Vorhang zu für Theater Stok?

Das Theater Stok und dazugehörige Theatermuseum haben in ihren 5 Jahrzehnten am Hirschengraben einiges erlebt. Nun streicht der Stadtrat seine Subventionen für die Kulturinstitution.

Viviane Fluck (Text) und Lucie Reisinger (Foto)
17. November 2025

Auf jedem Stuhl sind sorgfältig ein Flyer und ein Schoggiherzli platziert. Währenddem ich darauf warte, dass Peter Doppelfeld und Christina Steybe, das Leitungsteam des Museums, mit Prosa und Lyrik in die Welt der Liebe eintauchen, zähle ich die Masken an den mit Holz bekleideten Wänden des Ritterzimmers. Ich komme auf 21. Im Rahmen von «Zürich liest» lesen Doppelfeld und Steybe Gedichte, Märchen und Teile von Romanen vor.

Die Erzählungen rund ums Thema Liebe aus diversen Jahrhunderten und Medienarten fesseln das Publikum – auch Leser*innenbriefe aus 20 Minuten sind mit dabei. Mal höre ich ein bestürztes «Ui nei!», mal ein vergnügtes Kichern aus den Reihen. Das sogenannte Ritterzimmer, in dem die Veranstaltung stattfindet, ist stilvoll beleuchtet. Das Museum erstreckt sich über die drei Stockwerke der ehemaligen Fabrikantenvilla an der Limmat in der Nähe des Limmatplatzes. Masken, Kostüme, Handpuppen, Fotografien, Bühnenbilder, Plakate und Briefe zieren die Wände und türmen sich auf Fensterbänken. Auf Erkundungstour durchs Haus - mit einem Gläschen Wein in der Hand -  treffe ich ab und zu auf andere Gäste,wir machen uns gegenseitig auf sonderliche Entdeckungen aufmerksam. Wenn Doppelfeld oder Steybe gerade in Hörweite sind, teilen sie bereitwillig ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Geschichten der Requisiten mit uns.. Ich bleibe vor einer dunklen, deckenhohen Holztafel stehen, an der aus Raffeln gebastelte Masken hängen. 

Doppelfeld erinnert sich daran, dass diese nur eine von vielen Tafeln war, die das Bühnenbild für das Stück «Hui und Pfui» bildeten. Aus Platzgründen sind nicht komplette Bühnenbilder, sondern oft nur ausgewählte Teile davon im Museum zu finden. Die Eigenproduktion «Hui und Pfui» aus den 1980er-Jahren erzählte von der wechselvollen Karriere und dem reichhaltigen Liebesleben einer unternehmungslustigen Frau in den derben Zeiten des Dreissigjährigen Kriegs. Darin hiess es, dass die Haut der Soldaten so rau wie Raffeln gewesen sei, sagt Doppelfeld. Inspiriert von dieser Textstelle zogen Doppelfeld und die damalige Theaterleiterin Erica Hänssler los,  um in Brockenhäusern Raffeln für die Metallfratzen zu besorgen. Auch wenn man also vergebens nach kleinen Infotafeln mit Namen und Datum sucht, wird man über die Requisiten keineswegs im Dunkeln gelassen. Viel besser noch, man erhält persönliche Einblicke darin, was es bedeutet, Theater zu machen. 

Das Theater Stok, Materiallieferant und eng verwoben mit dem Theatermuseum, wurde 1970 vom polnischen Theaterliebhaber Zibigniew Stok gegründet. Bevor das Theater 1971 am Hirschengraben einzog, wurde an der Leonhardstrasse in einem Raum der ETH Zürich geprobt, inszeniert und applaudiert. Zwanzig Jahre lang leiteten Stok und seine Lebenspartnerin Hänssler das Theater. Das Kleintheater wurde zu einem wichtigen Gegenpendant zu den etablierten Kultureinrichtungen Zürichs. Nach Stoks Tod im Jahr 1990 übernahm Hänssler gemeinsam mit Doppelfeld die Leitung. Zu zweit meisterte das Duo alle Aufgaben, die in einem Theater so anfallen, von der Auswahl oder Kreation der Stücke über die Verwaltung und Vermarktung bis hin zur Inszenierung. Ganz ohne zusätzliches Personal. 

Doppelfeld erklärt: «Erica war auf der Bühne und ich an der Technik. Manchmal trat ich zwischendurch kurz auf die Bühne, wenn es einen zweiten Charakter brauchte». Wenn sich jeweils die Premiere näherte, dann verschmolzen Tag, Nacht und Arbeit zu einem, so Doppelfeld über diese nervenaufreibende Zeit. Aufgrund des Aufwands führten sie normalerweise nur ein bis zwei Eigenproduktionen im Jahr durch. Das Theater bereitete  war auch Bühne für viele Gastauftritte, welche das Programm des Theaters ergänzten. Nach Hänsslers Tod im Jahr 2016 lag die Verantwortung allein auf Peters Schultern, sodass er temporäre Regisseur*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen mit ins Boot holte. Steybe kuratierte 2020 die 50-Jahre Jubiläumsausstellung im Stadtarchiv und ist seitdem bei Theater und Museum mit dabei.

Finanziert werden das Theater Stok und das Theatermuseum durch Einnahmen aus Eigenproduktionen und Vermietungen für Gastspiele sowie Subventionen der Stadt Zürich. Die Räumlichkeiten des Theatermuseums werden gemäss Doppelfeld auch für diverse Events aus der Kultursparte, wie beispielsweise «Zürich liest», genutzt. Im Rahmen der neuen Ausrichtung der Tanz- und Theaterförderung von der Stadt Zürich entschieden die Jury und die Stadtpräsidentin Corine Mauch im Jahr 2023, die Subventionen für das Theater Stok zu streichen. «Das war recht ein Schock», erinnert sich Doppelfeld an den Entscheid. Trotz aller Bemühungen in Form von Petitionen, Gesuchen für neue Businesspläne und Fundraisings konnte der Stadtrat nicht überzeugt werden, das Theater Stok weiterhin zu unterstützen. Daraufhin lud Doppelfeld einen Kreis von Kunstschaffenden ein, die teilweise über Jahre im Theater Stok aufgetreten sind, und informierte über die neuen Entwicklungen mit der Absicht, seine Nachfolge für das Theater zu finden. So bildete sich ein Kollektiv aus neun Kunstschaffenden, die dem Theater eine Zukunft geben möchten. 

Auf Ende Jahr werde also ein Bruch stattfinden, bestätigt Doppelfeld. . «Aber die Hauptsache ist, es geht weiter», fügt er an. In einer Pressemitteilung vom 23. Oktober, die den Rücktritt Doppelfelds aus der Theaterleitung auf Ende Jahr verkündete, wurde das Kollektiv und sein Leitbild vorgestellt. Durch Investitionen in Technik und Projekte wie einer flexibleren Bestuhlung wollen sie das Theater attraktiver gestalten, auch für Tanz und andere Kunstformen. Die Pressemitteilung vermittelt Ideen und Pläne für inhaltliche Akzente, die das Kollektiv neu einführen will. Da das Theatermuseum direkt mit dem Theater verknüpft ist, läuft auch das Museum weiter. In welcher Form das genau geschieht, ist noch nicht bekanntgegeben. Laut Pressemitteilung plant das Kollektiv, das Theater über die Erträge der Fremd- und Eigenproduktionen sowie über Drittmittel zu finanzieren. So darf auch das Theatermuseum seine Besucher*innen weiterhin in eine Welt der Geschichten, Wunder und Träume entführen. «Es ist ein ganz normales Museum – aber ohne Öffnungszeiten», gesteht Peter schmunzelnd.