Flüchten oder Schweigen? Eine Generation steht vor der Entscheidung
Gesellschaft — Sie leben in einer schwindenden Demokratie. Die Student*innen Pınar, Özgür und Ekim erzählen über ihren Alltag, Repression und Resilienz in der Türkei.
«Ich habe fast keine Hoffnung für die Zukunft», sagt Ekim* und beisst in ein Stück Weisskäse, einem typischen Bestandteil eines «Kahvaltı», dem traditionellen Frühstück. Pınar* und Özgür*, die mit am Tisch sitzen, nicken. Sie haben ernüchternde Jahre hinter sich. Die Meinungsfreiheit schwindet, die Preise steigen. Alle drei studieren in der Türkei, wo sie auch aufgewachsen sind und damit in einem politischen Umfeld, in welchem Ängste vor Wünsche gestellt werden und Kritik nicht willkommen ist. Trotz des Wissens, dass jedes gesagte Wort einmal auf sie zurückfallen könnte, lassen sie sich nicht zum Schweigen bringen.
«Jedes Semester belege ich so viele Kurse wie möglich, denn man kann nie wissen, ob die Dozent*innen bald verschwinden», sagt der Soziologiestudent Özgür. Damit bringt er die existenzielle Verunsicherung, welche viele Studierende mit sich tragen, gleich auf den Punkt. Bis vor wenigen Jahren sei die Bogazici-Universität noch ein Ort des florierenden Austauschs gewesen. Dann kam das Jahr 2020 und Erdoğan tauschte den Direktor der Schule aus, eine Aufgabe, die eigentlich einem Professor*innen-Ausschuss zufallen würde. Dass die Regierung Entscheidungsträger*innen an akademischen Institutionen durch Freunde des Regimes austausche, sei in der Türkei nichts Ungewöhnliches mehr, doch seine Universität sei gemäss Özgür lange noch eine «letzte Hochburg der kritischen Meinung » gewesen. Jetzt sei die Repression auch im Vorlesungssaal zu spüren. Die Hoffnung schwindet.
Das Geld versagt
Auch Pınar überrascht dies nicht. Ihr Studium hat die kürzlich graduierte Elektroingenieurin an der Marmara-Universität, einer weiteren Hochschule in Istanbul, vollbracht. Diese sei staatsnahe und die Studierenden grösstenteils apolitisch. «Das frustriert mich», sagt sie, denn als Tochter einer Kurdin und Umweltaktivistin verpasse sie nie einen politischen Kampf. Etwas Luft vom starren Umfeld an ihrer Uni habe sie in Kadiköy gefunden, einem äusserst lebhaften Quartier in der Stadt, wo sie eine kleine Wohnung mietet. So sei sie näher dran am politischen Geschehen. Sie fügt schmunzelnd hinzu: «So kann ich jederzeit ein Punk-, Blues- oder Metal-Konzert besuchen.»
Ekim schenkt sich Çay ein. Diese Form des Schwarztees gilt in der Türkei als Inbegriff des sozialen Zusammenlebens, er darf auf keinem Tischgedeck fehlen. Für viele sei dieser treue Begleiter ein Indiz des sozialen Standes in der Gesellschaft, sagt Pınar. Doch wer sich heute einen solchen Çay bestellt, muss tief in die Tasche greifen. 40 Lira kostet er durchschnittlich im Kaffeehaus, 2021 waren es noch zwei bis drei. «Natürlich sind auch die Gehälter seither gestiegen», sagt Pınar, «doch keineswegs gleich viel wie die Preise.» Heute können sich die meisten also weniger Tassen Tee leisten, sogar wenn sie seither beruflich aufgestiegen sind. Der finanzielle Druck war bereits gross, doch die seit 2021 stark gestiegene Inflation trifft die Bevölkerung hart. Sie ist ein weiteres Glied in einer Kette der politischen Misswirtschaft und der Priorisierung der Oberschicht. Die Luft wird knapp und gerade die Mittelschicht, die in der Türkei historisch stark war, löst sich zunehmend auf.
«Dieser Mitstudent ist immer noch im Gefängnis.»
«Um mir mein Studium zu finanzieren, arbeite ich fünf bis sechs Tage pro Woche von 9 bis 18 Uhr», sagt Ekim. Dazu kommt ein Arbeitsweg von je zwei Stunden, denn Ekim wohnt mit seiner Mutter in Beylikdüzü, einem Aussenquartier der Millionenmetropole Istanbul. Die Belastung sei riesig, doch er habe keine Wahl, seine Mutter könne ihn trotz Vollzeitstelle finanziell nicht unterstützen. So müsse er sich als Tagelöhner durchschlagen und habe dennoch selten Geld, um etwa auswärts zu essen. «Ich hinterfrage häufig den Sinn des Lebens», sagt er, denn der finanzielle Druck stürze ihn immer wieder in tiefe Krisen. Und dennoch mache er immer weiter, er wolle nicht wie seine Mutter enden; «fernsehen und auf den Tod warten.» Festhalten tut sich Ekim, der immer eine Kamera dabei hat, an seiner Passion für die Fotografie und Videokunst, was er an der Kadir Has Universität auch studiert. Statt fernzusehen, wolle er festhalten und dokumentieren. Während seines Masters sei er auch als Unterrichtsassistent tätig und bringe den Erstis den Umgang mit der Kamera bei, unbezahlt und unversichert.
Trotz allem habe seine Uni auch Vorteile, denn die mit rund 5000 Studierenden relativ kleine Privatuniversität ist jederzeit zugänglich. «Während der Geschehnisse im letzten März nutzten wir sie wie ein Zuhause.» Pınar und Özgür horchen auf, denn Ekim kommt nun zum Wesentlichen. Er spricht die Proteste des letzten Jahres an, eine Bewegung, in welcher trotz Repression noch einmal ziemlich unerwartet die Kräfte gebündelt und die Wut auf die Strasse gebracht werden konnte – allen voran die Studierenden.
Die Waage zerbricht
Doch um zu verstehen, wie Ekims Uni zu einer Art Festung werden konnte, müssen einige Ereignisse wieder aufgerollt werden. Erdoğans Regierungspartei AKP ist seit 2002 an der Macht. Ihre Strategie liegt darin, jegliche Opposition bereits im Keim zu ersticken, sodass Wahlen nur noch zum Schein durchgeführt werden. Doch 2019 kam alles anders, der Hoffnungsträger der Oppositionspartei CHP Ekrem İmamoğlu gewann trotz grosser Hürden die Wahl zum Bürgermeister Istanbuls, eine Schlappe für die AKP und ein Indiz, in welche Richtung es bei den nächsten nationalen Wahlen gehen könnte. Mit reformistischer Politik und einer klaren politischen Linie etablierte sich İmamoğlu als breit abgestützter Widersacher Erdoğans und wurde von vielen als Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2023 gewertet. Im Zuge dessen wurde er von der Staatsanwaltschaft der «Beleidigung der Wahlkommission» bezichtigt und mit einem Politikverbot belegt, laut Human Rights Watch ein politisch motiviertes Urteil. Zeitgleich erschütterten heftige Erdbeben den Osten des Landes. Obwohl die durch die AKP etablierte Vetternwirtschaft und Korruption im Bausektor zu einer tragisch hohen Zahl an Toten beitrug, konnte Erdoğans Partei das Klima der Trauer und Unsicherheit in der Bevölkerung in Wählerstimmen ummünzen. İmamoğlu trat aufgrund des Prozesses nur als Vizepräsident an und die AKP gewann die Wahl knapp. Doch als beliebter Bürgermeister Istanbuls blieb er auch im Hintergrund eine Konkurrenz zur Regierung.
Die AKP setzte 2025 noch einen drauf. Am 18. März 2025 wurde İmamoğlus Universitätsdiplom aberkannt, was in der Türkei eine Bedingung für die Kandidatur zur Präsidentschaftswahl bedeutet. Dabei wird von vielen Kritiker*innen Erdoğans eigener Universitätstitel angezweifelt. Gemäss von ihm veröffentlichten Dokumenten habe er 1981 an der Marmara-Universität Wirtschaftswissenschaften an einem Departement studiert, das erst 1983 gegründet wurde. Am Tag nach der Aberkennung İmamoğlus’ Universitätsdiplom wurden er und dutzende weitere Anhänger*innen der Opposition in einer Razzia verhaftet. Einige der Vorwürfe aus der 3739 Seiten langen Anklageschrift: «Führung einer kriminellen Organisation, Bestechung und Unterstützung der PKK». Alles Vorwürfe, die in der Türkei seit Jahrzehnten verwendet werden, um politische Gegner*innen wegzusperren. İmamoğlu ist bis heute inhaftiert, der Gerichtsprozess läuft noch. Die Staatsanwaltschaft fordert 2430 Jahre Haft. Nun aber zurück zu den Studierenden Özgür, Pınar und Ekim, die am Morgen des 19. März 2025 aufwachten und bemerkten: Das Internet ist blockiert.
Mittels VPN habe Ekim schnell herausgefunden, was mit İmamoğlu passiert war und machte sich trotz Versammlungsverbot sogleich auf zum Rathaus in Saraçhane, wo Studierende zu einem Protest aufgerufen hatten. Unter den tausenden Menschen, die er dort vorfand, war auch Pınar, die ein Video gesehen hatte, wie Studierende der IstanbulUniversität, von welcher İmamoğlu sein Universität, von welcher İmamoğlu sein Diplom erhalten hat, eine Polizeibarrikade durchbrochen hatten. Obwohl ähnliche Protestbewegungen in der Vergangenheit blutig endeten, sei die Stimmung vor dem Rathaus kraftvoll gewesen, erinnert sie sich. Menschen hätten Essen verteilt und in kürzester Zeit eine mobile Notfallstation auf einem Spielplatz errichtet, die Freiwillige durch eine Menschenkette abriegelten. Tag für Tag versammelten sich tausende Student*innen an den verschiedenen Universitäten der Stadt, um erneut zum Rathaus zu marschieren und ihre Unmut zu verkünden, obwohl viele der Direktionen versuchten, sie davon abzuhalten.
Schlagstöcke neben Kerzen
Nicht so in Ekims Kunstschule, wo die Studierenden das Erdgeschoss besetzten und die nahe am Rathaus gelegenen Räumlichkeiten als Rückzugsort nutzten. «Mit der Unterstützung einiger Lehrpersonen hielten wir offene Vorlesungen», sagt Ekim. Ein riskanter Schritt, denn viele ihrer Berufskolleg* innen seien aufgrund ähnlicher Aktionen in der Vergangenheit noch immer inhaftiert. Diese Angst hinderte einige Lehrpersonen an einer Teilnahme, andere hingegen hätten sogar Geld gespendet, um Kaffee und Verpflegung für die Protestierenden zu besorgen.
«Vier Tage bin ich auf dem Rathausplatz geblieben», sagt Ekim, «dann hat die Polizei meinem Freund das Gesicht eingeschlagen.» Pınar starrt auf ihren Teller und erklärt, dass die Polizeigewalt am Abend des dritten Tages eskaliert sei. Mit Schlagstöcken gingen die Polizist*innen auf die Studierenden los, schossen Tränengaskartuschen aus nächster Nähe ins Gesicht und auf den Dächern ringsum waren Scharfschützen positioniert. Es sei die Hölle gewesen. Doch am schlimmsten fand Pınar, dass nahe am Geschehen eine CHP-Veranstaltung stattfand, die versuchte, die Studierendenproteste als ihren eigenen Widerstandskampf zu instrumentalisieren. Obwohl diese den ganzen Tag lauthals Werbung für den eigenen Zweck machte, seien ihre Lautsprecher beim Ausbruch der Polizeigewalt still geblieben.
Die vordersten Linien um die Barrikaden hätten einem Kriegsfeld glichen; Schreie von Verletzten, Protestierende, die in alle Richtungen umherirrten, um dem Reizgas zu entkommen und eine erste Reihe von gewaltvollen Verhaftungen. Gleichzeitig, keine fünfhundert Meter weiter, hätten Protestierende schweigend Kerzen gehalten und Reden der CHP gelauscht. Als Pınar und ihre Freundinnen diese konfrontiert hätten, seien sie ignoriert worden: «Viele wollten einfach nicht wahrhaben, was gerade passiert.» Werden Verletzte verhaftet, so haben sie das Recht auf eine ärztliche Untersuchung. Ekim ist sich sicher, dass sein Freund nach den Schlägen und den Tritten der Polizei laufen gelassen wurde, um die Polizeigewalt zu kaschieren. Anders erging es hunderten Studierenden, die im Laufe der Tage verhaftet wurden.
Baran ist Künstler. Er fotografiert die Proteste mit seiner Uhr, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Die Unschärfe soll symbolisieren, dass sich Gewalt nicht abbilden lässt. Fotos: Baran
Nicht nur am Protest selbst, sondern auch in Läden und Tankstellen rund um das Geschehen und teils sogar auf den Geländen der Unis. Pınar bekam ein schlechtes Gefühl und ging nach Hause. Als sie ihre Freundin anrufen wollte, um ihr das Gleiche zu raten, hörte sie nur den Anrufbeantworter gehört. Einige Stunden später folgte die Benachrichtigung von einem Anwalt: «Sie wurde verhaftet.»
Ausserdem berichten Pınar und Ekim von Oleoresin Caosicum (OC), einem rötlich- orangefarbenen Tränengas, das am vierten Tag von der Polizei eingesetzt worden sei. Erkannt hätten sie es durch orange Verfärbungen auf den Kleidungsstücken und der sehr viel stärkeren Wirkung im Vergleich zu herkömmlichem Tränengas, denn OC führt zu sofortigem Brennen auf der Haut, temporärer Blindheit und einer massiv eingeschränkten Lungenkapazität. Die Regierung verneint dessen Einsatz.
Die Proteste dauerten noch einige Tage an, verlagerten sich aber weg vom Rathausplatz in andere Quartiere. Anfangs seien noch viele zusammengekommen. Pınar erinnert sich an Menschen, die weinend ans Fenster gekommen seien, um den Protestierenden zuzuwinken. Doch die Angst vor Gewalt und Inhaftierung hätten immer mehr Menschen von der Teilnahme abgehalten. So habe die Protestbewegung allmählich an Grösse verloren. Ausserdem hätten die zerstrittenen Oppositionsparteien und linken Gruppierungen die Studierendenbewegung nicht als eigenständige Bewegung gesehen, sondern versucht, diese zu ihren eigenen Zwecken zu formen. «Die Parteien haben uns keinen Respekt gezollt», sagt Ekim.
Als Pınar nach den Protesten zurück in ihre Heimat kehrte, um die Familie zu besuchen, sei sie schockiert gewesen. Kaum ein Wort in den Nachrichten über die Protestbewegungen in Istanbul, nicht einmal auf vermeintlich unabhängigen Sendern, wohl auch weil die unabhängige Kraft der Studierenden nicht ins Parteiprogramm der Opposition gepasst hat. Alles was blieb, seien Schmerzen, emotionale und physische, und das Wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich trotz aller Risiken mit tausenden Menschen auf die Strasse stellt, anstatt zu schweigen.
Wer kritisch denkt, wird unterdrückt
Und es bleibt eine ganze Generation von Menschen, die die Hoffnung verliert. Viele wollen das Land verlassen. So auch Pınar, denn ihr Alltag sei insbesondere als Frau zu einem Überlebenskampf geworden. Die Zukunft sei zu ungewiss, sie könne sich nicht mehr bloss an Idealen festhalten. Auch die Armut breite sich immer weiter in der Gesellschaft aus. Dennoch fände sie es extrem schwierig, ihre Heimat zu verlassen. Zu viel Schönes gebe es auf der anatolischen Halbinsel: die Wälder, die Seen, die Berge, das Meer und Menschen mit einem riesigen Herz. «Die Flucht wird schwierig zu akzeptieren», sagt sie. «Auch wenn ich gehe, werden mein Kopf und mein Herz hier bleiben.»
Weggehen will auch Özgür, er habe keine Hoffnung für sein Land auch für die restliche Welt nicht. Auch er hat sich an den Protesten beteiligt, doch im Gespräch legt er seinen Fokus auf grössere politische Zusammenhänge. «Ich stehe nicht hinter der ‹freien Welt› des Westens », sagt er, denn diese sei das Produkt von kolonialer und extraktivistischer Politik. «Unterdrückung begleitet uns schon lange, auch in den Jahrzehnten vor Erdoğan. Sie trifft meistens diejenigen, die kritisch denken.»
Die wirkliche Freiheit bestehe aus dem freien Geist und diese sei im politischen Klima der Welt kaum möglich. Er wolle gehen, um sein Studium unter besseren Bedingungen abschliessen zu können, doch dann wolle er wiederkommen. Auch Ekim wollte lange das Land verlassen, doch gerade die Protestbewegung habe ihn erneut gelehrt, die Türkei zu lieben. Heute sehe er die Lösung in der Bekämpfung des Kapitalismus, in dem er die eigentliche Ursache für die politische Situation in der Türkei und anderswo sieht. «Ich möchte hier sterben», sagt er überzeugt.
*Namen von der Redaktion geändert.