Brot und Spiele statt Bildung und Gesundheit
Der Afrika-Cup in Marokko sorgte auch neben dem Platz für Kontroversen. Vor allem die marrokanische Gen Z stempelt das Turnier als blosses Prestige-Projekt ab, das von der maroden Infrastruktur ablenken soll.
Kurz vor Schlusspfiff des Afrika Cup-Finals der Männer zwischen Senegal und Gastgeber Marokko bricht Chaos aus. Ein marokkanischer Spieler wird im Strafraum gefoult und verlangt einen Penalty. Nachdem sich der Videoschiedsrichter meldet, bekommt er ihn auch. Fassungslosigkeit macht sich auf Seiten Senegals breit. Der Trainer fordert die Spieler auf, sich in die Kabine zurückzuziehen. Im Stadion bricht Unruhe aus. Nach einigen Minuten kommt das Team wieder auf das Feld und lässt den Elfmeter zu. Senegals Torwart bleibt stehen und hält den überheblichen Lupfer ohne Mühe. Senegal gewinnt mit 1:0 dank eines Tors in der Nachspielzeit.
Fussball als Sinnbild
«Chaos-Spiel», hiess es daraufhin in den Zeitungen, denn nicht nur der Elfmeter sorgte für Kontroversen. So entfernten etwa die heimischen Balljungen das Handtuch des senegalesischen Torhüters mehrfach, um ihn am Trocknen des Balls zu hindern. Ein neues Narrativ macht sich breit: Für viele steht das Spiel sinnbildlich für gesellschaftspolitische Probleme rund um das Turnier.
Auch schon vor dem Afrika-Cup kritisierten einige Marokkaner*innen das Vorhaben der Regierung. So auch Imad Zoukanni: «Nicht nur das Spiel, sondern auch die Politik um das Turnier bestätigen leider einige Vorurteile gegenüber Afrika – von Korruption, maroder Infrastruktur und Chaos auf den Strassen ist die Rede.» Der 28-jährige Grafikdesigner arbeitet für eine amerikanische Teppichfirma in Marrakesch und meint, die Bevölkerung Marokkos sei wütend auf ihre Regierung sowie auf das nächste Prestigeprojekt: die Weltmeisterschaft 2030. Denn da hinter verdecke die Regierung Missstände der Bevölkerung.
Seit Ende letzten Jahres zieht es vor allem die jüngere Generation Marokkos auf die Strassen. Statt teuren Stadien fordern sie Investitionen in Spitäler und Schulen. «Das Volk will Bildung», rufen die Demonstrierenden, oder «Gesundheit vor Fussball». Die Protestrufe finden bei den Regierenden jedoch nur wenig Gehör. Zoukkani, der bei den Protesten Ende letzten Jahres dabei war, hat bereits mehrere Interviews gegeben. «Es war das erste Mal, dass ich protestieren gegangen bin», sagt der 28-Jährige. Seit er angefangen hat zu studieren, habe er viele Ungleichheiten in der Gesellschaft wahrgenommen. «Einige Mitstudierende hatten mit begrenzten Chancen zu kämpfen und waren viel Diskriminierung ausgesetzt. Dabei waren marginalisierte Gruppen am stärksten betroffen», sagt er.
Den Missständen eine Stimme geben
Der Entscheid auf die Strasse zu gehen, kam Zoukkani nicht plötzlich: «Er entstand vielmehr aus einem tiefsitzenden Gefühl der Frustration und Verantwortung gegenüber den Menschen in meinem Land.» Auf Veränderungen zu warten sei einfach nicht genug gewesen. Also habe er begonnen, sich über die Missstände zu informieren, mit Betroffenen zu sprechen sowie an friedlichen Demonstrationen teilzunehmen: «Dabei fühlt sich jeder Schritt an, wie die logische Weiterentwicklung von Bewusstsein hin zum Handeln.»
Zoukkani weigert sich, wie viele andere junge Menschen in Marokko, den aktuellen Zustand des Staats zu akzeptieren. Die Proteste entfachten Mitte September letzten Jahres, nachdem in einem staatlichen Krankenhaus in Agadir acht schwangere Frauen nach Kaiserschnitten verstarben, was auf die mangelhafte medizinische Versorgung zurückzuführen war. «Marokko sieht sich derzeit mit wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert», so der Ökonomie-Professor Azzadine Akesbi. Einige davon seien historisch und aus der Klimakrise gewachsen, andere auf das Versagen der Politik zurückzuführen. Vor dem Afrika Cup hatte Marokko über acht Jahre lang mit Dürre zu kämpfen. Die Wasserreserven waren nahezu aufgebraucht. Inzwischen regnet es wieder, und die Wasserkammern füllen sich.
Dennoch hatte Marokko in den letzten Jahren grosse Schwierigkeiten, wirtschaftlich zu wachsen. Das Land kämpft mit hohen Arbeitslosenquoten, vor allem bei jungen Menschen. Jene beklagen Versäumnisse im Gesundheits- und Bildungssystem: «Es fehlt an staatlichen Dienstleistungen für junge Menschen, generell für die gesamte Bevölkerung.» Ausserdem nimmt Akesbi steigende Defizite in Bezug auf Freiheits- und Menschenrechte wahr. Zoukanni hat das, was Akesbi beschreibt, am eigenen Leib erfahren.
Wirtschaftswachstum bleibt aus
Im November letzten Jahres wollte Zoukanni an einer Demonstration teilnehmen, doch diese wurde noch kurz vorher abgesagt. Er sagt, dass es dem Staat darum gehe, einen guten Eindruck auf Touristen zu machen. «Wir müssen zusammenhalten», heisst es offiziell. Dennoch wurde Zoukanni von Polizisten auf den Strassen Marrakeschs verhaftet. Über mehrere Stunden hinweg wurden Akesbi und sein Freund von der Polizei festgehalten, unter der Androhung von Gewalt, sollten sie dennoch protestieren gehen.
Angesichts der vorherrschenden Missstände im Land war es für die Bevölkerung ein Schock, als Marokko ankündigte, den Afrika-Cup sowie die Weltmeisterschaft 2030 auszurichten. Milliarden wurden in den Bau von Infrastruktur investiert. Azzadine Akesbi ist jedoch überzeugt, dass dies dem Land wirtschaftlich nicht weiterhelfen wird: «Wenn man den Blick auf andere Gastgeber wirft, sieht man keine Indizien für ein wirtschaftliches Wachstum.» Seiner Meinung nach hätte die Regierung stärker mit ihren vorhandenen Ressourcen handeln müssen.
Seit dem Jahreswechsel hat es keine weiteren Demonstrationen gegeben. Wann die nächste stattfinden wird, kann Zoukanni nicht sagen. Er sehe auf den Sozialen Medien viele aktive Menschen, die ihre Meinung teilen: «Ich habe keine Angst davor, dass wir nichts bewirken können.» Bisher reagierte die Regierung mit einer Art Streitgespräch im nationalen Fernsehen. Mehrere Vertreter*innen der Protestbewegung konnten sich dort äussern. Zoukanni sagt, dass viele wichtige Themen angesprochen worden seien, jedoch nicht unbedingt von den Menschen, die mit ihm auf der Strasse protestieren. Die Gäste hätten alle politischen Parteien angehört: «Wir als Bewegung haben keine Partei. Was wir wollen ist Gerechtigkeit, ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem, damit nicht immer mehr Menschen auswandern müssen.»