Zürcher Studierendenzeitung

Lebenslänglich

Kolumne

Meine Eltern sind mir fremd. Wenn ich in Bangkok bin, treffe ich mich für gewöhnlich mit meinem Vater. Wie auch diesen Sommer. Zwischen uns greift eine betretene Stille um sich. Wer sitzt da eigentlich vor mir? Ein Mann, Ende vierzig. Wir sind verwandt; ich nenne ihn zögerlich meinen Vater und er mich seine Tochter. Es gibt da diese eine recht unspektakuläre Geschichte von seiner letzten Begegnung mit meiner Mutter. Er erzählt sie seit fünfzehn Jahren und ich höre seit fünfzehn Jahren gespannt hin. In der Hoffnung, dass ihm letztes Mal ein Detail entfallen ist und mir ein weiteres Puzzlestück in den Schoss fällt. Doch trotz aller Bemühungen bleiben meine biologischen Eltern für mich eine kaum greifbare Erinnerung an ein vergangenes Leben.

Blutsverwandtschaft darf kein Käfig sein, in dem man lebenslänglich gefangen gehalten wird. Familie ist eine Entscheidung, für die es jeden Tag aufs Neue ein klares «Ja, du tust mir gut» oder «Nein, es hat keinen Sinn» bedarf. Seht es als Spiel, in dem man alle Regeln hinter sich lässt und sich seine Lieblingsfiguren zusammenwürfelt, wie man es möchte. So kam es, dass meine Großeltern mich gewürfelt haben, und ich sie.

Ich habe mir meine Eltern fern der gesellschaftlich akzeptierten Gewässer ausgesucht. Und der Sprung ins kalte Wasser hat sich für mich gelohnt.

Hier schreibt die Redaktion über Zusammengewürfeltes