Am 20. März wurden die Eigentumsrechte von 28 Benin-Bronzen an Nigeria übertragen.

Bronzen zurück nach Benin

Gesellschaft — Das Völkerkundemuseum der Uni Zürich beheimatet über ein Dutzend gestohlene Benin-Bronzen. Dank des Beschlusses der Universitätsleitung kommt es nun zur Rückführung des Raubguts.

Marc Grüter (Text) und Mara Schneider (Foto)
23. März 2026

Urplötzlich fängt die Erde an zu beben und Stimmen gellen durch die von Pulverschwaden verschleierte Luft. Weisse Männer in Uniform füllen ihre Taschen mit kleinen Objekten, die noch bis vor wenigen Stunden in einem Ritual dazu dienten, die Ahnen herbeizurufen. Nun werden sie aus ihrem Zuhause gestohlen. Sie wandern durch die Hände von Soldaten, Spekulanten und Sammlern, sehen Märkte und Auktionshäuser, bis sie schlussendlich zweckentfremdet auf dem Erdball verteilt, hinter dicken Glasscheiben enden. 

Britische Strafexpedition

Im Westen des afrikanischen Kontinents, im heutigen Nigeria, liegt das Königreich Benin. Als Teil von Subsahara-Afrika gehört es zu jenen Ländern, deren Kulturerbe zu neunzig Prozent ausserhalb des afrikanischen Kontinents aufbewahrt wird. Davon sind nochmals neunzig Prozent in Lagern verstaut und somit unzugänglich und unsichtbar gemacht.

Von jeweils einem Oba als König verwaltet, war Benin zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert ein kleines Imperium mit einer starken Armee und Handelsbeziehungen nach Europa. Ein Monopol, der begehrten Rohstoffe Elfenbein und Kautschuk innehabend, widersetzte sich das Königreich einem Freihandelsabkommen mit Grossbritannien, was zur grossen britischen «Strafexpedition» im Jahr 1897 führte. 

Während dieser brutalen Zerstörung der Königsstadt von Benin plünderte die englische Kolonialarmee 10'000 Objekte, darunter etwa 1'200 Gedenkköpfe, Tafeln und Glocken aus Bronze, auch bekannt unter der Bezeichnung Benin-Bronzen. Heute steht ein Grossteil dieser Werke in den Museen Europas, unter anderem im Völkerkundemuseum der Universität Zürich. 

Doch wie kamen die Objekte aus Bronze überhaupt erst in den Besitz des Völkerkundemuseums? Und welche Rolle spielt ihre Rückführung im Prozess der Dekolonialisierung? 

Direktorin mit Altlasten

Die Professorin Dr. Alice Hertzog lehrt seit vergangenem Sommer an der Uni Zürich und steht gleichzeitig dem Völkerkundemuseum der Universität als Direktorin vor. Dabei habe sie es sich zur Aufgabe gemacht, über geschehenes Unrecht aufzuklären, wie sie selbst sagt. So hat sie als Co-Kuratorin auch die Ausstellung «Benin verpflichtet. Wie mit geraubten Königsschätzen umgehen?» mitgestaltet, die bis Anfang März im Museum zu sehen war. 

Zuvor beteiligte sich Hertzog an der «Benin Initiative Schweiz». Ein nationales Projekt, bei dem sich acht Schweizer Museen der Provenienzforschung – der Frage, wie ein Objekt ins Museum kam – von rund 100 Objekten aus Benin verschrieben haben. Gemeinsam mit der nigerianischen Historikerin Enibokun Uzébu-Imarhiagbe hat Hertzog im Rahmen der Initiative einen Bericht zur kollaborativen Provenienzforschung der Objekte in den Schweizer Museen verfasst.

Dem Bericht ist zu entnehmen, dass das Völkerkundemuseum im Besitz von 18 Objekten aus Benin ist, 14 davon stehen laut Uzébu-Imarhiagbe und Hertzog sehr wahrscheinlich in direktem Zusammenhang mit den Brandschatzungen aus dem Jahre 1897. Auch nach intensiver Recherche- und Archivarbeit ist das jedoch nicht mit abschliessender Sicherheit festzulegen, denn zu vielen Besitzer*innenwechseln fehlen schlicht Unterlagen und Belege.

Doch in exakt dieser Unsicherheit liegt der springende Punkt des Umdenkens, das stattfinden muss. Denn wie Felwine Sarr und Bénédicte Savoy in ihrem von der französischen Regierung in Auftrag gegebenen «Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter» schreiben, sind auch Uzébu-Imarhiagbe und Hertzog der Meinung, dass die Bringschuld des Beweises die Seite wechseln muss. 

Dadurch sollen nicht mehr afrikanische Staaten eine gewaltsame Entwendung, sondern europäische Staaten eine Schenkung oder eine legitime Erwerbung von Objekten nachweisen müssen. So werden auch jene Objekte des Völkerkundemuseums, bei denen nicht ganz abschliessend geklärt werden kann, ob sie bei der britischen Strafexpedition 1897 oder erst später aus Benin entwendet wurden, nach Nigeria zurückgeführt.  

Während der Weg der Benin-Bronzen ins Völkerkundemuseum sehr verzweigt und undurchsichtig ist, lässt sich der Fluss des Kapitals, welches den Kauf der Bronzen ermöglichte, zurückverfolgen, wie Hertzog und Uzébu-Imarhiagbe in ihrem Bericht aufzeigen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Schweizer Han Coray, der in die Geschichte von 15 der 18 Benin-Bronzen im Völkerkundemuseum verwickelt ist.  

Als Buchhändler traf Coray bei der Arbeit auf die Niederländerin Dorrie Stoop, die sich aus medizinischen Gründen in Zürich aufhielt. Die wohlhabende Familie Stoop verdankte ihren Reichtum einer Ölraffinerie in der niederländischen Kolonie Indonesien, die heute vom Ölkonzern Shell bewirtschaftet wird. Coray und Stoop verliebten sich und der leidenschaftliche Kunstsammler erhielt Zugang zum Vermögen von Dorries Familie, welches er nutzte, um seine Sammlung von afrikanischer Kunst auszubauen. Während die Frage nach den verschiedenen Besitzer*innen der Objekte offen bleibt, ist klar, wie Han Coray an die finanziellen Mittel kam, diese überhaupt zu erwerben. 

Zugang gewährleisten

Geld, das in einem kolonialen Kontext und mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen verdient wurde, ermöglichte den Kauf von geraubter afrikanischer, materieller Kultur. Laut Hertzog ist dies kein Einzelfall, sondern Teil eines Systems.

Doch wie gelangten die Objekte von der privaten Sammlung eines Mannes, den man in Nigeria auch «the swiss indigenous man from Sankt Gallen» nennt, in den Museumsbestand? 

Han Coray ging 1931 bankrott, seine Kunstsammlung kam bei der Volksbank unter.  Diese zog die Sammlung für Völkerkunde der Uni Zürich für eine Schätzung des Werts hinzu. Der erste Direktor der Sammlung Hans Jakob Wehrli und seine wissenschaftliche Assistentin Elsy Leuzinger zögerten nicht lange und schätzten die Objekte nicht bloss auf ihren Wert, sondern erwarben einen Teil der Sammlung im Jahre 1941 für Ausstellungszwecke. 

Der Erwerb fand mit Geld aus öffentlicher Hand und unter dem Marktwert statt, währenddem es bis heute gängige Praxis ist, dass Ursprungsländer auf Auktionen ersteigern müssen, was ihnen geraubt wurde.  

«Als würde man in die grossen Bibliotheken Europas gehen, den Geschichtsbüchern die Seiten ausreissen und diese einzeln auf dem Erdball verteilen.» Kraftvolle Analogien wie diese von der nigerianischen Kulturanthropologin Kokunre Agbontean-Eghafona sind Ausdruck für den enormen Verlust, den die Bevölkerung Benins und Nigerias mit dem Raub der Bronzen bis heute verkraften muss.

Da wäre zum Beispiel Phil Omodawen, der als Bronzegiesser in der sechsten Generation seinem Handwerk anhand von Ausstellungsfotos aus europäischen Museen nachgehen muss. Erst ein Besuch in Zürich, in die Wege geleitet von der «Benin Initiative Schweiz», ermöglichte ihm, die Werke seiner Vorfahren in den eigenen Händen zu halten.

Dabei wurde ihm klar, dass er bis anhin die Dichte des Materials sowie die Verzierungen auf Vorder- und Rückseite nicht so wie seine Ahnen fabriziert hatte. Es wäre naiv zu denken, dass eine Restituierung solche kolossalen historischen Ungerechtigkeiten wieder gut machen würde. 

Problematische Vergangenheit aufarbeiten

Erfahrungen wie jene von Phil Omodawen machen deutlich, dass es in dieser Restituierung nicht um Eigentum oder Besitz geht. Es sind Fragen des Zugangs, die diese Rückführung prägen.  

Was jedoch auch zur Geschichte der Bronzen gehört, ist die Einbindung des Königreichs in den transatlantischen Sklavenhandel. Im Gegenzug für Sklaven bekam man von den Europäern Armreifen aus Kupferlegierungen. Diese wurden zum Teil eingeschmolzen und zur Herstellung der Beninbronzen verwendet. 

So setzt sich die «Restitution Study Group» gegen die Rückführung der Benin-Bronzen nach Nigeria ein und möchte die Bronzen auch den in der Diaspora lebenden Afroamerikaner*innen zugänglich machen und ihre Perspektive stärken. Alice Hertzog hält dagegen, dass es notwendig sei, die besagten Objekte nach Nigeria rückzuführen, um sich genau mit dieser problematischen Vergangenheit zu beschäftigen. Erzählen doch genau diese Objekte die Geschichte von Benins Einbindung in den Sklavenhandel, die es aufzuarbeiten gilt. Nur durch eine Rückführung könne aus einem unbelebten, zweckentfremdeten Museumsobjekt wieder ein handelndes und verbindendes Subjekt werden, argumentiert auch die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. 

Alice Hertzog betont, dass diese eigentlich ziemlich bescheidene Aktion der Rückführung vor allem einen symbolischen Charakter hat, indem sie begangenes Unrecht anerkennt. Sie sieht die Rückführung nicht als Abschluss, sondern vielmehr als Start für neue Kreation von Wissen um die Objekte auf dem afrikanischen Kontinent. 

Damit die heutige Jugend und alle Zukünftigen sehen und anfassen können, was ihren Vorfahren so wichtig war. Deshalb ist diese Restituierung zentral. Zudem materialisiert sich in ihr die Tatsache, dass sich auch die Schweiz, welche zwar auf dem Papier keine Kolonien hatte, nicht aus der Verantwortung der Dekolonialisierung ziehen kann.