Der Wachhund pinkelt Palantir ans Bein
Gesellschaft — Das Recherchekollektiv WAV rüttelt aus seiner Altbauwohnung in Oerlikon die internationale Medienszene auf. Doch auch hierzulande gerät der Investigativjournalismus zunehmend unter Druck.
Wenn der Journalismus gewissen Unternehmen nicht gefällt, hat man wohl etwas richtig gemacht, so Mitgründer des Recherchekollektivs WAV Lorenz Naegeli. Da kann es schon mal zu einer Klage eines Techgiganten kommen. Doch die Freiheiten, Unternehmen zu verärgern, hat WAV glücklicherweise. Es ist kein Geheimnis, dass konventionelle Medienunternehmen teils unter massiven ökonomischen Zwängen stehen. Weltweit gefährden autoritäre Regierungen und private Medienmogule die unabhängige Berichterstattung. Seit Jahren ist auch die hiesige Branche von Massenkündigungen und einem schrumpfenden Angebot geprägt. Doch hie und da lodert in düster anmutenden Medienlandschaft ein Flämmchen auf, das Hoffnung spendet. Hoffnung auf eine Zukunft, in der unabhängiger Qualitätsjournalismus dem gesellschaftlichen sowie geopolitischen Wandel standhält und weiterhin seinen Beitrag zum öffentlichen Diskurs leisten kann.
Von Techgiganten angeklagt
Eines dieser Flämmchen brennt eine viertelstündige Tramfahrt entfernt von der Uni Zürich. In einer Oerlikoner Altbauwohnung, wo der Holzboden knarrt und die Zentralheizung fehlt, füllen Gerüche von Essen und Zigarettenrauch das Treppenhaus. Willkommen im Reich des Recherchekollektivs WAV, einem kleinen aber wichtigen Organ des Schweizer Journalismus. Seit bald fünf Jahren erstellt WAV tiefgründige Recherchen. Dabei arbeitet das Kollektiv mit diversen Schweizer Medien zusammen: von der «Republik » über den «SonntagsBlick» bis hin zum «Boten der Urschweiz». Auch mehrere renommierte NGOs haben das Kollektiv schon mit Hintergrundrecherchen beauftragt. Die Themenbereiche, die WAV abdeckt, sind vielfältig. In einem Bericht wird aufgezeigt, wie Zürcher Pensionskassen ihre Nachhaltigkeitsversprechen nicht einhalten. In einem andere, wie die Schweiz Menschenrechtsverstösse in Griechenland mitfinanziert.
Kollektivs, zumindest was dessen Folgen angeht, wurde letzten Dezember in der «Republik» veröffentlicht. Diese Recherche legte anhand interner Dokumente von Schweizer Bundesbehörden dar, wie die umstrittene US-amerikanische Techfirma Palantir über Jahre erfolglos versuchte, den Bund als Kunden zu gewinnen. Besonders brisant: Durch den Bericht wurde publik, dass der Armeestab nach einer umfassenden Evaluation der Palantir-Produkte von deren Verwendung abrät – unter anderem aufgrund des Risikos einer Datenweitergabe an die US-Regierung. Letztere Tatsache sorgte international für grosses Medienecho und schadete Palantirs Image. Inzwischen hat der Techgigant eine Gegendarstellungsklage gegen die «Republik» eingereicht, die noch beim Zürcher Handelsgericht hängig ist.
Für Naegeli, der beim WAV auch als Journalist tätig ist, ist klar: «Die Klage hat in unseren Augen auch das Ziel, uns einzuschüchtern.» Der Prozess gehe nicht spurlos an ihm und seinem Team vorbei. Andererseits seien Situationen wie dieser Teil des Jobs. Naegeli sagt: «Die Drohungen von Unternehmen werden heftiger.» Das sei auf einen gesellschaftlichen und geopolitischen Wandel zurückzuführen. Gewissermassen liefere die Palantir-Klage aber auch Bestätigung für die Arbeit von WAV.
Der Hund frisst nicht mit
Naegeli sagt: «Wir haben offenbar Informationen gefunden, die dem Unternehmen unangenehm sind. Und genau das ist unser Job: Kritisch dorthin zu schauen, wo im Stillen Entscheidungen getroffen werden, die uns alle betreffen.» Dieser Mission hat sich das WAV-Kollektiv vollends verschrieben. In 2021 gestartet, beschäftigt WAV heute neun Personen, die ungefähr 500 Stellenprozent untereinander aufteilen. WAV betreibt sogenannten Non-Profit-Journalismus. Als Genossenschaft organisiert, wird das Kollektiv durch Stiftungen, Aufträge und Privatgönner*innen finanziert.
Das Geld reicht gerade aus, um die Struktur zu erhalten und Löhne auszuzahlen, die sich ein ganzes Stück unter dem Branchenstandard befinden. «Niemand ist wegen des Geldes hier», sagt Naegeli. Was die Mitglieder von WAV antreibt, diese psychisch teils sehr anspruchsvolle Arbeit zu verrichten, ist: «die Leidenschaft und der Glaube, etwas bewirken zu können.» Diese Bereitschaft der Mitglieder, zugunsten des Gemeinwohls auf Profit zu verzichten, ermöglicht Institutionen wie WAV ihre Arbeit. Denn bei tiefgründigen Recherchen sind finanzielle Abstriche oft unumgänglich. Darum kommen diese in der heutigen Medienwelt, in der Profitgedanken und Sparzwänge dominieren, oft zu kurz. Naegeli sagt: «Von unserer Arbeit profitiert die Gesellschaft, kein Investor oder Besitzer.» Wo bei Medien oder NGOs die Kapazität für eine hochqualitative Recherche fehlt, setzt das Kollektiv mit Präzision an und lässt keinen Stein ungedreht. Dazu passt auch der Name: WAV leitet sich vom gleichnamigen Audioformat ab, das Aufnahmen ohne Qualitätsverlust übermittelt. Doch über die Jahre sind noch weitere Bedeutungen hinzugekommen. Zum Beispiel «WAV, WAV» als das Bellen von Wachhunden. Mit dem entscheidenden Unterschied wohl, dass dieses nicht in erster Linie abschreckt – sondern Sicherheit gibt.