Der Lorf

Kurzgeschichte, Essay und Freies — Eine ZS-Leser*in erzählt von einer fantasiereichen Reise durch einen Fiebertraum. Definitiv nicht von Herr der Ringe inspiriert. Eine Kurzgeschichte.

16. September 2026

PROLOG

Es war einmal ein Land namens Wunderland, das von einem gutmütigen König regiert wurde. Er hiess Allor und regierte zusammen mit Königin Neva. Beide waren etwa 400 Jahre alt (400 Jahre im Wunderland entsprechen 30 Jahren bei uns). Allor und Neva waren Waune, das heisst, sie hatten die Oberkörper eines Menschen und den Rumpf einer Kuh. Allor hatte einen Untertanen, den mochte er besonders gern: Er hiess Joschi, war ein Lorf und etwa 200 Jahre alt. Ein Lorf ist ein rundlicher Tier-Mensch, der grosse Hasenfüsse, eine flache Nase und grosse, buschige Augenbrauen hat. Der König hatte Joschi so gerne, weil er viele Sachen für ihn erledigte. So auch in derGeschichte, die ich euch jetzt erzähle...

 

Eines Tages sassen der König und die Königin am Tisch und assen ihr Frühstück. Meistens gab es Mantianer-Fladenbrot. Dieses Brot wurde aus der Milch von Mantianern gemacht. Mantianer waren pferdeähnliche Tiere mit fünf Beinen und zwei Flügeln, die fliegen konnten, aber nur rückwärts. Ihre Flügel waren bei der Evolution irgendwie verkehrt herum an ihrem Rücken angemacht worden, und so flogen sie immer mit dem Po voraus.

Plötzlich klingelte die königliche Schlosstorglocke und der Postflieger stand vor dem Tor. Postflieger waren Tiere, die fliegen konnten und immer die Post brachten. Er hatte einen Brief dabei, der an den König adressiert war. Der König liess sich Zeit mit dem Brief, denn er dachte, es handle sich wieder um was Langweiliges vom Nachbarskönig. (Der Nachbarskönig, der ein bisschen öd war, schickte immer Briefe, in denen stand, dass er eine neue Frau gefunden hatte, sie ihn aber nicht liebte, und so weiter. Langweilig). Aber als der König diesen Brief las, war er schockiert. Der Brief war vom bösen, geldgierigen Zauberer Galf. Dieser war schon über 800 Jahre alt (also ein alter Sack). Galf hatte die schüchterne Niana (180 Jahre alte Lorfin) entführt und hielt sie in seinem Zauberschloss gefangen. 

Aus Bosheit hatte er einen Schlafzauber auf sie gelegt und verlangte ein Lösegeld von 10'000 Kringel. (Die Währung heisst so, weil sie aussieht wie ein Kringel. 10'000 Kringel sind 20'000 Franken; 10'000 Kringel waren viel mehr, als König Allor besass. Er war ja schliesslich ein gutmütiger König, der seinen Untertanen sein ganzes Geld schenkte und nur ehrenamtlich als König auf dem Thron sass). Der König war verzweifelt, denn er konnte es nicht ausstehen, dass jemand so Grausames und Skrupelloses wie Galf seiner Untertanin Schmerz zufügen wollte. Ausserdem hatte er Niana echt gern, fast so gern wie Joschi, nur ein bisschen weniger. Aber halt... Joschi! Das war die Lösung! Er würde Joschi beauftragen, Niana vom Zauberer zu befreien. Er ging also schnurstracks zu Joschis Strohhütte. Der König klingelte Sturm und und erzählte Joschi von dem Brief und fragte ihn:

«Könntest du für mich zu Galf gehen und Niana befreien?»

«Aber sicher», antwortete der hilfsbereite Joschi. «Dieser Galf ist wirklich ein gemeiner Schuft. Ich gehe augenblicklich mit Elsi los.»

Joschi holte sich gleich bei einem Bauern zwei Mantianer und zusammen mit Elsi, einer befreundeten Lorfin, wollte er gerade losfliegen, als ihn Allor noch einmal zu sich rief. Allor übergab Joschi ein Fläschchen mit einem Zauberwasser, das sie beschützen würde, falls sie in grosse Gefahr kämen. Als die beiden losgeflogen waren, fragte Elsi: «Du, Joschi, weißt du eigentlich wo Galf wohnt?» 

«Ja, aber es ist geheim und sehr weit weg. Deshalb müssen wir uns jetzt beeilen.»

Und so flogen die beiden los. Das sah ein bisschen lustig aus, denn die Mantianer fliegen mit ihrem Hintern voraus. Nach zehnstündiger Fliegerei kamen sie an einen Waldrand, wo sie ihr Lager aufschlugen. Mitten in der Nacht schreckte Joschi auf. Er hörte leise Schritte, die immer näher kamen. Er flüsterte in Elsis Ohr:

«Ich habe das Gefühl, es sind Wölfe in der Nähe.»

Zum Glück war Joschi sehr mutig und sie hatten Holzstöcke dabei. Mit diesen konnten sie die Wölfe erfolgreich in die Flucht schlagen. Es war schon fast Morgen und sie entschieden sich, gleich weiter zu fliegen. Zwei Tage lang ging die Reise reibungslos weiter. Am Abend des dritten Tages machten sie am Fuss des Berges Fass Rast. Der Berg sah nämlich so aus wie ein Fass. Plötzlich stellten sich Joschi und Elsi ein Dutzend weisse Gestalten in den Weg. Sie sahen aus wie diese Kinder an Halloween, die sich mit einem Bettlaken als Geister verkleiden, nur, dass sie sehr viel grösser und schmaler waren. Joschi flüsterte zu Elsi:

«Das sind die Späher von Zauberer Galf. Sie spionieren die ganze Gegend aus und speichern alles, was sie sehen und senden dies als Fotos zu Galf. Damit kann er sehen, wer in sein Land eindringt.»

«Das ist ja fürchterlich», antwortete Joschi.

 

In Galfs Zauberschloss:

«Was wagen diese Lorfe in mein Land einzudringen!?» schrie Galf wutentbrannt. «Denen zeige ich es.» Galf war so zornig wie noch nie. Aber er besass ja zum Glück die Späher, die ihn vor Eindringlingen warnten.

«Nun», dachte er, «mache ich mich ans Werk und erfinde ein Eindringlinge-Abwehrsystem (Abkürzung EAS). Damit ich diese Lorfe nicht mehr am Kragen habe.» Und so machte Galf sich an die Arbeit.

Joschi und Elsi mussten sich also beeilen, wenn sie nicht nur noch Lorf-Pampe sein wollten! Denn Galf hatte schon so eine Idee...

 

Zurück bei Joschi und Elsi:

«Diese Späher sind unheimlich», sagte Elsi, «Jetzt wird Galf wissen, dass wir unterwegs sind.»

«Deshalb müssen wir jetzt schnell machen, ich habe da so ein Gefühl...» sagte Joschi und sie machten sich gleich wieder auf den Weg. In Windeseile überflogen sie die Berge Kam, Ham, Lam, Wam, und auch noch den Dämonen-Wald. Dort schoss manchmal ein gelangweilter Dämon aus dem Wald heraus und einmal wären sie beinahe von den Mantianern gefallen. 

 

Sie kamen bis an den Geisterfluss. Doch da wurden sie von einem alten, griesgrämigen Geister-Opa aufgehalten. Dieser hatte einen langen, weissen Bart, graues Haar und eine zu grosse Brille. Er sprach:

«Was macht ihr hier und wo wollt ihr hin?»

«Wir wollen zu Galfs Zauberschloss», sagte Joschi.

«Passwort?»

«Wie kennen kein Passwort.»

«Ohne Passwort könnt ihr den Geisterfluss nicht überqueren.»

Joschi und Elsi zogen sich zurück und besprachen sich. Elsi sagte: «Wir müssen versuchen, das Passwort zu knacken. Es hat bestimmt was mit uns zu tun. Vielleicht heisst das Passwort ‘Lorf-Pampe’. Galf will uns ja am liebsten als Lorf-Pampe.»

«Ja, das könnte sein», sagte Joschi.

Und so war es auch. Der Geister-Opa musste sie wohl oder übel den Fluss überqueren lassen. Nach weiterer Fliegerei schlugen die zwei Freunde am Fusse des Berges Fall ihr Nachtlager auf. Sie befanden sich schon ganz in der Nähe des Zauberschlosses.

Am nächsten Morgen brachen die beiden auf, und nach zirka einer Stunde erblickten sie in der Ferne Galfs Zauberschloss. Bevor sie aber den Weg ins Schloss wagten, ruhten sie sich unter einer Tanne aus und begannen, einen Plan zu schmieden. Am Schluss sah der Plan so aus: Sie würden aus Schnurpfen eine Späherverkleidung nähen. Schnurpfen sind weisse Pflanzen, von denen es in der Umgebung von Galfs Zauberschloss viele gab. Elsi würde dann als Späherin verkleidet an die Schlosstür klopfen. Man würde meinen, sie sei eine richtige Späherin und sie deshalb auch hereinlassen. Und so gelang es. Elsi erkundete das Schloss und sah, dass nur einer der vielen Türme bewacht wurde. Dort musste Niana eingesperrt sein. Sie sah, wie ein Späher aus der Schlossküche kam und eine grosse Kanne Tee zu den Wachleuten brachte. Elsi dachte: «Vielleicht ist es möglich, ein Schlafmittel in eine solche Kanne zu giessen, so schlafen alle Wachleute ein und ich kann Niana befreien.» 

Sie ging in die Schlossküche und traf auf einen Koch-Lorf. Er war gerade dabei, den nächsten Tee für die Wächter zu brauen. Da klagte Elsi, sie könne seit Tagen nicht mehr schlafen und ob er ihr nicht einen Tee mit einem starken Schlafmittel zubereiten könne. Das machte der Koch-Lorf gerne, denn Lorfe sind ja bekanntlich sehr hilfsbereit. Mit diesem Tee ging Elsi nun zu den Wachleuten und überreichte ihnen die Kanne. Sie setzte sich auf eine Mauer und beobachtete die Wächter. Es dauerte nicht lange, da schliefen sie alle ein. Elsi nahm ihnen vorsichtig die Schlüssel vom Gurt. Mit diesen konnte sie die Tür zum Kerker öffnen. Sie erblickte Niana, die ganz dünn und blass war. Sie war an eine Mauer gekettet, aber Elsi hatte auch diesen Schlüssel und konnte so Niana befreien. Gemeinsam schlichen sie zum Schloss-Tor, das verschlossen war. Sie klopften ein vereinbartes Zeichen an die Tür. Joschi, der auf der anderen Seite wartete, konnte das Tor mit einem Rammbock öffnen. Davon erwachte jedoch Galf und er schaute aus seinem Fenster. Er blickte in den Hof hinunter, sah aber niemanden. Die drei Lorfe hatten sich geschwind ausserhalb der Schlossmauer versteckt und warteten, bis sich Galf wieder ins Bett legte.

Joschi nahm Niana auf seinen Mantianer und dann flogen sie alle los. Sie flogen die ganze Nacht durch, weil sie Angst hatten, Galf könne sie einholen. Doch das war nicht der Fall. Galf bemerkte die Befreiung von Niana erst am anderen Morgen. So erreichten die drei wohlbehütet den Königspalast und Allor und Neva konnten Niana endlich wieder in die Arme schliessen. Joschi gab Allor das Fläschchen mit dem Zauberwasser zurück, denn er hatte es gar nicht gebraucht.