Die Benin-Bronzen warten darauf, ausgepackt zu werden. Foto: Afrikafun, Thobix.

Wenn Kunstobjekte zum Politikum werden

Gesellschaft — Im März beschloss die Universitätsleitung die Rückführung der geraubten Benin Bronzen. Nach 129 Jahren sind diese nun nach Nigeria heimgekehrt – dabei geht es um mehr als nur die Artefakte.

16. September 2026

«We’ve created change, right?», sagt Alice Hertzog mit einem Lächeln auf den Lippen und nippt an ihrem Kaffee. Bloss wenige Tage zuvor kehrte die Sozialanthropologin aus Nigeria zurück. Eine Reise, auf die sie seit 2021 hingearbeitet hat und die sie mit grosser Genugtuung erfüllte, wie sie sagt. Denn die Direktorin des Völkerkundemuseums der Universität Zürich reiste aus wichtigem Anlass nach Westafrika. Gemeinsam mit der Geschäftsführerin Barbara Welter Thaler, Afrika-Kurator Alexis Malefakis, sowie dem Architekten Salim Umar restituierte sie die 14 Benin-Artefakte aus der Sammlung des Museums, die nun im Besitz der nigerianischen Regierung sind. 

Langes Hin und Her

Der Entscheid, dass es überhaupt zu einer Restitution kommt, wurde von der Universität Zürich getroffen, der das Völkerkundemuseum angehört. Seit diesem Sommer gibt es einen universitären Beirat in Sachen Restitutionsangelegenheiten, dem Alice Hertzog im Co-Präsidium vorsitzt.

Die Rückführung, das gilt es hervorzuheben, erfolgte ohne weitere Bedingungen; sprich: Der nigerianische Staat bestimmt nun allein über die restituierten Kulturgüter und kann damit tun und lassen, was er will. Wie die restituierten Objekte nach Zürich gelangten, kann in der Ausgabe 2/26 ausführlich nachgelesen werden. Kurzgefasst: 1897 marschiert die englische Kolonialarmee in die Königsstadt Benin ein und es kommt zu einem brutalen Massaker. Dabei wird der Königspalast geplündert, etwa 10'000 Objekte werden nach Europa entführt und landen dort hinter Glasscheiben, in Museumsdepots oder in Privatsammlungen. Als Reaktion darauf wurde 2021 die Benin Initiative Schweiz ins Leben gerufen, die sich die kollaborative Provenienzforschung von Benin-Artefakten in Schweizer Museen zur Aufgabe gemacht hat. Mit der Hilfe von nigerianischen Expert*innen wurde geforscht, ob die Sammlungen in Schweizer Museen in Verbindung mit den Plünderungen im Jahr 1897 stehen. So entstand ein mehrjähriges Projekt mit vielen verschiedenen Partner*innen, das im Kern einem ganz simplen Ziel folgte: Etwas unrechtmässig Entwendetes sollte zurückgegeben werden. 

Schlussendlich traten 14 Benin- Artefakte aus dem Völkerkundemuseum sowie je zwei weitere Benin-Bronzen aus dem Museum Rietberg in Zürich und aus dem Musée d’Ethnographie de Genève diesen Juni ihre Reise zurück nach Nigeria an. Nachdem sich die Objekte über 80 Jahre in Schweizer Museumsbesitz befanden, war dieser Moment für Alice Hertzog keiner, der von Traurigkeit gekennzeichnet war, sondern vielmehr ein liebevoller Abschied. Nachdem die insgesamt 18 Objekte aus der Schweiz offiziell im Nigerian National Museum in Lagos gebührend empfangen wurden, schickten die Museumsmitarbeitenden einige von ihnen weiter nach Benin City, wo der Oba von Benin sie segnete. 

Gemeinsam vorwärts 

Hertzog streicht heraus, dass es bei dieser Rückführung auch darum geht, zu zeigen, wie diese Benin-Bronzen auch heute noch Kulturschaffende und Künstler*innen vor Ort in ihrer Arbeit inspirieren. So schrieben 13 junge Poet*innen Texte, in denen sie ihre Beziehung zu den Artefakten reflektieren und künstlerisch darstellen. Zudem wird der nigerianisch-britische Poet Inua Ellams, der dieses Projekt als Mentor unterstützte, das Projekt am diesjährigen «Zürich liest» im Oktober am Völkerkundemuseum der Uni Zürich vorstellen. Die Rückführung der Objekte rief auch politische Akteur*innen auf den Plan. 

Das Vertrauen, das in der gemeinsamen Forschung aufgebaut wurde, sagt Hertzog, diente der Schweizer Regierung letztlich als Grundlage, um ein weiterführendes Abkommen gegen illegalen Kulturgütertransfer abzuschliessen. Zum Anlass der Rückführung der Benin Artefakte nach Lagos reiste die Schweizer Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider nach Nigeria, um die nigerianische Kulturministerin Hannatu Musa Musawa zu treffen. Am 29. Juni unterzeichneten die beiden am National Museum ein bilaterales Abkommen zwischen der Schweiz und Nigeria über den Transfer von Kulturgütern. 

Somit besteht nun eine rechtliche Absicherung, um die Rückgabe von weiteren illegal in die Schweiz gebrachten Kulturgütern aus Nigeria zu vereinfachen. Zusätzlich wollen die beiden Länder gegen den illegalen Handel mit Kulturgütern zusammenarbeiten. Diese Rückführung ist keine Wiedergutmachung, denn die Gewalt des Krieges von 1897 und des Kolonialismus kann nicht ohne weiteres wiedergutgemacht werden. Jedoch nimmt die Uni Zürich ihre Verantwortung im Umgang mit Kulturgütern aus kolonialen und anderen Unrechtskontexten wahr. Die Restitution zeigt auf, dass durch universitäre Forschung politische Veränderung erzielt werden kann und weshalb es unabdingbar ist, dass der sozialwissenschaftlichen Forschung Gelder zugesprochen werden. 

Abschliessend bleibt zu hoffen, dass in Zukunft die Bringschuld des Beweises die Seite wechselt und europäische Museen eine legitime Erwerbung ihrer Objekte beweisen müssen. Denn bis heute müssen die Länder des globalen Südens eine illegale Entwendung belegen, um ihre Objekte rückfordern zu können.