Orangen am Meer
Kurzgeschichte, Essay und Freies — Unsere Leser*innen haben sich an die Tastatur gesetzt und uns ihre besten Zeilen zukommen lassen. Die Saftigsten haben wir für euch gepflückt. Eine Kurzgeschichte.
Du stehst in Flipflops an der Klippe und lässt deinen Blick über die tiefblaue Bucht schweifen, die sich unter dir öffnet. In einem ewigen Wettrennen donnern die Wellen gegeneinander auf das dunkle Felsengewirr zu. Gemäss einem physikalischen Gesetz können zwei Wellen denselben Ort gleichzeitig besetzen, ohne sich zu zerstören. Treffen zwei Wellenberge aufeinander, verstärken sie sich gegenseitig. Trifft ein Tal auf einen Berg, erlischt diese exakte Welle für einen Moment, um dann wieder unversehrt weiterzurollen. Eine Weile verharrst du regungslos und hörst dem rauschenden Getöse zu, bis es dir gar nicht mehr auffällt. All die schönen Erinnerungen an den Anfang deiner Reise bahnen sich ihren üblichen Weg in diese falsche Stille. Natürlich denkst du wieder daran, dass du für einen kurzen Augenblick im Juni so sehr du selbst warst, wie schon lange nicht mehr. Und natürlich kommt dir dieses Ich von damals heute ziemlich fremd vor.
Im Grunde hat sich aber nichts geändert. Der Horizont hängt weiterhin treu zwischen Himmel und Meer, und zwischen dir und deinem Glück steht lediglich ein langer, trockener Sommer. Lange hast du dich an die Idee geklammert, dass sich doch noch alles richten würde. Wieso auch nicht, wenn doch die Welt sich so selbstverständlich um ihre eigene Achse dreht. Sie dreht und dreht, während die Wurzeln der Pinien hier tief in den Boden treiben und die Zikaden unermüdlich von den Baumkronen zirpen. Dieser hypnotische Klang der Zikaden, der entsteht, wenn die Membranen an den Seiten ihres Hinterleibs rhythmisch in Schwingung versetzt werden. Du weisst, sie singen nicht für dich. Dennoch beruhigt dich ihr Surren seit deiner Ankunft in diesem verschlafenen Küstenort. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Fischerdorf. Du hättest es beinahe übersehen. Am zweiten Tag bist du den Hafen entlang spaziert und hast die einzige Pizzeria im Ort mit ihren blau-weiss gestreiften Sonnenschirmen entdeckt. Tagsüber scheint deren Terrasse ein beliebter Treffpunkt für Bingo spielende Senior*innen zu sein. Spätabends versammelt sich die hiesige Jugend, um Zigaretten zu rauchen und Karten zu spielen.
Obwohl du nie gläubig warst, hat es dir die Kirche besonders angetan. Ihr rotes Dach schimmerte schon von weitem in der Sonne und die wohltuende Kühle drinnen zog dich magisch hinein. An Sonntagen predigt ein kleiner, ausdrucksloser Mann mit Zahnlücke und rotem Bart. Er sieht eher aus wie ein Matrose in Rente als ein Geistlicher. Trotzdem, und vielleicht genau deshalb, würdest du ihm gerne alle deine Sünden beichten. Die Leute, die hier im Spätsommer noch Badeurlaub machen, scheinen die ungeschriebenen Regeln des Ortes besser zu kennen als du. Alle haben ihren festen Platz am Strand, wo sie ihre bunten Tücher ausbreiten, und grüssen sich freundlich, aber zurückhaltend beim Vorübergehen in den engen Gassen des Dorfes. Ein filigranes Zusammenspiel, in dem jedes Detail seiner Bestimmung folgt. Schon der leiseste Schlag eines Zikadenflügels genügt, um den dichten Pinienwald in Flammen aufgehen zu lassen. Dieser Ort erweckt den Eindruck in dir, dass alles hier perfekt ineinander verflochten ist. Wie in einer kunstvoll gewobenen Tapisserie. Du fragst dich, welche Rolle du eigentlich in diesem Gefüge spielst. Und du stellst dir vor, wie ein unsichtbares Publikum aus Freund*innen und Bekannten dir bei deinem sentimentalen Moment zuschaut, beeindruckt von der überraschenden Komplexität deines Innenlebens. Sie stehen alle auf dem kleinen Strand weiter unten, dort wo der weisse Meeresschaum über die Kieselsteine tanzt. Vielleicht fragen sie sich, wie es dir geht. Du bist dir nicht sicher, da euer Abschied ja etwas seltsam war. Du hattest es sehr eilig und hast hektisch verkündet, dass du vor deinem allerletzten Semester an der Uni auf Selbstfindungsreise nach Brasilien fliegen musst, weil du noch nicht bereit bist, für was auch immer danach kommt. Und wenn sie dich dann wirklich fragen, wie es dir geht, denkst du, dass sie bestimmt schon lange darauf gewartet haben, dass du ihnen endlich erzählst, was letzten Sommer auf deiner Brasilienreise passiert ist. Du würdest zu ihnen hinunter rufen und zugeben, dass du tatsächlich einige Tage im Dschungel gewesen wärst. Mit einem bescheidenen Lächeln würdest du gestehen, dass du zusammen mit den anderen aus deiner Reisegruppe etwas genommen hast.
Es sei dir unangenehm, aber irgendwie hoffst du, dass sich dein Zustand verbessert, wenn du mit jemandem darüber sprichst. Um ehrlich zu sein, war das der schlimmste Bad Trip deines Lebens. Damit meinst du nicht das dir altvertraute Herzrasen, schwitzige Hände und sowas. Nein, es war, sorry, dir falle das deutsche Wort nicht mehr ein, eine out-of-body-experience. Kurz würdest du dich dafür schämen, dass du seit deiner Reise noch mehr Anglizismen als sonst benutzt und dann auf Aufforderung hin die Scham herunterschlucken und tapfer von deinem Erlebnis weitererzählen. Zuerst dachtest du, Gott mache dir einen Heiratsantrag, aber dann fandest du dich plötzlich in einem Stillleben von Braque wieder.
An diesem Punkt der Geschichte fühlst du dich überraschend intellektuell, denn du bist dir nicht sicher, ob hier alle wissen, wer dieser Braque ist. Du würdest rasch «Braque Gemälde» in dein Handy eintippen und es in der Runde herumreichen. Die Anderen würden entweder staunen oder denken, dass du ein Idiot bist, der von Früchten halluziniert. Sie würden dich verwirrt anschauen, aber du würdest darauf beharren, dass es ein reiner Horror war und mit brüchiger Stimme erklären: «Ich sag's euch, das war der reinste Horror. » Du hast dich in deinem Trip inmitten der anderen Früchte in eine verdammte Orange verwandelt! Und seither kriegst du diese leichte Zitrusnote nicht mehr aus der Nase. Sie hat dich über den Atlantik verfolgt und lungert nun hinter jeder Ecke deiner Ferienwohnung. Vor dem Einschlafen wird der Geruch immer stärker und umhüllt dich in seinem frischen, spritzigen Aroma. Doch es ist nicht nur der Geruch, der dich quält.
Auch dein Blickfeld ist weiter als vorher und dein Gang scheint träger als üblich. Als wäre es nicht belastend genug, davon überzeugt zu sein, dass du womöglich bis an dein Lebensende eine Orange bleibst. Das Schlimmste kommt erst noch. (Davor würdest du einen tiefen Atemzug nehmen.) Du hast seither das Gefühl, alle wollen dich schälen. Bei diesem Teil der Geschichte würdest du kurz innehalten und hoffen, dass niemand lacht, denn es ist wirklich überhaupt nicht lustig. Du willst keine Orange mehr sein und hoffst inständig, die Meeresluft würde dir helfen. Vielleicht verbringst du sogar den Herbst hier. Du wünschst dir, dass die Tage allmählich kürzer werden und die orange Farbe endlich nachlässt.