Sie macht Wissen um den Holocaust zugänglich. Foto: Ina Lebedjew.

«Menschen sollen selbst anfangen zu recherchieren»

Gesellschaft — Susanne Siegert klärt auf Tiktok über Naziverbrechen auf und erreicht damit mehr als 200'000 Menschen. Ein Gespräch über digitale Erinnerungskultur und was Gedenken leisten soll.

Lucie Reisinger (Interview)
16. September 2026

Susanne, deine Kanäle auf Tiktok und Instagram heissen «keine.erinnerungskultur ». Weshalb keine?

Der Name ist spontan entstanden. Ich hatte einen Podcast von der ZEIT mit Jens-Christian Wagner gehört, dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald/Mittelbau-Dora. Er sagte, dass man streng genommen nicht von «Erinnerung» sprechen könne, weil man sich nur erinnern kann, wenn man es selbst erlebt hat. Ich bin da nicht dogmatisch, fand aber den Gedanken spannend, dass sich auch die Begriffe ändern sollten, wenn sich die Art des Gedenkens verändert. Etwa, wenn es keine Überlebenden mehr gibt, die aktiv daran teilnehmen können.

Welchen Begriff würdest du stattdessen vorschlagen? 

Ich finde den Begriff «Gedenkarbeit» treffender, weil er betont, dass es sich um Arbeit handelt, die von vielen Menschen geleistet wird. Aber ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen den Begriff «Erinnerungskultur».

Die Recherche zu NS-Verbrechen ist komplex. Wie gehst du dabei vor? 

Ich habe niemanden, der meine Inhalte gegenliest, aber ich orientiere mich stark am Zwei- Quellen-Prinzip aus dem Journalismus, um möglichst keine falschen Informationen zu verbreiten. Natürlich können trotzdem Fehler passieren. Das lässt sich nicht ganz vermeiden. Ich habe mir aber über die Zeit gute Rechercheskills angeeignet und versuche, solche gröberen Fehler möglichst zu vermeiden und glaube auch, dass mir das in der Regel gelingt.

Wie kamst du dazu öffentlich Aufklärungsarbeit zu leisten?

Der Ausgangspunkt war meine Recherche zu einem ehemaligen Aussenlager des KZ Dachau, nur etwa zwanzig Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Das Gelände wirkt heute wie ein normaler Wald und erinnert auf den ersten Blick kaum an ein Lager. Das hat für mich viel verändert, weil ich zuvor den Holocaust eher mit entfernten Orten wie Auschwitz verbunden hatte. Durch die Recherche wurde mir klar, wie nah diese Geschichte eigentlich ist. Ich habe begonnen, dazu in Archiven zu recherchieren und die Ergebnisse zunächst auf Instagram zu teilen, später dann auch auf Tiktok. Daraus ist der Kanal entstanden. Ein paar Jahre später fragte mich ein Verlag, ob ich ein Buch schreiben möchte.

Studien zeigen, dass viele junge Menschen die NS-Aufarbeitung zwar für wichtig halten, gleichzeitig aber nicht glauben, dass ihre Vorfahren Täter*innen waren. Wie erklärst du dir das?

 Ich denke, dass das eine Mischung aus verschiedenen Faktoren ist. Einerseits wissen viele gar nicht, wie sie recherchieren können. Wenn sie es wissen, tun sie es oft auch – gerade jüngere Menschen. Andererseits fällt es älteren Generationen oft schwer, klare Worte für die Täterschaft zu finden. Wenn man eine Person mit positiven Kindheitserinnerungen verbindet, ist es schwierig, sie gleichzeitig als Täter*in zu sehen. Jüngere Generationen haben diese emotionale Bindung oft nicht mehr und können deshalb klarer sprechen. Es braucht folglich mehr Recherchewissen und einen weiter gefassten Täterbegriff. Gleichzeitig müssen Archive zugänglicher werden und bei der Einordnung helfen.

Das US-Nationalarchiv hat Mitte März dieses Jahres die NSDAP-Mitgliederkartei freigeschaltet. Wird das etwas verändern? 

Teilweise. Der Zugang ist einfacher, weil man Namen direkt eingeben kann. Das ist deutlich niedrigschwelliger als jener über das Bundesarchiv. Gleichzeitig sind die Ergebnisse oft schwierig zu interpretieren, und es besteht die Gefahr, falsche Schlüsse zu ziehen: Wer nichts findet, denkt schnell, die eigene Familie sei nicht beteiligt gewesen. Das muss aber nicht stimmen. Ich bin gespannt, was in Deutschland passiert, wenn die Sperrfristen ablaufen, und hoffe, dass das Bundesarchiv die Daten verständlich zugänglich macht.

Hat sich seit dem 7. Oktober etwas in deiner Community verändert? 

Ja, definitiv. Viel stärker, als ich erwartet hätte. Ich fand es erschreckend, dass es so wenig Raum für Empathie mit jüdischen Opfern des Holocausts gibt. Kaum hatte ich ein Reel über griechische Jüd*innen, die von einer Insel mit Schiff und Zug nach Auschwitz verschleppt wurden, gepostet, war der erste Kommentar, dass die Jüd*innen jetzt das selbe in Gaza machen würden, obwohl es im Reel gar nicht darum ging. Solche Reaktionen zeigen, wie schnell historische Inhalte politisch überlagert werden. Es ist kaum möglich, über historische Verbrechen zu sprechen, ohne dass sofort sehr verkürzte Vergleiche auftauchen. Das ist frustrierend.

Sollte man nicht vergleichen dürfen? 

Doch, natürlich. Vergleiche sind eine wissenschaftliche Methode, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Auch Konflikte wie der Nahostkonflikt und der Holocaust lassen sich in bestimmten Aspekten vergleichen. Problematisch wird es erst, wenn solche Vergleiche ohne Kontext oder mit dem Ziel gezogen werden, Dinge vorschnell gleichzusetzen – etwa in kurzen Social-Media-Formaten. Ein sinnvoller Vergleich sollte dem Verstehen dienen, nicht vereinfachenden Schlussfolgerungen.

Wie sinnvoll findest du Hashtags wie «Nie wieder»? 

Sie haben eine wichtige Signalwirkung. Man sieht sie und weiss sofort, in welchem thematischen Kontext man sich bewegt. Insofern sind sie sinnvoll und können auch neue Menschen erreichen. Problematisch wird es erst, wenn sie zur einzigen Form des Gedenkens werden, also wenn es dabei bleibt, am Gedenktag eine schwarze Kachel mit «Nie wieder » zu posten und man für sich das Gefühl hat: Das war’s jetzt. Ich würde trotzdem sagen: besser so ein Hashtag als gar nichts. Doch gerade Menschen mit grösserer Reichweite oder Politiker*innen können und sollten mehr tun, als nur solche Symbole zu setzen.

In deinem Buch machst du die Aussage, dass Gedenken einen nicht automatisch zu einem demokratischeren Menschen macht und auch im Umgang mit dem Rechtsruck nicht unbedingt entscheidend ist. Was meinst du damit? 

Die Vorstellung, jemanden in eine Gedenkstätte zu schicken, damit dieser als «besserer Mensch» wieder herauskommt, halte ich für problematisch. Gedenken sollte nicht daran gemessen werden, ob es Menschen automatisch besser oder demokratischer macht. Ich denke, dass diese Erwartung inzwischen als Massstab angelegt wird; als wäre Gedenken nur dann «gut», wenn am Ende die «richtige» politische Haltung dabei herauskommt. Das führt aber dazu, dass viele Themen in den Hintergrund geraten, aus denen sich keine solche klaren oder erwünschten Lehren ziehen lassen. Warum sollte man dann zum Beispiel über die Errichtung einer SS-Durchgangsstrasse sprechen, die durch Zwangsarbeit von ukrainischen Jüd*innen gebaut wurde, wenn daraus am Ende keine direkte politische Lehre gezogen werden kann – etwa, nicht die AfD zu wählen.

Was sollte Gedenken stattdessen leisten? 

Das Ziel muss erst einmal sein, darüber zu sprechen, weil es passiert ist – aus Respekt gegenüber den Opfern und weil diese Geschichte Teil unserer Gegenwart ist. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem sowohl Nachfahr*innen von Täter*innen als auch von Opfern leben, ist das eine grundlegende Aufgabe. Natürlich kann Gedenken auch dazu führen, dass Menschen reflektierter oder vielleicht sogar demokratischer werden. Aber das sollte sich eher ergeben und nicht die Voraussetzung sein.

Warum eignen sich Tiktok und Instagram für Gedenkarbeit? 

Weil es Menschen dort erreicht, wo sie ohnehin Zeit verbringen. Plattformen wie Tiktok sind längst nicht mehr nur Unterhaltung, sondern auch politische Räume, in denen sich viele Menschen informieren. Natürlich besteht die Gefahr der Vereinfachung, aber ich halte das nicht für problematisch, solange nichts Wesentliches ausgelassen wird. Das ist auch bewusst mein Ziel: Inhalte in einer Sprache zu vermitteln, die zugänglich ist und Menschen erreicht, die vielleicht nicht zehn Jahre lang Geschichte studiert haben.

Sollten Gedenkstätten und Historiker*innen stärker auf Plattformen wie Instagram präsent sein? 

Unbedingt. Ich wünsche mir, dass dafür mehr Unterstützung entsteht. Diese Kanäle werden oft nicht ernst genug genommen oder es fehlen die nötigen Ressourcen. Dabei bieten sie eine grosse Chance, Themen sichtbar zu machen und neue Zielgruppen zu erreichen.

Was möchtest du damit bewirken? 

Das schönste Feedback ist, wenn Menschen sagen, dass sie selbst angefangen haben zu recherchieren. Das ist auch mein Ziel; sowohl mit dem Buch als auch mit Instagram. Mir geht es darum, dass Leute verstehen, wie Gedenken funktioniert und sich zum Beispiel fragen: Was wird am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, bei offiziellen Veranstaltungen gesagt, und wie wird darüber in sozialen Medien gesprochen?

Muss sich an der heutigen Art, wie wir Gedenken grundsätzlich etwas ändern? 

Mir geht es vielmehr um eine Erweiterung als um eine grundsätzliche Veränderung. Ich möchte auch gar nicht primär Kritik an Schulen oder Gedenkstätten üben. Diese Formen des Gedenkens haben ihre Berechtigung und bleiben zentral. Wichtiger ist, dass man zusätzlich eine persönliche Auseinandersetzung ermöglicht, zum Beispiel durch eigene Recherche. Gerade mit Bezug zum eigenen Umfeld kann das das Thema noch einmal greifbarer werden.

Inwiefern? 

Wenn man in Dokumenten, Interviews oder Protokollen plötzlich Strassennamen, Orte oder sogar Firmennamen wiedererkennt, die einem aus dem Alltag vertraut sind, merkt man, dass diese Geschichte nicht weit weg ist, sondern direkt mit dem eigenen Leben zu tun hat. Das holt einen auch ein Stück weit aus der Komfortzone heraus. Gleichzeitig kann das helfen, verbreitete Mythen zu hinterfragen, zum Beispiel die Vorstellung, dass damals niemand etwas gewusst habe. Wenn man sieht, wie nah solche Orte und Ereignisse tatsächlich waren, wird deutlich, dass diese Annahme so nicht stimmen kann.

Du sprichst meist über die deutsche Tätergesellschaft. Was verändert sich, wenn du vor einem Publikum in einem anderen Land sprichst, das sich nicht damit identifiziert ? 

Ich denke, dass die Inhalte auch für Menschen relevant sind, die keinen persönlichen Bezug zur Tätergesellschaft haben. Gerade über den Umgang mit Geschichte im Allgemeinen und im eigenen Land kann man viel lernen.

Susanne Siegert ist 1992 in Burghausen, Deutschland, geboren, hat Journalismus studiert und 2025 ihr Buch «Gedenken neu denken» veröffentlicht. Aktuell schreibt sie an einem weiteren Buch.