RESET

Kurzgeschichte, Essay und Freies — Eine ZS-Leser*in erzählt von einem plötzlichen Aufwachen in einer dystopischen Welt und von der Suche nach Antworten. Eine Kurzgeschichte.

16. September 2026

Die Lampe an der Decke fing an zu zittern, als Leila sich aus dem Bett schälte. Sie war noch im Halbschlaf – die Augen halb geöffnet, kam ihr der gestrige Abend in den Sinn. Sie hatte wieder einmal viel zu lange mit Peter in der Kantine gesessen und das ein oder andere Glas Wein getrunken, nachdem die Theateraufführung mit tosendem Applaus beendet worden war. Wie so oft, wenn beide angeheitert beisammen sassen, bahnte sich eine Diskussion über die Weltlage an – ein Thema, das Leila ausser sich brachte, während Peter entspannt versuchte, sie zu beschwichtigen. Peters Optimismus der Welt gegenüber stach sich mit Leilas Empfinden, die es manchmal schwer fand, die Welt mit positiven Augen zu sehen. Von einer zunehmenden KI-Krise (ja, in ihren Augen war es eine) und Tech-Oligarchen, zu Krieg und Schlagzeilen, die ständig neue Eskalationen meldeten… die Menschen wirkten auf sie, als hätten sie sich alle von den wesentlichen Dingen des Lebens und sich selbst entfernt. Während Peter der Meinung war, dass sich das wieder ändern könnte und man nur seine Menschen finden müsste, die die Welt ähnlich sehen, fiel es Leila an manchen Tagen schwer, aus dem Bett zu kommen. Den ganzen Tag im Pyjama bleibend und sich demotiviert fühlend, sah sie sich dann Filme aus den 90ern an und träumte von einer Welt, in der intensiver gelebt wurde und Handys einen weniger präsenten Platz im Alltag der Menschheit einnahmen. 

Das Zittern wurde stärker. Was sie anfangs noch für ihren verrückten Nachbarn hielt, der den Sex-Drive eines jungen Kaninchens hatte, schien sich nun auf das ganze Haus auszubreiten. Als auch die Glasscheiben ihrer Fenster zu klirren anfingen, ergriff sie die Panik. Schlagartig wach, zog sie sich an. Hoffend, dass es sich hier nur um einen schlechten Traum handelte, griff sie nach ihrem Rucksack, der, für Notfälle gepackt, neben ihrer Türe stand. «Ich hoffe, er hört einmal auf mich», murmelte sie und warf ihr Handy in den Rucksack, bevor sie ihre Jacke vom Kleiderhaken nahm und hastig die Treppen hinunterstieg. Die Erde bebte. Von einem kalten Windstoß überrascht, zog Leila den Kragen ihrer Jacke zu und lief in Richtung ihres Autos. Eine ohrenbetäubende Stille lag in der Luft. Kein einziger Vogel war zu hören, kein einziges Tier zu sehen. Die Cafés in ihrer Strasse waren leer und liessen die sonst lebhafte Stadt seltsam verlassen aussehen. 

Es bebte weiter. Von einem unguten Gefühl ergriffen, startete sie den Motor des Autos und fuhr in Richtung Stadtrand. Den verwaisten Strassen folgend, dachte sie an das gestrige Gespräch, das sie mit Peter geführt hatte: «Der Tag wird kommen, glaub mir. Wenn es so weit ist, packst du deine Sachen und wartest vor der Haustür». Er lachte entspannt: «Okay, Frau Kollegin. Haben wir ein bisschen zu viel Theater geschaut?» Sie bog in seine Strasse ein. Erleichterung machte sich breit, als sie sah, dass Peter nervös vor seiner Haustüre stand. «Fahr zum Wald», keuchte er und schlug die Autotüre zu. Leila starrte ihn entgeistert an, überrascht von seiner plötzlichen Ernsthaftigkeit. «Wir dürfen keine Zeit verlieren, mach jetzt!» Sie drückte auf das Gaspedal. Das Lenkrad bebte unter ihren Händen, als sie zum Stadtrand fuhren. Stille füllte den Raum. Peters Handy leuchtete auf, auf dem Display erschien eine SMS: «Reset is starting». Leila starrte ihn an. Was war das? Wieso hatte sie keine bekommen? «Peter, was ist das für eine SMS? Was für ein Reset? Wieso bekommst du das und ich nicht?». Peter schwieg. «Peter?» «Vertrau mir, Leila», entgegnete er und sah aus dem Fenster. Leila blickte auf die bebende Strasse. Was hatte er vor? 

Am Waldrand angekommen, griff Peter nach seinem Rucksack und lief los. Leila sah ihn fragend an. «Komm!» rief er und lief weiter. Sie griff nach ihren Sachen und folgte ihm in den Wald. «Bist du jetzt komplett verrückt geworden?» Peter ignorierte sie und lief schnurstracks auf einen Felsen zu. Immer noch nicht verstehend, was plötzlich in ihn gefahren war, sah Leila ihm dabei zu, wie er einen Schlüssel aus seiner Jackentasche nahm und hinter einer Ecke verschwand. Eine Türe öffnete sich. «Ein Bunker?!» Perplex sah Leila ihn an. «Wir dürfen keine Zeit verlieren, komm jetzt!», drängte er. Sie zog die Tür hinter sich zu und folgte Peter einen langen Flur entlang. Er schloss eine Stahltüre auf, die einen mit Computern und Karten gefüllten Raum freigab. «Ein alter Kontrollraum. Bevor sich alles geändert hat», sagte er und aktivierte die Computer. «Peter. Was passiert hier?» Bisher hatte sie ihren Kollegen für einen entspannten, in die Jahre gekommenen Schauspieler gehalten. Nun fragte sie sich, was davon echt und was gespielt war. Sie blickte über Mengen an aufeinandergestapelten Lederbüchern und Funkgeräten, alten Wasserflaschen und leeren Kaffeebechern, bis ihr Blick an einer Karte hängen blieb. Sie hob sie hoch. 

Bevor sie etwas sagen konnte, riss ihr Peter diese aus der Hand und breitete sie auf dem Schreibtisch aus. «Das Zittern, das du spürst, ist kein Erdbeben. Es wird von Maschinen verursacht. In den letzten zwanzig Jahren wurden unterirdische Tunnel unter der Stadt gebaut. Die Punkte auf der Karte sind Stellen, an denen sich die Zugänge zu ihnen befinden. Ein ganzes Tunnelsystem, das unsere Stadt lahmlegen kann… Wird.» Er blickte auf sein Handy. «Wird? Was soll das denn heissen?» Leila blickte ihn perplex an. «All die Jahre, in denen ich mich über die Welt aufgeregt habe und du hast mir nichts gesagt? Wieso nicht?» Trotz ihrer von Zynismus und Aussichtslosigkeit gefärbten Diskussion in der Kantine hatte ein Teil von ihr gehofft, dass sich die Menschheit doch noch zum Guten wenden würde. «Als Tarnung», entgegnete er ruhig. «Ich tracke sie seit zwanzig Jahren. Von einem alten Schauspieler geht wenig Gefahr aus.» Verdutzt blickte Leila ihn an. «Gefahr?» «Was denkst du, was passiert, wenn sie erfahren, dass jemand ihre Pläne nachverfolgt?» Peter legte die Karte ab. «Seit Jahren wird ein Reset geplant, der die Menschheit aufs Wesentliche zurücksetzen soll. 

Wenn die Maschinen vollständig aktiviert sind, wird Elektronik nicht mehr funktionieren. Telefone werden nutzlos sein, das Internet wird unzugänglich gemacht und das Netz wird zusammenbrechen. Sie werden jeden suchen, der auch nur ein bisschen davon ahnt. Wir müssen versuchen, sie zu stoppen. Leila?» Leila drehte sich langsam in Richtung Türe um. «Hörst du das?» Sie blickten sich fragend an. «Hast du die Tür geschlossen?» fragte er angespannt.  Leila nickte. Sie war sich so sicher, den Eingang zum Felsinneren verschlossen zu haben, doch nun ergriff sie Panik. Hatte sie sich vertan? «Ich hab sie geschlossen, zumindest soweit ich mich erinnern kann.» «Soweit du dich erinnern kannst?» Peter drehte sich hektisch um. «Glaubst du etwa, uns ist jemand gefolgt?» Leila fuhr ein Schauer über den Rücken. Bevor sie etwas hinzufügen konnte, packte Peter sie am Arm und zerrte sie hinter den Schreibtisch. «Egal was passiert, verlier sie nicht», er drückte ihr die Karte in die Hand und löschte das Licht. 

Schritte hallten durch den Flur.