Sie wollen in den Gemeinderat
Die Studentinnen Lara Tabbert von der GLP und Linda Kälin von der SP kandidieren für den Zürcher Gemeinderat. Sie berichten von ihren politischen Zielen und ihren Erfahrungen als Frauen in der Politik.
Sonntagnachmittag am Stadelhofen: Die 24-jährige Lara Tabbert steht als Gemeinderatskandidatin an einem Stand der GLP und verteilt Flyer. Sie steht auf Listenplatz 3 ihrer Kreispartei, die bislang nur zwei Sitze hat. Tabbert ist momentan wöchentlich an solchen Veranstaltungen anzutreffen. Das, obwohl sie auch ohne Wahlkampf schon alle Hände voll damit zu tun hätte, ihren Bachelor in Politikwissenschaften und Jura abzuschliessen. Ein Unterfangen, das sich schwierig gestaltet, insbesondere während der Vorbereitung auf den Wahlkampf, denn diese sei sehr aufwendig.
Ordnung statt Idealismus fördern
Ihr Studium sei zwar hilfreich, um die Grundlagen der Schweizer Politik zu kennen, aber ihre wissenschaftlichen Interessen lägen im Ausland. So hat sie beispielsweise eine Arbeit über chinesische Investitionen in afrikanische Energieprojekte geschrieben. Für Tabbert ist klar, wo sie ihre Schwerpunkte setzen würde, um im Gemeinderat einen Unterschied für Studierende zu machen: Wohnen und Mobilität. Ein Drittel der Wohnungen in der Stadt solle gemeinnützig sein, aber man müsse auch verdichten, etwa indem man höher baut. Ihr Fokus in der Mobilität liegt beim ÖV: «Ich sehe nicht ein, weshalb man in der Stadt als Privatperson ein Auto braucht. Nimm doch ein Mobility!» Deswegen wolle sie unter anderem Parkplätze abbauen. Vieles, was Tabbert sagt, könnte aus dem Mund einer Kandi datin der SP oder Grünen kommen. Der Verdacht kommt nicht von ungefähr: Mit 14 sei sie Juso-Mitglied gewesen und in der Aussenpolitik sei sie nach wie vor grösstenteils auf der Linie der SP. «Aus meinem Umfeld kriege ich oft zu hören, dass ich linker sein wolle, als ich es bin». Dass sie am linken Flügel der GLP steht, bestreitet sie nicht. Aber noch weiter links will sie sich nicht einordnen lassen: Zum einen ist sie wirtschaftsliberal und betont, dass Recht und Ordnung bei ihr hohen Stellenwert haben. Zum anderen tut sie sich mit dem Politikstil abseits der Mitteparteien schwer. So sei Idealismus zwar cool, aber wenig zielführend. Mit der Zeit habe sie festgestellt, dass es für erfolgreiche Politik Kompromisse brauche. «Man muss die Mitte und den Ausgleich finden.» Es verblüffe sie, wenn Politolog*Innen an den Rändern politisieren, da Inhalte und Meinungsbildung oft komplexer seien, als es von diesen behauptet werde. «Die Wissenschaft legt in vielem nicht nahe, was die Ränder sagen.»
Provokation verhilft zum Erfolg
Aber auch die GLP solle sich mehr trauen, um von ihrem Image als Aka demiker*innenpartei loszukommen. Das sei als Mittepartei schwer, aber mit intelligenter Provokation und frecher Rhetorik müsse es möglich sein. Tabbert selbst stammt aus einer akademischen Familie. Aber in deren Geschichte ist das nicht immer so gewesen: Ihr Grossvater väterlicherseits konnte sich aus der bitteren Armut in der Nachkriegszeit, in eine Managementposition hocharbeiten. Ihre Mutter gehöre zur ersten Generation ihrer Familie, die studiert hat. Mit diesem Ideal des Hocharbeitens ist sie aufgewachsen, ebenso wie mit dem Diskutieren der Suche nach dem Mittelweg. «Meine Eltern wollten vermeiden, dass ich verblendet werde». Auch betont sie ihre Herkunft, wenn es um ihre klar proeuropäische Haltung geht: «Die Personenfreizügigkeit liegt in meinen Genen», sagt sie, da sie mit acht Monaten aus Deutschland in die Schweiz gekommen ist, weil ihr Vater hier eine Stelle angeboten wurde. «Es wäre deshalb sehr ironisch, wenn ich europafeindlich wäre.» Gerade aufgrund dieser Haltung hat sie kürzlich auf LinkedIn zum ersten Mal einen Schwall negativer Kommentare erhalten, nachdem die Kompass-Initiative unter einem ihrer Beiträge kommentiert hatte. «Diese old white EU-Gegner richten sich dann auch oft gegen mich als junge Frau, weil ich doch scheinbar dumm sei.» Auf TikTok würden solche Männer teilweise sogar sexualisierte Kommentare schreiben. Dort sei ihr das völlig egal. «Und ehrlich gesagt bringt mir das auch Views», sagt Tabbert. Nach etwa 20 Minuten wurden immer noch kaum Flyer verteilt, nur wenige Passanten wohnen nicht in den Kreisen 7 und 8. Die drei Kandidierenden packen zusammen und gehen zum Kreuzplatz, in der Hoffnung, dort mehr Stimmen für ihre Partei gewinnen zu können. Im Idealfall so viele, dass es für Tabberts Einzug ins Zürcher Stadtparlament reicht.
«Es braucht noch viel mehr Schutzräume für queere Personen.»
Wut klingt bei Linda Kälin nach etwas Nützlichem, denn diese Wut war es, die sie vor sechs Jahren das erste Mal in die Politik getrieben hat: «Ich habe gemerkt, ich kann nicht einfach rumsitzen. Ich hatte so eine Wut in mir. Ich wollte auch bei dem ganzen ‹Happening› mitmachen.» Wut über die Geschehnisse in der Politik hatte sie, jedoch bemerkte Kälin in Gesprächen, dass ihr gewisse Argumente fehlten. Sie wollte mehr dazulernen, und so trat sie der JUSO bei. Sie empfindet es als ein grosses Privileg, sich politisch engagieren zu können. Kälin ist 28 Jahre alt und studiert im dritten Jahr Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Ein Studium, welches für sie eher einen Werkzeugkasten aus Grundlagen und Allgemeinwissen bildet, als eine konkrete Anleitung für die Politik. Spannungen zwischen der politischen Realität und der «Unilogik» kommen nicht selten vor. So fragt sie sich öfters, ob das Vorgetragene an der Uni in der Realität wirklich so sein könnte. «Das uns gelehrte wissenschaftliche Denken ist manchmal ein bisschen zu einfach dargestellt für meine politische Haltung, man dürfte ruhig ein bisschen aggressiver sein», schmunzelt Linda.
Feministische Perspektive stärken
Gerade als linke Politikerin, merke sie oft, dass die Welt ausserhalb der Modelle der Dozierenden nicht so einfach ist und vieles nicht nur nach Theorie erklärbar sei und funktioniere. Von den Dozierenden wünscht sich Kälin teilweise eine klarere Positionierung. Besonders die vielen unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen ihrer Mitstudierenden bewegten Kälin, viel zu hinterfragen und zu reflektieren. «Sie haben mich zu einer besseren Person gemacht!» sagt sie lächelnd. Aufgewachsen ist Kälin an der Zürcher Goldküste, zwischen vielen reichen Menschen und einer rechten Politik, was sie sehr geprägt hat. Die politische Grundeinstellung folge dort dem Motto: Jede Person ist für sich allein verantwortlich. Dies entspricht überhaupt nicht Kälins Werterhaltung. Mit ihrem Umzug in die Stadt Zürich trifft sie auf grosse Armut und bezahlbaren Wohnraum als Ausnahme. Unter anderem deshalb kandidiert Linda Kälin bei den anstehenden Gemeinderatswahlen für die Kreise 4 und 5. Kälins Schwerpunkt verbindet Sozialpolitik mit Feminismus und beinhaltet Themen wie Care-Arbeit weiblicher Personen, häusliche Gewalt und eine frauenfreundliche Stadtplanung. Dazu kommen auch queere Anliegen: allen voran die Sichtbarkeit, Prävention und Aufklärungsarbeit an Schulen. In ihrer Arbeit im Regenbogenhaus, das im Herzen Zürichs liegt und ein offener Ort für queere Menschen ist, begegnet sie Menschen mit schweren Geschichten. «Es braucht noch viel mehr Schutzräume für queere Personen» so Kälin. Auch im Bezug auf das Klima sieht sie noch viel Potenzial: «Es grüens Züri» mit mehr Velowegen und weniger Parkplätzen ist ihr Ziel.
Dem Hass standhalten
Als junge Frau erlebt sie die Politik auf zwei Arten. Einerseits steht eine ganze Partei hinter ihr, die sie unterstützt und ihr den Zugang zur Politik erleichtert. Die SP fördere junge Leute, vor allem junge Frauen. Das merke man, vor allem wenn man sich andere Gemeinderatslisten ansieht. «Als ich das erste Mal im Gemeinderat war, sah ich, welche Parteien Frauen wirklich unterstützen und welche nicht» sagt Kälin. Andererseits bekommt sie auch Gegenwind zu spüren. Ob im echten Leben, am Familientisch oder online. Vorurteile gegenüber ihrem politischen Aktivismus sind nicht selten. «Geh zurück in die Küche» oder «die hat ja noch nie gearbeitet», wird unter ihren Bildern kommentiert. Kälin kontert sachlich; sie habe eine Lehre gemacht und arbeite, seit sie 16 Jahre alt ist. Sie ist sich sicher, dass ein junger Mann solche Kommentare nicht erhalten würde. Dennoch gibt sie zu: «Es ist menschlich, dass so ein Kommentar auch mal schmerzt, aber es kommt darauf an, auf dem eigenen Stand punkt zu beharren.» Politik brauche viel Energie und Zeit, da wäre es teilweise schwierig abzuschalten. «Hässig si» könne einen dabei enorm pushen, jedoch könne es auch sehr erschöpfend sein. Oft höre sie von anderen, «Uii krass, ich könnte das nie!» Das sporne sie meist noch mehr an. Ausgleich holt sie sich beim Fussball und bei ihren Freund*innen, dort müsse sie dann einfach mal ein bisschen «d Linda si» und nicht die Linda Kälin aus der Politik.