Ungarns Unis unter Druck

Gesellschaft — Viktor Orbáns Regime beschränkte jahrelang die akademische Freiheit. Die neue Regierung verspricht nun Reformen – doch Professor*innen wie Studierende bleiben skeptisch.

27. April 2026

Universitäten im Visier der Fidesz

Gender Studies sind in Ungarn seit 2018 nicht mehr anerkannt: Das hat die rechtskonservative Fidesz-Partei unter der Führung von Viktor Orbán beschlossen. Wer sich dafür interessiert, muss ins Ausland studieren gehen.

Es war bei weitem nicht der einzige Angriff der Fidesz auf die Universitäten.: Die Central European University etwa musste wegen neuer Auflagen ihren Standort von Budapest nach Wien verlegen. Der eigentliche Grund dafür lag in der Person George Soros: Da der Gründer der Central European University liberale Werte vertritt, diente er der Fidesz-Propaganda als zentrales Feindbild. In einem weiteren Schritt wurden sämtliche Universitäten im Land privatisiert, indem sie in Stiftungen überführt wurden. Die Gremien dieser Stiftungen werden bis heute von Fidesz-Mitgliedern geleitet. Zusätzlich gründete die Partei neue, regierungstreue Forschungsinstitute. Als Reaktion auf diese Entwicklungen hat die Europäische Kommission beschlossen, keine weiteren Horizon- oder Erasmus-Projekte mit privatisierten Universitäten einzugehen.

Am 12. April 2026 kam es in Ungarn zum Regierungswechsel und die Partei TISZA unter der Führung von Péter Magyar kam an die Macht. Die neue Regierungspartei hat versprochen, die akademischen Freiheiten wiederherzustellen. Leicht wird das nicht. Und mindestens genauso wichtig ist eine Aufarbeitung dessen, was in der Fidesz-Ära geschehen ist und wie diese nachwirkt. 

 

Vier Professor*innen berichten

Miklós Bálint Tóth, Professor am Mathias Corvinus Collegium (MCC), erklärt,  die Institution widme sich vor allem der Talentförderung und dem Mentoring und stehe Studierenden sämtlicher Fachrichtungen offen: «Das Institut ist grundsätzlich konservativ ausgerichtet, doch sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden zeichnen sich durch eine vielfältige Denkweise aus», hält er fest. 

Allerdings ist Orbán Balázs, der Präsident des Kuratoriums, Mitglied der Fidesz und früherer Staatssekretär für die Partei. So wird auf der Webseite des Collegiums mit internationalen Gästen aus rechtskonservativen und rechtsextremen Kreisen geworben, etwa mit Jordan Peterson oder US-Vizepräsident JD Vance. 

Róbert Gál, Leiter eines Forschungszentrums an der Corvinus-Universität Budapest mit Schwerpunkt auf Wohlfahrt, Wirtschaft und Familie, erklärt: «Die Corvinus-Universität ist eine der Universitäten, die am unabhängigsten geblieben sind, da wir durch die Privatisierung mehr finanzielle Mittel zur Verfügung haben.» Laut Gál hatte er selbst das Glück, über Familien und den Wohlfahrtsstaat zu forschen und dabei nicht ins Visier der Fidesz zu geraten. Im Gegensatz dazu seien Kolleg*innen bei der Planung eines Studiengangs «Diversity Management» unter Druck gekommen und hätten das Projekt aus Angst vor Reaktionen schliesslich fallen gelassen. 

Doch auch an den Universitäten, die bislang nicht privatisiert wurden, übt die Fidesz Druck aus: Péter Hevő ist Professor am Institut für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der ELTE (Eötvös Loránd Universität) in Budapest mit einem Fokus auf die Geschichte von Ost - und Zentraleuropa und deutscher Aussenpolitik. Er betont: «Es hat mir niemand vorgeschrieben, was ich unterrichten darf.» Dennoch nehme er eine schleichende Aushöhlung wahr, etwa durch Gehaltskürzungen und stockende Entwicklungsmöglichkeiten.

 Fidesz zensiert Queerness

Wie stark der Einfluss von Fidesz zu spüren ist, hängt auch vom Fachgebiet ab. Judit Takács, Professorin für Soziologie an der ELTE Universität mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Sexualität und Geschlecht betont, dass der Druck der Fidesz nicht durch Zensur, sondern durch strukturelle und finanzielle Unsicherheiten entstanden sei. Seit 2021 gilt in Ungarn der Artikel 79, der es explizit untersagt, dass Kinder mit Darstellungen oder Themen von LGBTQIA+-Personen in Berührung kommen. Als Reaktion darauf haben Buchhändler*innen Kindergeschichten mit diesen Themen in Folien verpackt, damit sie nicht von Minderjährigen gesehen werden können, und sie in die Erwachsenenabteilung verschoben. 

«LGBTQIA+ Themen sind verboten worden», erläutert Professorin Judit Takács, «weil sie von Fidesz als Teil einer importierten, westlichen Agenda der ‹Gender-Ideologie› angesehen werden.» Diese stehe im Kontrast zu den traditionellen Familienwerten, welche die Partei vertritt. «Aufgrund dieses Gesetzes ist die Publikation von LGBTQIA+-Themen riskanter geworden.» Stattdessen würden Wissenschaftler*innen vermehrt auf informelle Netzwerke und ausländische Journals setzen. 

Aufgrund der Abkehr von liberalen Werten bezeichnete Viktor Orbán das Regierungssystem Ungarns stolz als «illiberale Demokratie». Auch andere Rechtspopulist*innen und rechtsextreme Parteien haben in diesem System ein Vorbild gesehen: So versprach etwa Präsident Donald Trump seine volle Unterstützung für Orbán, US-Vizepräsident JD Vance reiste kurz vor den Wahlen nach Budapest und lobte das Regime, Marine Le Pen vom Rassemblement National (RN) ist ebenfalls nach Ungarn geflogen, um Orbán zu unterstützen. Und auch die Vorsitzende der AFD in Deutschland, Alice Weidel, hat sich positiv über Ungarn geäussert. Jetzt ist das Land jedoch unter der Führung einer anderen rechten Partei, der TISZA.

Das Misstrauen bleibt bestehen

Professor Péter Hevő betont, dass die TISZA in ihrem 240-seitigen Wahlprogramm versprochen hätte, die Privatisierung der Universitäten zu stoppen und mehr finanzielle Mittel für sie zur Verfügung zu stellen.  Hevő spürt aber auch Misstrauen bei den Studierenden: Einige hätten sich bei ihm erkundigt, ob eine funktionierende Demokratie überhaupt noch aufgebaut werden kann oder ob Ungarn lediglich unter neuer Führung in alte Muster zurückfällt.

Laut Professor Gál herrscht zudem grosse Unsicherheit über das, was die TISZA konkret machen wird. «Im Parteiprogramm wird das Ende der Privatisierung nur vage angedeutet.» Ein weiteres Problem sei, dass man die Personen, die zum Beispiel das Bildungsministerium übernehmen, und deren Positionen nicht kenne.

Auch Professorin Judit Takács räumt ein, dass es für eine mögliche Veränderung an den Universitäten viel brauche. Sie betont, dass die TISZA eine rechtskonservative Partei sei, deren Priorität es nicht sein werde, Gender Studies wieder anerkennen zu lassen. Bisher hat sich Péter Magyar nicht eindeutig zu LGBTQIA+-Themen geäussert. Professorin Judit Takács sieht die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft deshalb in der Pflicht, gezielt Druck auf die TISZA auszuüben. Laut Takács motiviere aber auch der finanzielle Druck der EU: Die Rückkehr zur universitären Autonomie ist Voraussetzung für die Auszahlung der blockierten Mittel.

Ungarn als Vorbild für eine illiberale Demokratie ist an den Urnen gescheitert. Doch viel wichtiger ist es, zu verfolgen, wie und ob der Wiederaufbau von demokratischen Institutionen und akademischen Freiheiten durch die TISZA und die Zivilgesellschaft gelingen wird. Diese Aufgabe wird gerade von Institutionen wie dem Mathias Corvinus Collegium erschwert, welche von Fidesz-Mitgliedern unterlaufen sind. Sollte dieses Vorhaben dennoch erfolgreich sein, könnte Ungarn zu einem neuen Vorbild, einem für die Demokratisierung werden.