Schlamm drüber

Gesellschaft — Folgen wir dem Zürcher Abwasser so landen wir im Werdhölzli. Seit 100 Jahren wird dort im versteckten ein unentbehrlicher Beitrag zu unserer Gesellschaft geleistet.

Viviane Fluck (Text und Foto)
29. März 2026

In den Flussschlingen der Limmat erstrecken sich über einen Kilometer Regen- und Vorklärbecken, Energiezentralen und was es eben sonst so braucht, um das Abwasser zu reinigen und wieder dem Wasserkreislauf zuzuführen. Seit 100 Jahren ist das die Aufgabe der Abwasserreinigungsanlage am Werdhölzli. Auf dem Areal fallen Velos auf, die neben den Eingängen platziert sind. Diese nutzen die Mitarbeitenden, um auf dem weitläufigen Areal schnell von A nach B zu kommen, erklärt Christian Abbeglen, Abteilungsleiter Abwasser. Im Herzstück des Areals – nämlich der biologischen Reinigungsstufe – riecht es leicht säuerlich aus den mit brauner blubbernder Flüssigkeit gefüllten Becken. «Da sind die Bakterien drin», so Abbeglen. «Richtig stinken tut es eigentlich nur in der mechanischen Reinigung, die am Anfang stattfindet».

Das Bild der Limmat als Badegewässer, das an einem heissen Sommernachmittag Abkühlung bietet, ist relativ jung. Im Jahr 1850 flossen jegliche Abwässer und Abfälle in der Stadt Zürich entweder über offene Gräben direkt in die Limmat oder wurden in offenen Fäkalgruben inmitten von Siedlungsgebieten entsorgt. Seither hat sich viel geändert. Heute sorgen rund 90 Mitarbeitende der Kläranlage dafür, dass das Abwasser der Stadt und sechs umliegender Gemeinden gereinigt wird.

Hinter der Kulisse
  • 680’000: Für so viele Menschen ist die ARA gebaut
  • 15 Unterirdische Auffangbecken werden bei extremen Regenereignissen gefüllt und schaffen einen Puffer
  • 3 Mal in der Geschichte der ARA musste Abwasser trotz der Auffangbecken ungefiltert in die Limmat gelassen werden, 2 Mal davon im letzten Jahr

Darunter ist auch David Pfund, welcher bereits 40 Jahre lang mit dabei ist und heute Teilzeit im Prozessmanagement tätig ist. Im Betrieb ist eine breite Palette an Berufen vertreten; Elektriker*innen und Schreiner*innen über Mechaniker*innen bis zu Landwirt*innen und Chauffeur*innen. Im Gespräch mit Abegglen und Pfund erfahre ich, dass Angestellte in der Regel zusätzlich eine Ausbildung des Verbands der Schweizerischen Abwasserfachleute absolvieren. Ihr Arbeitsalltag, meint Abegglen, bestehe viel aus Koordination, Admin-Kram und Besprechungen. Da sich die Anforderungen des Bundes laufend ändern, kommen stets neue Herausforderungen auf sie zu. Besonders in Bezug auf den Lärm und den Geruch der Anlage, die inzwischen von Wohn- und Erholungsgebieten umgeben ist, müssen sie sich stets anpassen. «Eine Kläranlage immer wieder zu optimieren, neue Projekte zu starten», so erklärt Pfund, «das macht das Ganze aus, dass es interessant und lebhaft bleibt». Eine Herausforderung stellte beispielsweise der starke Regen, das Hochwasser und die vielen Stromausfälle im Sommer 2021 dar. Hätte es damals genau im Juni einen Stromausfall gegeben, wäre die Anlage im eigenen Abwasser abgesoffen, so Pfund. «Als Verantwortlicher bist du dann unter Strom», erinnert er sich.

Von Cholera zu Hightech

Die Abwasserreinigung ist komplex. Das Abwasser durchläuft eine mechanische, biologische und chemische Reinigungsstufe sowie ein Verfahren zur Elimination von Mikroverunreinigungen und einen weiteren Filter, bis es wieder der Limmat zugeführt wird. Das war nicht immer so. Nach mehreren Typhus- und Choleraepidemien im 19. Jahrhundert, die vor allem in ärmeren Quartieren viele Opfer gefordert hatten, ergriff die Stadt Initiative. Im Zuge der Kloakenreform wurde eine Schmutzwasserkanalisation gebaut, die ungeklärtes Abwasser aus der Altstadt in die Limmat leitete. Nach Pariser Vorbild wurden Exkremente durch Rohre in Kübeln aufgefangen, die sich in Mauernischen ausserhalb der Gebäude befanden. Die Kübel wurden von Stadtangestellten gesammelt und geleert, die Fäkalien verwendeten landwirtschaftliche Betriebe als Dünger. 

Dieses System wurde erst 1926 abgelöst durch den Bau einer einfachen Absetzanlage am Werdhölzli – dort wo sich bis heute die Anlage befindet – und einer Schwemmkanalisation. Noch bis Anfang der 2000er wurde der Klärschlamm, also der übriggebliebene und oft sehr nährstoffreiche Schlamm nach der Abwasserreinigung, landwirtschaftlich verwertet. 2006 hat der Bund dies aufgrund von Schwermetall- und Medikamentenrückständen im Schlamm verboten. Pfund erzählt aber, dass heute geprüft wird, ob man aus der Asche des verbrannten Klärschlamms Phosphor zurückgewinnen kann, um es landwirtschaftlich zu nutzen und den Kreis wieder zu schliessen.

Obwohl die Zürcher Stadtbevölkerung seither stark gewachsen ist, ist die Wassermenge, welche die Anlage reinigt, seit 1985 ungefähr konstant geblieben. Einerseits sinke der Pro-Kopf-Verbrauch, andererseits ziehe immer mehr abwasserrelevante Industrie aus Zürich weg. «Was man merkt, sind die steigenden Abwasserinhaltsstoffe», hält Pfund fest, «das bedutet einfach, dass wir uns immer weiterentwickeln müssen». Eine andere Baustelle ist das Lachgas, das während der biologischen Reinigung des Abwassers durch Bakterien in die Atmosphäre entweicht. Lachgas ist ein Treibhausgas mit einer 300-mal stärkeren Wirkung aufs Klima als CO2 und macht einen erheblichen Teil der Emissionen der Anlage aus. «Da sind wir jetzt noch in der Forschung», so Abegglen. Laufend sind Projekte im Gange, und das seit 100 Jahren. Ohne die Anlage und ihre Mitarbeitenden wäre Zürich nicht so dufte und die Limmat bestimmt nicht so blau, wie wir sie kennen.