 4. Semester. «Der Hauptgrund dafür, dass ich die Kurse auch jetzt noch kaufe, ist neben den Erklärungen zur Theorie der Zugang zu den alten Prüfungen. Ich wüsste nicht, wie ich sonst an sie kommen würde.» 

Die Detektivarbeit, um alte Prüfungen zu finden, ist oft mühselig. Man muss flüchtige Bekannte belästigen, auf dubiose Dropbox- Links klicken und in grosse Gruppenchats mit fremden Leuten schreiben. Eine grosse Schwester oder ein älterer Bruder im gleichen Studiengang ist von Vorteil. Doch manchmal bleibt auch dann die Ausbeute schlecht: Zu alte oder unvollständige Prüfungen helfen oft nur bedingt weiter. Verständlich, dass einige da zur Kreditkarte greifen, um dann vergangene Prüfungen säuberlich sortiert auf der Ecoreps-Seite vorzufinden. 

Wie genau Ecoreps an die alten Prüfungen kommt, bleibt jedoch unklar. «Aus Konkurrenzgründen » will dies das Unternehmen auf Anfrage dieser Zeitung nicht preisgeben, man sei sich noch nicht im Klaren darüber, wie man damit in der Schweiz umgehen soll. Ecoreps zahle jedoch nicht für den Zugang. Über die Universität oder die Professor*innen scheinen sie die Prüfungen aber nicht zu erhalten: In Scans sind noch handgeschriebene Lösungen von ehemaligen Prüflingen zu sehen. Im Gegensatz zu den Nutzenden relativiert Ecoreps die Wichtigkeit der alten Prüfungen in ihren Kursen. Sie seien ohnehin schon weit verbreitet und hätten an sich kaum Wert, schreibt Edwin Kunz, einer der beiden Gründer auf Anfrage. Der Mehrwert ihres Produkts liege vor allem bei den restlichen Inhalten der Kurse. Studierenden, die nur an den alten Prüfungen interessiert sind, rät Kunz, sie in den grossen WhatsApp-Gruppen zu suchen, in denen sie im Umlauf seien. Bezüglich Chancengerechtigkeit weist Ecoreps darauf hin, dass das Verwenden ihrer Programme mit einer deutlichen Zeitersparnis einhergehe: Der Preis eines Kurses entspreche etwa drei bis fünf Arbeitsstunden bei einem Lohn von 30 Franken, Studierende würden aber mindestens 20 Stunden Lernaufwand sparen. Zudem erhalte das Unternehmen sehr viel positives Feedback für die zusätzlichen Lernmöglichkeiten, die sie Studierenden bieten. 

Wer Recht hat 

Wäre es möglich, dass die Uni Zürich den Verkauf der alten Prüfungen verhindert? Dafür zu sorgen, dass sie gar nie in fremden Händen landen, scheint schwierig im Zeitalter von Handykameras und Plattformen wie Uniboard, auf denen Studierende ihre Lernmaterialien mit anderen teilen können. Wurde eine alte Prüfung einmal herausgeben, kann das heute schlecht rückgängig gemacht werden. Die Wirtschaftsfakultät schreibt auf Anfrage, dass ihnen nicht bekannt sei, wie private Unternehmen an ihre Unterlagen kämen. Das Urheberrecht läge in diesen Fällen immer bei den Dozierenden, die die Prüfungen erstellt haben. 

Diese könnten rechtliche Schritte einleiten, um die Verwendung von Dritten zu verhindern und würden gegebenenfalls von der Wirtschaftsfakultät unterstützt. In der Vergangenheit habe es auch bereits Abmahnungen an Unternehmen gegeben. Vor Gericht Erfolg zu haben, ist jedoch schwierig. Im Jahr 2014 verklagten die Beratungsfirma ITB Consulting und die Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen das Unternehmen Medtest Schweiz aufgrund von Urheberrechtsverletzung. Die beschuldigte Firma verwendete Aufgaben aus ehemaligen Numerus- Clausus-Prüfungen in ihren Vorbereitungskursen. Die Aufgaben hatte ITB Consulting für die Rektorenkonferenz entwickelt. Zunächst bekamen die Kläger Recht. Doch Medtest Schweiz erhob Einsprache und wurde freigesprochen. 

Die Begründung: Nur Werke, die einen «individuellen Charakter» hätten, seien urheberrechtlich geschützt, heisst es im Urteil. Die Prüfungsaufgaben von ITB Consulting seien zu banal: Dritte wären bei vorgegebenem Thema durchaus in der Lage, eine ähnliche Aufgabenstellung zu formulieren. «Als Faustregel gehe ich davon aus, dass Prüfungen nicht urheberrechtlich geschützt sind», sagt Rechtsanwalt Martin Steiger dieser Zeitung. Die dafür erforderliche Individualität erreichen Prüfungsaufgaben normalerweise nicht. Steiger begleitete bereits verschiedene ähnliche Fälle. Bei einem Rechtsstreit finde man erfahrungsgemäss entweder eine einvernehmliche Lösung oder die Universitäten und Professor* innen verzichten auf konsequente rechtliche Schritte. Er vertritt die Devise «Public Money, Public Content»: «Die Universitäten in der Schweiz sind öffentlich finanziert», sagt Steiger: «In der Folge sollten alle Publikationen, auch Prüfungen, der Öffentlichkeit frei zur Verfügung gestellt werden.» Leider sei die Universität Zürich davon weit entfernt. Nur einzelne Fächer der Uni setzen dies um: Wer Jus studiert, erhält alle alten Prüfungen seit 2021, inklusive Musterlösungen. Das Fach Mathematik an der Wirtschaftsfakultät stellt sogar alle ab 2005 zur Verfügung. 

Fachvereine schaffen Fairness

Oftmals nehmen auch Fachvereine eine Vermittlerrolle ein: Der Fachverein Psychologie sammelt alte Prüfungen des Propädeutikums für Studierende im ersten Jahr. An der ETH betreiben Fachvereine ihre eigenen Webseiten, die sich «Community-Solutions» nennen. Neben den alten Prüfungen ermöglichen diese den Studierenden sogar, eigene Lösungswege für Aufgaben zu posten und die anderer zu kommentieren. 

Der Bedarf, mit alten Prüfungen zu lernen, ist gross. So gross, dass Studierende selbst versuchen, über die Fachvereine das Spielfeld zu ebnen. Klappt es, ist niemand mehr gezwungen, wegen alter Prüfungen Kurse zu kaufen. Auch Freunde zu haben, die ein Jahr voraus sind, führt so nicht zu einem unfairen Vorteil. Setzten Universitäten jedoch selbst «Public Money, Public Content» um, wie dies einzelne Fakultäten und Professuren bereits tun, käme man dem Ideal der Chancengleichheit etwas näher. Statt der Dicke des Portemonnaies würde nur das eigene Können bestimmen,