«Wegen Spotify sind viele Musiker*innen heute burnoutgefährdet»
Kultur — Fräulein Luise war vom ersten Konzert an erfolgreich. Zuletzt ist es jedoch ruhiger geworden um die Zürcher Indie-Band. Nun bringt sie ihr erstes Album heraus – und findet klare Worte zur Musikindustrie von heute.
«Fräulein Luise? Das habe ich früher auch einmal gehört.» Dieser Satz tut Paula Scharrer ein wenig im Herzen weh. Seit der ersten Stunde ist sie Teil der vierköpfigen Indie-Band Fräulein Luise: Sie schreibt Songtexte, singt und steht mit mehreren Instrumenten auf der Bühne. Fünf Jahre nach der Bandgründung und fast vier Jahre nach ihrer ersten und bisher einzigen Veröffentlichung bringt das Zürcher Quartett im März 2026 sein erstes Album heraus.
Die vierjährige Pause nach ihrer EP «Kleine Freiheit», nur von wenigen Releases unterbrochen, hat mehrere Gründe. «Marketingtechnisch ist das wohl das Dümmste, was man machen kann», sagt Paula halb schmunzelnd, halb selbstkritisch. «Für die Musik war es jedoch die richtige Entscheidung.» Olivia Merz, Aliosha Todisco und Paul Studer, die gemeinsam mit Paula die Band komplettieren, arbeiteten in dieser Zeit am neuen Album. Es entstand im vergangenen Sommer in Deutschland, noch ohne Plattenvertrag. Die Band unterschrieb erst, als «Vielleicht nicht für immer» fast fertig war.
Die Band wird erwachsen
Fräulein Luises Debüt 2022 war zunächst ausserordentlich erfolgreich. «Als blutjunge Band – wir waren damals noch Gymischüler*innen – dachten wir: The sky is the limit. Und dieser Ansatz ist gut aufgegangen», erinnert sich Paula. Die ersten Konzerte waren ausverkauft, rasch spielte Fräulein Luise als Vorband grosser Namen der Szene wie Wanda oder Von wegen Lisbeth. Mehrere Songs der EP «Kleine Freiheit» wurden über 100’000-mal gestreamt. Dennoch war der Anspruch an die Musik für «Vielleicht nicht für immer» ein anderer.
Inzwischen sind die Bandmitglieder alle 22 Jahre alt. Paula sagt, sie sei heute erwachsener, rockiger und weniger brav. Die zuvor noch etwas jugendliche Musik soll sphärischer werden. Treu geblieben sei man sich hingegen bei den Texten. «Im Album geht es hauptsächlich um das Bleiben und Gehen. Alle Texte erzählen persönliche Geschichten von Bandmitgliedern oder Menschen aus unserem Umfeld», sagt die Songwriterin.
Ein Beispiel dafür sei die Entstehungsgeschichte vom Song «Euer Normal». Schlagzeuger Aliosha habe Paula an einem Nachmittag erzählt, wie es ihm geht, und sich ihr dabei richtig anvertraut. Anschliessend versuchte sie, Worte für seine komplexe Gefühlswelt zu finden. «Diese Sequenzen sind sehr schön und zeigen auch, wie wir neben der Musik gute Freund*innen geworden sind.»
Ein Einschnitt
Doch über dieser Bandidylle ziehen bald Wolken auf. «Olivia hat uns mitgeteilt, dass sie sich ab Sommerbeginn aus der Band zurückziehen will», erzählt Paula. Die Sängerin und Pianistin studiert an der Universität Zürich Religionswissenschaften und möchte sich künftig stärker darauf konzentrieren. Zu viert habe die Band auch als enge Gemeinschaft funktioniert. Das falle nun weg. «Unsere Freundschaft werden wir dennoch weiter pflegen.»
Die Nachfolge steht bereits fest: «Helena Bühler studiert seit einigen Jahren mit unserem Bassisten Paul an der Universität Luzern Jazz und wird hoffentlich viel neue Dynamik in die Band bringen.» Zwar müsse sich die neue Gruppendynamik erst finden, doch die Freude über den musikalischen Input überwiege.
Daneben bewegt sich die Band in einer Branche, die jungen Gruppen wenig Spielraum zulässt. «Eigentlich wollen wir nichts anderes als Musik zu machen», sagt Paula. Doch natürlich müsse diese auch verkauft werden. Das Problem der aktuellen Situation in der Branche sei, dass die Musikschaffenden für ihre Musik kaum bezahlt werden. Stattdessen müsse man sie auf Streamingplattformen wie Spotify zur Verfügung stellen, damit die Leute sie überhaupt hören können.
Alle Rechte an KI
Zum einen sind da die Einnahmen gering: Mit 1,5 Millionen Streams hat Fräulein Luise bei Spotify bislang rund 6'000 Franken verdient. «Zum anderen müssen wir inzwischen sogar alle Rechte abgeben, damit Spotify unsere Musik vollständig in sein generatives KI-Tool einspeisen kann», erklärt Paula. «Das ist für uns hochproblematisch: Wir liefern die Grundlage für KI-Musik, die vom Streamingdienst gepusht wird, und erhalten dafür nicht einmal Geld.»
Dennoch verfolgt Fräulein Luise weiterhin den Traum, die Passion eines Tages zum Beruf zu machen. Doch das hat seinen Preis. «In der Musikszene sind heute viele Kunstschaffende akut burnoutgefährdet», sagt Paula. Durch Streaming sei Musik schnelllebiger geworden und man müsse aktiv dafür sorgen, nicht vergessen zu werden: «Früher kaufte man Tonträger, stellte sie irgendwann in die Ecke und nahm sie später wieder hervor.»
Zugleich macht das Album den Vieren Hoffnung, dass es erfolgreich anläuft und etwas Entlastung bringt. «Man ist zwar realistischer geworden und weiss, was für ein hartes Pflaster die Musikbranche sein kann, aber dieses Album ist für uns eine riesige Chance», sagt Paula. Fräulein Luise hofft, dass «Vielleicht nicht für immer» ein nächster Schritt ist, um irgendwann zu jenen deutschsprachigen Indie-Bands zu gehören, die von der Musik leben können. Zumindest soll das Album wieder für eine volle Konzertagenda in der Schweiz und Deutschland sorgen. Denn vor Publikum zu spielen, sei für sie nach wie vor das Schönste.