Sexuelle Gewalt vor Augen geführt
Kultur — Performance-Künstlerin Carolina Bianchi nimmt auf der Bühne an der Gessnerallee K.O.-Tropfen. Mit ihrem Stück zeigt sie dem Publikum, wie sie selbst und andere vergewaltigt wurden.
Es ist dunkel im Saal. Kaum jemand tuschelt, es herrscht angespannte Stille. Das Publikum wurde mehrfach vorgewarnt: das Stück werde kein Leichtes. Vor der nun geschlossenen Einlasstüre stehen zwei Psycholog* innen bereit. Carolina Bianchi, die Protagonistin ihres eigenen Stückes, betritt festen Schrittes die Bühne. «Cadela força» – Brasilianisch für Schlampenpower – scheint sie den Titel ihres Performance-Theaters mit ihren Schritten in den Boden schreiben zu wollen.
In aller Seelenruhe steht sie an einem Tisch, der mittig vor einer Leinwand steht, die die ganze Höhe und Breite der Bühne einnimmt, und schüttet ein Pulver auf ihr Handybildschirm. Das Pulver wandert vom Handy ins Glas und Bianchi schaut lächelnd, mit einem Strohalm in ihrem Getränk rührend, ins Publikum. Gin Tonic und K.O.-Tropfen oder «Boa noite Cinderella», «Gute Nacht Cinderella», wie man K.O.-Tropfen umgangssprachlich in Brasilien nennt. Solange sie sich wach halten kann, wird sie ihre Re cherchen vortragen. Recherchen über sexuelle Gewalt an Frauen, über Femizide, über Misogynie. Wenn sie einschläft, übernimmt das Kollektiv den weiteren Verlauf der Performance.
Nichts rächt eine Vergewaltigung
Sie verweist auf einen Stapel an Dokumenten und beginnt zu erzählen, von Pippa Bacca, einer italienischen Performance-Künstlerin, die mit ihrer besten Freundin in Brautkleidern per Autostopp durch Osteuropa reiste. Ihre Regel war: Wenn jemand sie mitnehmen will, steigen sie ein, egal wer die Person ist und wie sie aussieht. Sie wollten ihren Glauben an das Gute der Menschheit beweisen. Die Freundinnen trennten sich infolge eines Streit darüber, ob sie in ein Auto einsteigen oder nicht. Pippa stieg alleine ein. Der Mann vergewaltigte und ermordete sie. Sie erzählt von sich selbst, von der Unmöglichkeit, mit dem Wissen umzugehen, unwissentlich betäubt und vergewaltigt worden zu sein. Von all den Erinnerungslücken, die sie verzweifelt zu füllen versucht und die sie tagtäglich beschäftigen. Und weiter, wie sie in ihrem Stück und den Recherchen eine Befreiung findet – zumindest teilweise. Sie erzählt von der Wucht des Herun terredens ihrer Erlebnisse durch andere. Die Anderen, die ihr eine Teilschuld unterschieben und sagen, sie habe sich durch ihr Überleben genug gerächt. Aber Überleben ist nicht die grösste Rache. Nichts rächt eine Vergewaltigung.
Das Bewusstsein schwindet
Nervöses Erwarten mischt sich mit dem Grausen vor ihren Erzählungen, bis ihre Bewegungen nach einer Karaoke-Einlage, die ihrer Wut freien Lauf lässt, langsam fahriger werden. Als sie kaum noch Sätze herausbringt und im Stehen beinahe einschläft, räumt sie den Tisch frei, an dem sie vorhin noch gesessen hat, legt sich drauf und denkt noch, kurz bevor sie ihren Kopf ablegt, daran, die Kerze hinter ihr zu löschen. Einen Moment lang bewegt sie sich noch, dann Stille. Gute Nacht, Cinderella. Die Stille muss ausgeharrt werden. Langsam kommt Bewegung auf die Bühne, die Leinwand hebt sich und Skelette auf Erdhügeln, Matratzen und Decken sowie ein Auto werden sichtbar.
Bianchi wird an den Rand der Bühne getragen und dort in ein Nachthemd gekleidet, während das Ensemble beginnt, Tequila-Flaschen zu öffnen und sie sich über den Körper zu leeren. Der Dunst zieht durch die Zuschauer*innenreihen hinweg und stimmt den Beat der darauffolgenden Partyinszenierung ein. Menschen, die sich anmachen und rummachen, orientierungslos über die Bühne wirbeln, sich mühsam über die Bühne schleppen, unwissentlich abgefüllt, abgeschleppt werden. Sie tanzen und tanzen, setzen sich neben der schlafenden Bianca auf den Boden, berühren sie, fahren den Nähten ihres Nachthemdes nach. Eine Frau, neben einem Auto stehend, spricht von stählernen Körpern und Händen, von gefühllosen Maschinen und kurz darauf liegt sie auf der Motorhaube und wölbt sich unter Stöhnen – oder sind es vielmehr Schmerzenslaute? Leidenschaft? Angst? – dem Auto entgegen.
Das Auto wird nun umfunktioniert, Bianchi in den Kofferraum verfrachtet. Man sieht durch die Windschutzscheibe hindurch das Kollektiv als Freund*innen während einer Autofahrt. Sie singen und lachen. Dazwischen wird es ruhig und die Freund*innen berichten von Träumen, Erinnerungen und Traumata. Das Auto füllt sich mit Rauch, Bianchi immer noch im Kofferraum liegend. Sie wird auf einen Tisch gelegt, ihre Beine werden gespreizt. Ihre Freund*innen tragen Einweghandschuhe und beginnen, ihre Unterwäsche aufzuschneiden. Eine Kamera wird in ihre Vagina eingeführt, oder zumindest sieht es danach aus, als auf den Leinwänden Aufnahmen ihres Uterus’ erscheinen.
Opfer und Kompliz*in zugleich
«SHE GOT LOVE» steht in roten Lettern auf der Leinwand, vor der Bianchi sanft für den Applaus aufgeweckt wird. Bianchi entwickelte «The Bride and The Good Night Cinderella» als ersten Teil der Cadela-força-Triologie am DAS Theatre Amsterdam. Am Festival d’Avignon 2023 hatte das Stück seine Premiere und gewann internationale Sichtbarkeit. Am 29. März 2026 führten sie und ihr Kollektiv das Stück an der Gessnerallee in Zürich auf. Mitanzusehen, wie K.O.-Tropfen wirken, schockiert. Die Inszenierung war teilweise unausstehlich akkurat, aber die Geschichten überraschten nicht. Und das war wohl das Brutalste am Stück. Die Geschichten, die erzählt wurden, kamen einem bekannt vor und gleichzeitig so tiefgründig absurd. Jedoch: Es wurde keine Sekunde an ihrer Wahrhaftigkeit gezweifelt.
Die Geschichten vermischten das Jetzt und das Damals, verwischten die Grenzen von Pippa und allen anderen Frauen, von Pippa und dem Publikum, die sich vielleicht nur aus einer verschieden getroffenen Entscheidung ziehen lassen. Die Zuschauer* innen werden während des Stücks zu Opfern, weil es auch sie hätte treffen können. Gleichzeitig wurde man zu Kompliz*in der Verbrechen. Stillschweigend zusehend, Privatsphären zertrampelnd, wegschauend und sich schämend. Nach dem Verstummen der Standing Ovation blieb es länger ruhig als sonst. Man umarmte sich und liess den Horror erst Mal sacken.