«Unser Platz ist hier in Zürich»

In ihrem Musikprojekt Okvsho experimentieren die Brüder Georg und Christoph Kiss mit verschiedenen Genres und ernten damit grossen Erfolg. Ein Gespräch über authentischen Jazz und dessen Geschichte.

Florin Kohler (Interview) und Dylan James Moore (Foto)
27. Februar 2026

Montreux Jazz Festival, Europa-Tournee, ausverkaufte Shows unter anderem in einer der Jazz-Hauptstädten London, eigenes Musiklabel und über 500’000 monatliche Hörer*innen auf Spotify. Was macht dieser Erfolg mit euch?

Christoph: Sehr lange haben wir Musik gemacht, ohne dass uns jemand zugehört hat. Nun haben wir das Privileg, dass sicher ein paar Leute das Album hören werden. Klar will man bei dieser Vorarbeit kein schlechtes Album machen. Aber der Punkt wird kommen, an dem ein Projekt viel schlechter läuft als das letzte. Ich hoffe zwar, dass das nicht bei diesem Projekt der Fall sein wird, aber das gehört auch dazu.

  Georg: Dem kann ich nur zustimmen. Es geht darum, diese Möglichkeit ernst zu nehmen. Dass wir uns nicht nur über ein einziges Projekt definieren, hilft uns dabei, gelassen zu bleiben und trotzdem ambitioniert zu arbeiten.

In London und Berlin ist Jazz ein grosser Hype, vor allem bei jungen Menschen. Zwar kommt dieser vermehrt auch in der Schweiz an, ihr sprecht aber von Schwierigkeiten. Woran fehlt es? 

Christoph: Vermutlich an etwas Geduld. Wir spielen meistens nur einmal pro Jahr in Zürich und nehmen jedes Mal eine grosse Entwicklung wahr. Aber letztlich hängt vieles von einer lebendigen lokalen Szene ab. Je mehr Leute Jazz machen, desto mehr Leute hören ihn auch. 

Inwiefern? 

Christoph: Als wir angefangen haben, hat uns besonders die Beat-Making-Szene in Zürich geprägt – sie war stark lokal verankert, bot uns Vorbilder und Austauschmöglichkeiten. Mit unserem Label «Current Moves» veranstalten wir deshalb Konzerte und Parties und veröffentlichen die Musik von anderen Künstler*innen. 

Georg: Wenn Menschen in deinem Umfeld Ähnliches machen, wird aus einer individuellen Idee etwas Gemeinsames. Man merkt, dass andere diese Faszination teilen und dass daraus tatsächlich etwas entstehen könnte. Dies hilft, die eigene Arbeit nicht nur als abstrakten Versuch zu sehen. Wie Christoph gesagt hat, hätten wir ohne die damalige Beat-Making-Szene wohl aufgehört, Musik zu machen.

Jazz wird oft als akademisierte Musik wahrgenommen. Ihr habt beide keine Jazzausbildung. Wie werdet ihr in der Jazzszene aufgenommen? 

Georg: Das hat uns durchaus beschäftigt. Wir konnten diesbezüglich jedoch von der wachsenden Popularität der Modern-Jazz-Szene in Grossbritannien profitieren, die den Begriff musikalisch breiter  interpretiert und die institutionalisierte Vorstellung des Jazzbegriffs aufgelockert hat.

  Christoph: Für uns geht es weniger darum, uns vor einer akademisierten Jazzwelt rechtfertigen zu müssen. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir als zwei weisse Musiker in der Schweiz mit einem Begriff umgehen, der eine sehr konkrete Geschichte hat. Jazz ist aus der Unterdrückung und dem Widerstand der schwarzen Bevölkerung in den USA entstanden, und damit sollte man sich auseinandersetzen. Wir haben bereits darüber diskutiert, unsere Musik nicht mehr mit diesem Begriff zu verbinden, weil er ausserhalb dieses Kontexts vor allem als Marketinginstrument funktioniert. Jedoch kann die Verwendung des Begriffs auch bewusst auf die Ursprünge hinweisen und die Menschen würdigen, die diese Kunstform geschaffen haben. Die Akademisierung hat teilweise Gatekeeping-Strukturen hervorgebracht, die stark von weissen Institutionen geprägt sind. Wir grossen Respekt vor Menschen, die Jazz studieren und sich mit viel Engagement und Tiefe damit beschäftigen. Aber für uns steht vor allem die Frage im Zentrum: Wie können wir dieser Musik und ihrer Geschichte gerecht werden?

Was macht für euch guten Jazz aus?

Christoph: Alles, was rebellisch ist und eine gewisse Energie hat. Unser Jazz hat das nicht mal unbedingt *lacht*. Die besten Sachen kommen von Leuten, die Jazz in ihrer Situation aus Dringlichkeit genutzt oder ihn daraus entwickelt haben. Wenn jemand lange Jazz studiert hat und dann künstlich versucht, rebellisch zu spielen, nur damit es kompliziert wirkt, macht mir das am wenigsten Freude.

  Georg: Man merkt, wenn etwas authentisch ist. Viele Leute kommen aus der Jazzschule und können unglaublich viel, aber haben dann das Gegenteil von der Herausforderung, die wir haben: Wie lässt sich all das antrainierte Vokabular in eine persönliche Nachricht übersetzen. Uns hingegen hilft die Beschränktheit unseres Könnens dabei, etwas Authentisches zu schaffen.

Gerade arbeitet ihr an einem neuen Album. Wie geht es euch dabei?

Georg: Viele Leute stellen sich das als florierenden Prozess vor, bei dem man alle Ideen, endlich umsetzen kann. Bei uns schwankt die Stimmung alle zwei bis drei Tage: Mal sind wir sehr optimistisch, dann wieder kritisch bis ungewiss. Gerade haben wir Halbzeit im Albumprozess. Ende Februar muss es dann fertig sein. Im letzten Monat ist das Stresslevel relativ hoch. 

Christoph: Dazu kommt, dass wir uns nicht zwei Monate lang einschliessen und in dieser Zeit nur am Album arbeiten können. Man stellt sich das oft romantischer vor, als es ist.

 Was hat euch etwas Spezifisches zu diesem Album inspiriert?

Georg: Nicht direkt. Generell inspirieren uns Konzerte, weil Musik sich dort besonders ehrlich anfühlt. Wir stehen dann wie zwei Kritiker in der Ecke und weisen uns per Blickkontakt auf interessante Details hin, die wir selbst einbauen können. Diese persönliche Wirkung versuchen wir dann in unseren Produktionen neu zu übersetzen. Ansonsten beeinflussen uns auch aktuelle Releases stark.

Christoph: Ich höre generell viel Musik, aber sobald wir an einem Album arbeiten, verändert sich meine Wahrnehmung komplett. Alles, was ich höre, sehe oder um mich herum passiert, nehme ich automatisch als mögliche Inspiration auf und überlege, wie wir das musikalisch verarbeiten könnten. So entstehen ständig Listen von Dingen, die uns beeinflussen.

«A place between us» ist eine bunte Mischung aus UK-Jazz, Baile funk, Dem-Bow, modernem Samba, Reggaeton und Hip-Hop. Welche Mischung wird es auf dem neuen Album?

Georg: Es wird wohl einfacher sein, das ganze Album als ein Genre zu beschreiben. Bei «A place between us» wussten wir von Anfang an, was für Songs wir machen wollen. Dieses Mal entsteht das Album in kurzer Zeit, ohne übergeordnetes Konzept, und funktioniert deshalb mehr als Momentaufnahme eines bestimmten Zeitgefühls.

Welches Genre? 

Christoph: Wir haben uns noch nicht genau überlegt, wie wir es nennen sollen. Aber ich höre gerade wieder viel Musik aus den 90ern und frühen 2000ern – Broken Beat, Trip-Hop und Neo-Soul. Diese Soundästhetik wird auf dem Album sicher spürbar sein, im Gegensatz zu den letzten Projekten, die eher von einer 70er-Jahre-Ästhetik geprägt waren.

Welcher Teil des Albumprozesses macht euch am meisten Spass?

Georg: Kaffeepause. *Beide lachen* Es ist schwierig, den Moment richtig zu beschreiben. Wenn man lange an einem Teil eines Songs getüftelt hat, der noch nicht ganz funktioniert, dann am Abend nach Hause geht und sich das am nächsten Tag nochmals anhört und es gut klingt, denkt man sich: Da habe ich jetzt richtig gearbeitet. Es sind diese kleinen Belohnungen während des Prozesses, die einem Freude bereiten.

Christoph: Absolut. Wir sind uns nicht immer direkt einig, oft braucht es Zeit und Diskussion. In seltenen Momenten probieren wir aber etwas aus, schauen uns dann an und spüren beide: Jetzt stimmt’s. Das sind die besten Augenblicke im ganzen Prozess.

Ihr macht das Projekt «Okvsho» nur nebenbei, weshalb nicht Vollzeit? 

Christoph: Ich sehe «Okvsho» nicht als Nebenprojekt – aber genauso wenig sehe ich meine anderen Tätigkeiten nur als nebensächlich. Ich habe mehrere Jobs und Projekte, die für mich gleichwertig nebeneinander stehen, und genau diese Mischung brauche ich, um inspiriert zu bleiben. Für viele ist dies schwer nachvollziehbar. Es existiert die Vorstellung, dass der Traum darin besteht, sich voll und ausschliesslich auf ein Musikprojekt zu konzentrieren. Mein Traum ist viel eher, in verschiedenen Rollen und Projekten arbeiten zu dürfen.

Was bleiben euch für Ziele?

Georg: Ein Ziel ist es sicher, weiterhin an unterschiedlichen Orten spielen zu können. Bei unseren Auftritten treffen wir ständig auf Personen, die das Projekt seit Jahren begleiten und unterstützen. Diese Begegnungen erinnern uns daran, worum es eigentlich geht: Um die Energie, die Musik zwischen Menschen entfalten kann. Entsprechend ist es auch ein Ziel, diese Verbindungen nicht nur zu erweitern, sondern auch zu festigen. So dass ein Projekt auch mal nicht so gut ankommen kann, aber trotzdem Leute an unsere Konzerte kommen. 

Christoph: Auf der künstlerischen Seite verfolgt man das Ziel, sich selbst weiterzuentwickeln. Das kann vielleicht mal darüber hinausgehen, ein Musikalbum zu machen. Vielleicht drehen wir mal einen Film und machen Musik dazu. Auf der anderen Seite fände ich es bei unserem Label «Current Moves» toll, wenn wir noch mehr aufstrebenden Künstler*innen eine Plattform bieten könnten. 

Ihr habt im Interview bei Helvetica gesagt, dass ihr noch auf der Suche nach eurem Platz seid. Wo wollt ihr hin?

Christoph: Eigentlich haben wir unseren Platz schon gefunden: Zwischen all den Leuten, die bei unseren Projekten mitmachen. «Okvsho» zeichnet sich durch die Konstanz aus, die wir durch die Leute um uns herum haben. Nicht nur in der Band, sondern auch im Bereich Grafik sind viele von Anfang an dabei. Auch bei unserem Label sind wir schon lange. Unser Labelchef hat uns vor kurzem gesagt, dass wir grosses Glück haben, hier in Zürich in unserem Kreis kreativer Leute eingebettet zu sein. Das stimmt total. Unser Platz ist nicht in London, sondern ist hier – zwischen all unseren Leuten in Zürich.