Cachita träumt davon, einen internationalen Hit auf Züridütsch zu landen.

Schweizerdeutsch ist tough

Kultur — Formate wie Bounce Cypher verhelfen der Schweizer Rapszene zu Streams, gegenseiter Unterstützung und einem neu entfachten Mundart-Hoch. Ob das reicht?

16. September 2026

Über sechs bis sieben Stunden verteilt geben eingeladene Rapper*innen am Bounce Cypher nacheinander ihr Bestes. Dabei gibt es Blocks für verschiedene Subkategorien und Sprachregionen. Es ist Treffpunkt für die Schweizer Rapszene und öffentliches Verzeichnis, wer gerade dazugehört. Die Texte sind teilweise sehr persönlich und von den meisten Teilnehmer* innen exklusiv für dieses Event geschrieben. «Daher weiss man auch nie, was kommt», meint Cachita, die seit 2022 am Cypher teilnimmt. Dass man «real» ist, scheint jedoch erste Priorität zu sein. Um die Bedeutung von Authentizität zu veranschaulichen, meint Bbless im Gespräch: «Du gasch grad en Heartbreak dure und losisch Adele, will du ghörsches a ihrere Stimm, dass sie au verletzt worde isch.»

Für Bbless repräsentiert die Schweizer Rap-Szene den aktuellen Zeitgeist.

Der Cypher dieses Jahr bot ähnlich viel Gesprächsstoff wie neue Love-Island-Folgen. Mindestens von der einen oder anderen Durchstarter*in hat man vermutlich schon gehört, etwa von Candela, Parahzh oder dem 15-jährigen P4. Verständlich, dass eine Einladung zum Cypher eine gewisse Aufregung mit sich bringen kann. Diese Nervosität zu überwinden, kann sich aber durchaus lohnen. Cachita wurde bereits zum vierten Mal zum Cypher eingeladen. Nach ihrem ersten Auftritt erhielt sie die meisten neuen Follower*innen und Interviews. Auch Tony Castle erlebte bei seiner Cypher-Premiere dieses Jahr einen deutlichen Boost.

Unterstützung statt Neid

Doch der Hype hält nicht automatisch an: «Man ist selbst verantwortlich, dass das so bleibt», sagt Tony Castle. Die Aufmerksamkeit sei zwar da, aber man müsse selbst etwas daraus machen. Ein viraler Moment sei noch keine Karriere. Cachita kennt die Schweizer Musikszene schon länger. Sie rappt, macht R&B und Latin. Sie beschreibt die Stimmung mit «sehr viel Liebe, aber auch viel Testosteron ». Bbless sagt, das Umfeld ist «sehr sportlich »: Jeder habe seine eigene Karriere, aber man freue sich immer, wenn andere einen Gig bekommen. Die Gemeinsamkeit, die sich durch alle drei Gespräche zieht: Gegenseitiges Hypen geht vor Neid. Das Bild vom Rap als ewigem Konkurrenzkampf mit viel Streit und Beleidigungen stimmt zumindest für diese Generation nicht mehr. Gewinn kann genauso heissen, jemanden auf den eigenen Track zu holen, einen Auftritt zu teilen oder den neuen Song eines Freundes zu posten.

Schweizerdeutsch bringe Leute zusammen, meint Tony Castle.

Im Gespräch zeigt sich auch, dass Schweizerdeutsche Texte nicht mehr oder nie peinlich waren. «Es ist jetzt cool, auf Schweizerdeutsch zu rappen», sagt Bbless. Als er vor zwei Jahren angefangen habe, Musik aufzunehmen, habe er noch auf Englisch geschrieben. Heute sehe er die Sprache weniger als Grenze. Auch Tony Castle spricht von einem «All-Time-High» des Schweizerdeutschen Raps. Die Jugend drücke, ältere und jüngere Künstler*innen kämen zusammen und die Schweiz höre plötzlich ihre eigene Sprache. Cachitas Traum: «Ein internationaler Hit – auf Züridütsch.» Es hat sich nicht nur die Sprachbarriere gelöst, sondern auch die Zugänglichkeit zur Musikproduktion. Bbless zum Beispiel hat kein professionelles Studio. Seine Songs nehme er mit BandLab, einer kostenlosen App, und einem Mikrofon an seinem Handy auf. Teilweise schreibe er die Texte gar nicht erst auf, sondern «puncht» direkt ins Mikrofon. Vor zwanzig Jahren wäre das kaum der klassische Weg gewesen, um eine musikalische Karriere zu beginnen. Heute kann genau diese Unmittelbarkeit sogar Teil der Ästhetik sein. Bbless beobachte, dass One-Take-Videos, Hochformat und Low-Budget-Produktionen immer selbstverständlicher werden. Ein Video müsse nicht mehr so aussehen, als hätte ein ganzes Produktionsteam daran gearbeitet. Manchmal wirke es gerade deshalb interessant, weil es aussehe, als hätte jemand einfach «irgendwas gemacht».

Der Kuchen bleibt klein

Einerseits ist der Einstieg so zugänglich wie selten zuvor. Es gibt mehr Möglichkeiten, sichtbar zu werden und die Szene zieht sich gegenseitig hoch. Andererseits bleibt die Schweiz klein. Tony Castle macht sich darüber keine Illusionen. Musik als Beruf? «Der Kuchen ist zu klein.» Um davon leben zu können, müsse man vieles opfern und gleichzeitig verstehen, dass das Künstler*innensein längst auch Marketing bedeutet. Alle drei Befragten haben noch ein Standbein ausserhalb der Musik. Für Bbless ist Musik ein Hobby, das er sehr ernst nimmt. Wenn daraus irgendwann mehr werde, gut. Aber sein Leben darauf aufzubauen, wäre ihm zu unsicher. Wenn Leute seine Songs auswendig kennen, sei schon viel gewonnen. Cachita hat wiederum bereits ein gewisses Level erreicht und gleichzeitig auch das Gefühl, dass es in der Schweiz einen Punkt gibt, an dem man nicht mehr automatisch weiter komme. «Doch kann immer noch alles werden», sagt sie.

Der aktuelle Boom und das Gefühl, dass die klassische Solo-Karriere an Bedeutung verloren hat, liegt auch an aufkommenden Kollektiven und organisierten Parties rund um die Szene. Diese bringen die Künstler*innen und Fans zusammen, statt sich auf etwas oder jemanden allein zu konzentrieren. Tony Castle hat vor ein paar Jahren mit seinem Rapkollektiv Un1t ein selbstorganisiertes Event in Stans auf die Beine gestellt. Der Mix aus Hip-Hop, Breakdancing, Graffiti und Rap habe gleich verschiedene Gruppen und Generationen zusammengebracht: «Alle haben es gefeiert.» Bbless denkt, die Schweizer Rapszene habe gerade ganz einfach den «Zeitgeist getroffen». Die Frage ist nur, wie gross sie noch werden kann. Der Hype, die Sprache und die gegenseitige Unterstützung sind jedenfalls da.

Bounce Cypher

Der Bounce Cypher findet einmal im Jahr auf YouTube und SRF Virus im Radio statt. Mit exklusiven Texten treten über 80 Rapper*innen am grössten Schweizer Live-Rap-Event auf.