«Dem Hip-Hop fehlen Flintas*»
Gesellschaft — Als Moderatorin beim SRF-Format «Bounce» setzt sich Sirah Nying erfolgreich für mehr Diversität in der von Männern dominierten Rapszene ein. Ein Gespräch über ihre Karriere, Musik und Diskriminierung.
Wie bist du dazu gekommen, dein Leben der Musik zu widmen? Ich hatte von klein auf eine grosse Begeisterung für Musik und Tanz. Ich habe mich als schwarze Frau im Hip-Hop sehr stark widerspiegelt gesehen, was sonst in der Schweiz vor zehn Jahren noch nicht der Fall war. Ein Instrument habe ich selbst nie gespielt, weshalb ich dann zum Auflegen gekommen bin.
Wie kamst du zum Moderieren? Vor fünf Jahren gab es eine Ausschreibung für den Job als Moderatorin des Hip-Hop Formats «Bounce» vom SRF. Damals war ich noch im Studium. Eine Freundin hat sie mir geschickt und meinte, dass ich doch so viel über Hip-Hop weiss und gerne viel quatsche. Da habe ich mich, ohne viel zu überlegen, beworben und den Job bekommen.
In deiner Dokuserie über die Flinta*-Hip Hop-Szene der Schweiz «Enter the Circle» hast du die Frage aufgeworfen, wie sich Feminismus mit den teils sexistischen und homophoben Strukturen im Hip-Hop vereinbaren lässt. Was ist heute deine Antwort darauf?
Was ich mitgenommen habe, ist, dass jeder Mensch für sich selbst herausfinden muss, wo die persönliche Grenze liegt. Es gibt keine pauschale Antwort, denn jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung von Diskriminierung, die von Klasse, Geschlecht und Herkunft beeinflusst wird. Ich persönlich versuche, nicht zu verurteilen. Hip-Hop widerspiegelt oft Realitäten, die man selbst nicht kennt. Dabei ist ein offener Dialog trotzdem wichtig. In meinem Umfeld, wo ich etwas bewegen kann, schaue ich hin und spreche Diskriminierendes an. Auch beim Auflegen, wo ich entscheiden kann, welchen Song ich spielen will, versuche ich, meinen Beitrag zu leisten. Das Wichtigste ist, dass sich etwas tut.
Gab es einen konkreten Moment, in dem du realisiert hast, dass sich noch vieles in der Hip-Hop-Szene ändern muss?
Angefangen hat es im Jugendalter, als ich das erste Mal über intersektionalen Feminismus gelesen habe. Ich habe begonnen, mit Leuten über Diskriminierung zu sprechen und die Sachen, die ich selbst erlebt habe, zu reflektieren. Wenn du dich mal mit diesem Thema beschäftigst, fällt dir auf, wie die Diskriminierung auf allen Gesellschaftsebenen stattfindet. Besonders seit ich «Enter the Circle» gemacht habe, fallen mir diskriminierende Texte mehr auf. Besonders der Austausch mit so vielen Flintas* hat bei mir einen Denkprozess ausgelöst. Für mich war es heftig, zu merken, wie stark die Identität von Hip-Hop durch Sexismus geprägt ist. Bei Musik von früher gelingt es mir eher, zu relativieren, weil die ganze Gesellschaft noch auf einem ganz anderen Stand war. Heutzutage kann ich diskriminierende Musik nicht mehr nachvollziehen.
Du hast mit «Enter the Circle» und deiner Bachelorarbeit «Weisse Augen, Schwarze Haut» schon zwei sehr politische und emotionale Projekte umgesetzt.
Ich mag Projekte, die mich sehr berühren. Wenn ich etwas Emotionales aus meinem Leben mit der Welt teilen kann, passiert es viel eher, dass es auch andere Menschen dazu bewegt, etwas zu unternehmen. Das Projekt «Weisse Augen, Schwarze Haut» ist sehr persönlich. Es ist politisch und zeigt stark eine Perspektive auf, die ich auch schon erlebt habe. Bei dieser Arbeit war es mir wichtig, verschiedene Perspektiven von schwarzen Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, Altersgruppen und mit diversen Herkünften zu zeigen. Es gibt nicht nur eine Perspektive.
Was könnte Politik von Hip-Hop lernen?
Hip-Hop kann Missstände sehr explizit an sprechen. In der heutigen Zeit von Krieg und Genozid sollte man, auch wenn etwas kompliziert ist, eine klare Stellung beziehen dürfen und Genozid, Krieg oder Mord deutlich verurteilen. Im Hip-Hop werden Sachen sehr explizit und auch asozial mit Kraftausdrücken angesprochen. Er zeigt die Realität auf und redet nichts schön.
Als du beim SRF angefangen hast, sagtest du, dass du den Job als Moderatorin als Verantwortung siehst, um mehr Diversität in die Schweizer Medienlandschaft zu bringen. Wie ist dir das gelungen?
Ich trage diese Verantwortung natürlich nicht allein, aber es hat sich viel getan seit damals. Bei meinem Studiengang «Cast / Audiovisual Media» an der ZHK war ich die erste PoC, die diesen damals absolviert hat. Mittlerweile gibt es immer mehr. Wir sind sicher an einem Umbruchspunkt und dürfen jetzt jedoch nicht aufhören und denken, dass wir genug Diversität haben. Wachsende Vielfalt ist eine sehr positive Entwicklung für den Journalismus. Man kann vielschichtiger berichten und unterschiedliche Lebensrealitäten zeigen. Dies ist ein Auftrag, den wir als SRF haben. Ich habe sicher meinen Beitrag dazu geleistet, das Ziel ist aber noch nicht erreicht.
Wie wird deine Arbeit von der Schweizer Hip-Hop-Szene wahrgenommen?
Ich höre sehr viel nette und wohlwollende Kritik. Besonders als «Enter the Circle» herausgekommen ist, habe ich viele Komplimente erhalten. Obwohl ich sehr gut aufgenommen wurde, musste ich auch reinwachsen. Ich kannte die Schweizer Hip-Hop-Szene vor meinem Job als Moderatorin überhaupt nicht. Ich kannte nur Pronto und EAZ. Lacht. Mittlerweile weiss ich, dass es so viele krasse Künstler*innen in der Schweiz gibt und fühle mich sehr fest als ein Teil ihrer Hip-Hop Community.
Was gefällt dir am meisten an deinem Job?
Ich schätze die Vielseitigkeit und die enge Zusammenarbeit mit Menschen. Ich brauche viel Abwechslung, was ich in meinem Job definitiv habe. Durch meine Arbeit lerne ich die unterschiedlichsten Leute kennen und erfahre, was sie inspiriert.
Was macht die Schweizer Hip-Hop-Szene besonders?
Die Vielschichtigkeit, schon allein aufgrund der vier Landessprachen. Man hat sehr viele eigene Stile, die alle von anderen Szenen inspiriert sind. Die Französischsprachigen inspirieren sich an Frankreich und die Deutschsprachigen an Deutschland. Das bringt eine sehr wertvolle Mischung. Obwohl wir eine sehr kleine Szene sind, haben wir eine sehr hohe Diversität. Die neue Generation bringt ihren eigenen Stil mit und macht auch Schweizerdeutsch wieder cool. Die Schweiz fängt gerade an, ihren eigenen Sound zu entwickeln und auch langsam auf dem internationalen Markt mitzuhalten.
Welche Schweizer Hip-Hop-Künstler*in feierst du gerade am meisten?
Ich höre ständig Hotel Samar. Ausserdem habe ich gerade das Rapperinnen-Duo Bärn Baby entdeckt, die sehr viel frischen Wind mitbringen. Wichtig zu erwähnen ist auch, wie viele international erfolgreiche Musikproduzent*innen es in der Schweiz gibt. Viele Welthits kommen aus der Schweiz. Das ist ganz vielen Leuten gar nicht bewusst. Es gibt OZ, der unter anderem viel für Drake produziert, um nur einen zu erwähnen. Bei den Produzent*innen ist es jedoch noch fast wichtiger als beim Rappen, dass es in Zukunft mehr Flintas* gibt, da ihre Szene fast ausschliesslich aus Männern besteht. Respekt hat meiner Ansicht nach auch die Gruppe um Naija03, Shmoney112 und BendoCD verdient. Sie bringen das «strassige» mit rein und machen so eine Art von Hip-Hop, die international viel Potential hat. Zu guter Letzt muss Jamal erwähnt werden. Mit seinem letzten Projekt «BIS SPÄTER» hat er bewiesen, dass er zu den besten Rappern der Schweiz gehört.
Wie kann man als Hip-Hop-Hörer*in dazu beitragen, dass die Szene inklusiver wird?
Man muss die Flintas*, die bereits in der Schweizer Hip-Hop-Szene sind, unterstützen. Es ist sehr wichtig, dass es Vorbilder gibt, damit man selbst als Flinta*-Person den Ansatz findet. Ich gehe an viele ihrer Konzerte und schicke ihre Songs an meine Freund*innen. So kann man ihre Arbeit wertschätzen und die Chance vergrössern, dass es bald mehr Flinta*-Künstler*innen im Schweizer Hip-Hop gibt.
Sirah Nying ist 27 Jahre alt und studierte «Cast / Audiovisual Media» an der ZHdK. Heute macht sie sich als Moderatorin und DJ einen Namen.