Wenn Studiengänge zu politisch werden

News — Die ZHdK will den Studiengang Transdisziplinarität «mittelfristig» abschaffen. Die vage Ankündigung sorgt für Verwirrung.

Rahel Gamma (Text und Illustration)
27. März 2026

Die Transdisziplinarität ist ein eigenwilliger Forschungsansatz. Sie arbeitet mit Methoden aus Kunst, Wissenschaft und dem Praxiswissen. Im Vergleich zur Interdisziplinarität werden bewusst die Grenzen einzelner Disziplinen überschritten und Wissen aus Gesellschaft und Alltag miteinbezogen. Der Studiengang ist seit 2009 ein fester Bestandteil des Lehrprogramms der Zürcher Kunsthochschule. Doch Tage vor Beginn des Herbstsemesters kam dessen Weiterführung ins Wanken: Am 1. September 2025 schoss die Hochschulleitung den Vogel ab – Andreas Vogel genauer gesagt. Er ist Direktor des Departements Kulturanalyse und Vermittlung (DKV) und wird Ende Februar entlassen. Eine Woche später beschliesst die Hochschulleitung auf ihrer Retraite, den Master Transdisziplinarität, der dem DKV angehört, in der bisherigen Form einzustellen. Eine von insgesamt fünf Entscheidungen zur jährlichen Umstrukturierung.

Als Begründung verweist die Hochschulleitung darauf, dass Transdisziplinarität heute bereits in vielen Departementen gefördert wird. Man fragt sich, ob letztere hier nicht mit der Interdisziplinarität verwechselt wird. Was «mittelfristig» in diesem Fall heisst, ist den Studierenden ein Rätsel. Zuerst kommunizierte die Hochschulleitung in einem internen Mail an Mitarbeitende, der Studiengang werde mittelfristig abgeschafft. Neun Tage später relativierte ZHdK Rektorin Mairitsch den Entscheid gegenüber Tsüri: Es sei bloss eine «Evaluierung» des Studiengangs geplant. Erst danach soll entschie den werden, ob und in welcher Form der Studiengang weitergeführt wird, darunter sei auch eine Neukonzeption möglich. Ein plötzlicher Tonwechsel gegenüber der ursprünglichen Ankündigung.

Studierende wehren sich

Am 11. September 2025 wurde die Online-Petition «Defend the Master Transdisciplinary Studies» von der Studierendenorganisation VERSO lanciert. Darin wird unter anderem die unklare Kommunikation ohne vorherige Absprache mit Studiengangsleitung oder Studierenden kritisiert. Patrick Müller und Irene Vögeli, Co-Leitende des Masters Transdisziplinarität, schliessen sich dem an. Die beiden machen gegenüber der WOZ deutlich, dass sie sich «mehr Sorgfalt von der Hochschulleitung im Umgang mit solchen Neuigkeiten gewünscht hätten.» Und ergänzen: «Von der HSL-Re - traite war uns nur der Programmpunkt ‹Leistungsportfolio: Transdisziplinarität› bekannt, was das beinhaltete, wussten wir nicht.» Ist der Master Transdisziplinarität der Hochschule politisch zu unbequem? Vielen Studierenden liegt die Ant - wort auf der Hand. Im Studiengang wird transdisziplinär gearbeitet, wobei verschiedene Methoden aus der Philosophie, zeitgenössischen Kunst, Design, Aktivismus und Naturwissenschaften zum Einsatz kommen. Der kulturelle Wandel wird nicht nur theoretisch behandelt. Dass Studierende hier politisch aktiv sind, ist kein Zufall.

Eine Person aus dem Studiengang, die anonym bleiben möchte, formuliert die Atmosphäre so: «Es ist politisch laut. Dass wir im Unterricht so offen sprechen dürfen, hat mich zuerst überrascht und dann sehr bestärkt.» Die Hochschulleitung beharrt in einer internen E-Mail-Kommunikation darauf, dass die Entscheidungen sowohl aus strategischen als auch inhaltlichen Gründen getroffen werden – nicht aber aus politischen. Nach Andreas Vogels Entlassung kommunizierte die Hochschulleitung in einer weiteren E-Mail, dass die Leitungsstelle des DKV vorerst nicht neu ausgeschrieben wird, da die ZHdK aktuell ihre Organisationsstruktur überarbeiten würde. «Die damit verbundenen Entscheide haben auch Auswirkungen auf die Aufgabenund Stellenbeschriebe der Departementsleitenden und damit auf jene der Leitung des DKV. Wir möchten diese abwarten, bevor wir die Stelle ausschreiben.» Der aktuelle Departementsleiter hätte demnach noch bis Ende Februar 2026 im Amt bleiben sollen.

Doch am 27. Oktober 2025 folgte überraschenderweise die vorzeitige Freistellung Andreas Vogels offiziell «im gegenseitigen Einvernehmen», wie die Hochschulleitung mitteilte. Vogel beendete bis Ende Oktober seine Lehrtätigkeiten und übergab die Leitung kurzfristig. In der Folge hatte das Departement innerhalb von drei Monaten drei verschiedene Leitungen und in der laufenden Umstrukturierung keine stabile Vertretung. Mit Semesterbeginn verlagerte sich die Debatte aus den Mailpostfächern in den physischen Raum. 

An den Wänden des Toni-Areals hingen Poster mit der Aufschrift: «Where is Karin?». Für Rückkehrende aus Austauschsemestern oder Aussenstehende vielleicht irritierend, doch nicht für jene, die bei der Eröffnungsrede dabei waren, als Hansuli Matter, Direktor des Departments Design, an ihrer Stelle sprach. Karin Mairitsch hatte sich seit der Ankündigung über die Umstrukturierung des Masters weitgehend von öffentlichen Anlässen zurückgezogen. Es folgten spontane Aktionen zu gemeinschaftlicher Flyer-Herstellung und schliesslich ein stehender Lunch-Protest, wo sich Studierende mit dem DKV solidarisierten, das bald ohne Leitung da stehen würde. Dies zog eine Untersuchung gegen die Organisierenden nach sich.

Plakative Proteste

Dazu wurden ungekennzeichnete Kameras über den Eingängen des Transdisziplinaritäts-Ateliers installiert. Mittlerweile vermeiden einige Studierende, das Atelier zu betreten. Die einzige offizielle Reaktion der Hochschulleitung erfolgte Monate später, am 8. Dezember 2025, im internen ZHdK-Newsletter: Man distanziere sich von «Anfeindungen persönlicher Art, wie sie derzeit in Form von Plakaten und Stickern stattfinden». 

Für den Moment sieht es so aus, dass die Umstrukturierung und Re-Evaluation des Masters Transdisziplinarität im Dezember 2026 ansteht. Zurzeit laufen die Anmeldungen für das kommende Herbstsemester, wobei noch unklar ist, ob und wie sich das Ganze auf die Anmeldezahlen auswirken wird. Klar ist, dass alle neuen Studierenden ihren Master nach dem aktuell geltenden Studienmodell abschliessen können.