Klima-Killer Wirtschaftsfakultät
News — Seit mehreren Jahren verfehlt die Uni ihre Ziele zur Reduktion von Flugreisen. Jetzt zeigen exklusive Zahlen der ZS: Während viele Fakultäten strenge Massnahmen ergreifen, ruiniert die Wirtschaft die Gesamtbilanz.
«Wenn ich das wüsste, wo wir 2030 stehen werden, dann wäre ich sehr froh», antwortet Prorektorin Gabriele Siegert trocken auf die Frage, wo die Uni Zürich 2030 stehen wird in der Erreichung ihrer selbst gesetzten Nachhaltigkeitsziele. Eine illustre Runde hat sich an diesem Abend des 23. Februars in der historischen Aula der Uni versammelt, um über Nachhaltigkeit zu diskutieren – mit dabei sind nationale und kantonale Politiker*innen, Mitglieder des Uni-Rates, Beamt*innen, Forschende und Uni-Angehörige.
Doch trotz grosser Bühne bleiben die Ambitionen auch bei Rektor Michael Schaepman eher bescheiden: «Wir halten an diesem Ziel fest, weil es auch psychologisch wichtig ist, dass die Menschen an einem Ziel festhalten können», erklärt er und sinniert: «Ist es sinnvoll, die Leute jedes Jahr zu enttäuschen, indem man sagt, wir haben das Ziel nicht erreicht? Das ist eine Frage, die noch nicht schlüssig beantwortet werden kann». Die Rede ist vom Klimaziel der Uni «Netto Null bis 2030». Und wenn auch frustrierend für die anwesenden Klimapolitiker*innen, Schaepmans Antwort fasst die Lage ganz gut zusammen, insbesondere bezüglich dem Thema Flugreisen. Es gibt Ziele und die erreicht man nicht so wirklich – aber ob man das jetzt gleich herumschreien muss? Das kann man so noch nicht schlüssig beantworten.
Um das ambitionierte Ziel zu erreichen, dass die Unileitung 2019 unter Druck des Klimastreiks festgelegt hat, braucht es neben erneuerbaren Energien und Vegi-Menus vor allem auch eine deutliche Reduktion der Flugreisen. Diese machen fast ein Drittel der gesamten Emissionen aus. Nach Corona sollten sie deshalb nur noch auf 60% des Vor-Pandemie-Niveaus ansteigen und dann jährlich um mindestens 3% sinken, so der Plan. Wie klappt das bisher so? In den Worten der Prorektorin: «Im Grossen und Ganzen einigermassen gut». Und in Zahlen? Da steigen und steigen die Emissionen seit 2021 ununterbrochen. Zwar liegen sie nach wie vor leicht unter den Werten von vor der Pandemie – das zeige, so die Medienstelle der Uni, «dass die getroffenen Massnahmen bereits wirken». Doch das Reduktionsziel wird seit 2022 jedes Jahr deutlicher verfehlt. Brisant ist dabei: Die Gesamtzahlen, welche die Uni jährlich publiziert, verschleiern tiefgreifende interne Differenzen – das zeigen exklusive Zahlen auf Ebene der Fakultäten, die der ZS vorliegen. Während einige Fakultäten mit strengen Massnahmen ihre Emissionen reduzieren oder deren Anstieg stark bremsen konnten, ruiniert eine Fakultät im Alleingang die Gesamtzahlen: die Wirtschaftswissenschaft (WWF).
Fliegen wie die Vögel
In absoluten Zahlen fliegt zwar die medizinische Fakultät am meisten, gefolgt von der mathematisch-naturwissenschaftlichen (MNF). Das liegt aber vor allem an deren personellen Grösse. Die ZS hat die Emissionszahlen der einzelnen Fakultäten pro Kopf ausgerechnet. Auf die Anzahl der Mitarbeitenden in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) gerechnet zeigt sich: Mit gewaltigem Abstand die höchsten Pro-Kopf-Emissionen hat die WWF. Pro Angestellten in VZÄ entstehen dort jedes Jahr mehr als drei Tonnen CO2, was rund 10 Economy-Flügen von Zürich nach London entspricht. Damit sind die Emissionen der Wirtschaft fast dreimal so hoch wie die der nächsten Konkurrenz, der Philosophischen Fakultät (PHF), und gar 5 mal so hoch wie die der Veterinärmedizin (VET).
So bringt die WWF im Alleingang die Flug-Emissionsziele der Uni zum Absturz, obwohl sie nur 6.5% des Personals stellt. Hätte sie ihre Flugzahlen hingegen ähnlich stark reduziert wie beispielsweise die Theologische und Religionswissenschaftliche Fakultät (TRF), wären 2024 die gesamten Flug-Emissionen der Uni im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Die Medienstelle betont zwar, dass eine Berechnung der Pro-Kopf-Emissionen nur begrenzt aussagekräftig sei, da die Mitarbeitendenzahlen ihre Funktion als Angestellte nicht berücksichtigen. Das Gesamtbild bleibt jedoch immer dasselbe, egal ob man mit oder ohne technischen Dienst, Doktorand*innen oder externen Lehrbeauftragten rechnet: Die WWF fliegt allen anderen davon.
Wirkungslose Massnahmen
Dass es sich hierbei nicht einfach um Pech seitens der WWF handelt ,zeigt ein Blick auf die Massnahmen der Fakultäten. Diese entscheiden nämlich selbst, wie sie das Ziel erreichen wollen – die Unileitung nennt das ein «Reallabor». Die TRF, welche ihre Emissionen zuletzt um rund 45% Prozent senken konnte, hat beispielsweise die strengsten Regeln. Flüge werden nur noch für sehr weite Reisen bezahlt und auch dann nur, wenn es keine Kurztrips sind.
Die meisten anderen Fakultäten haben sich für eine Lenkungsabgabe zwischen 100 und 200 Franken pro Tonne CO2 entschieden, die aus den Mitteln des jeweiligen Lehrstuhls bezahlt werden muss. Die Einnahmen werden zudem an vielen Fakultäten teilweise zur Finanzierung von Zugreisen genutzt, was diese zusätzlich attraktiv machen soll. An der WWF hingegen dient die Abgabe vollständig der Kompensation der Flüge und orientiert sich gemäss der Fakultät am «Marktpreis» der entsprechenden Zertifikate. Für einen Economy-Flug von Zürich nach New-York beträgt der momentan 54 Franken. Zum Vergleich: an anderen Fakultäten zahlt man fast 400 Franken Abgabe.
Kritik an der WWF kommt jetzt auch aus der Politik, von SP-Kantonsrat Nicola Siegrist, der breits vor einem Jahr eine parlamentarische Anfrage zum Thema gestellt hat: «Die homöopathische Bepreisung an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät wirkt nicht, was den Preislenkungsexpert*innen dort eigentlich von Anfang hätte klar sein müssen». Tatsächlich zeigen Studien, dass eine CO2-Bepreisung erst ab sehr hohen Beträgen (je nach Studie über 200 Franken pro Tonne) überhaupt Wirkung zeigt, und auch dann nur eine überschaubare. Wenn das Geld zudem für den Kauf von Zertifikaten genutzt wird, stellt sich laut einigen Untersuchungen die Frage, ob es nicht zu einem psychologischen «Rebound-Effekt» kommt: Wenn der Flug «kompensiert» wird, ist das Gewissen rein und man muss ihn auch nicht mehr vermeiden. Auf die Kritik angesprochen gibt sich die WWF wortkarg und will weder erklären, warum die Massnahmen nicht greifen, oder ob die Kompensationen gar kontraproduktiv sind, noch warum sie überhaupt so viel mehr fliegt, als alle anderen. Stattdessen lässt sie über die Medienstelle ausrichten, man kompensiere ja die CO2-Emissionen «zu 100% durch hochwertige Zertifikate». Dass die Uni-Leitung eine deutliche Reduktion der Emissionen und nicht einfach deren Kompensation als Ziel festgelegt hat, scheint ihr nicht so wichtig zu sein. Für den Absenkpfad hofft die WWF «mitunter» auf «Sensibilisierung» und sagt, man müsse «alle Massnahmen zusammen betrachten».
Kompensationsprojekte sind jedoch umstritten, da sie oft nicht halten, was sie versprechen. So hat die Zeitung «The Guardian» 2023 aufgedeckt, dass bei «Verra», dem weltweit grössten Kompensations-Händler, über 90% der verkauften Regenwald-Kompensationen wertlos waren. Auch im Vorzeigeprojekt der Schweizer Firma Southpole waren gemäss geleakten internen Dokumenten rund 60% der generierten Zertifikate wirkungslos. Die Uni bemüht sich zwar um Zertifikate von «sehr hoher Qualität», absolute Sicherheit gibt es aber auch damit nicht. Die ETH schreibt dementsprechend zu ihren Bemühungen zur Reduktion von Flugreisen auch, Kompensationen seien «kein Ersatz für echte Reduktionen», sondern nur eine «Übergangslösung».
Psychologisch wertvoll
Kantonsrat Siegrist fordert jetzt von der Uni entschlosseneres Handeln: «Ich erwarte, dass die Unileitung mehr Druck auf die Fakultäten ausübt, falls diese ihre Ziele deutlich verfehlen». Und auch im Verband der Studierenden (VSUZH) stossen die Zahlen auf Unverständnis. Leonie Barnsteiner, Mitglied der Nachhaltigkeitskommission, kritisiert: «An der Uni wird uns nicht beigebracht, bei verfehlten Zielen stur an einer Strategie festzuhalten, sondern uns agil den Bedingungen anzupassen. Wir erwarten, dass die Fakultäten – besonders diejenigen, die das ge steckte Ziel deutlich verfehlen – sich auch entsprechend verhalten».
Die Unileitung hat mittlerweile auch eingesehen, dass es so nicht weitergeht. Auf Anfrage erklärt die Medienstelle, dass eine gesamtuni versitäre Abgabe in den kommenden Monaten eingeführt werden soll. Ob diese so noch rechtzeitig kommt, um die Reduktionsziele zu erreichen, ist zu bezweifeln. Doch Rektor Schaeppman würde wohl sagen: «Pychologisch» ist sie trotzdem wertvoll. Wen kümmern da schon die Ziele.