Nein, ich flirte nicht mit dir
Gesellschaft — Wenn andere die Ohren spitzen, lässt sie ihre Augen durch den Raum tanzen. Unsere Autorin erzählt von ihrem Umgang mit Schwerhörigkeit.
Ich habe gelernt, durch die Zähne zu blicken. Ich habe gelernt, ein L von einem N zu unterscheiden, zu sehen, mit welchem Teil die Zunge den Gaumen berührt. Schliessen sich die Lippen? Macht oder Nacht? Die Lippen sind einfach. Dahinter wird es schwieriger. Dich oder sich? Hab’s nicht gesehen, das Licht kommt von hinten. Die Musik wird lauter gedreht, hallt von den Wänden wider und verschmilzt mit dem Echo deiner Stimme. Neue Stimmen. Mehr Echos. Mein Blick flackert von Mund zu Mund. Jetzt hilft nur noch der Kontext. Mitdenken, anstrengen. Worum geht's gerade? Ergibt Nacht gerade Sinn? Okay, nachfragen. Kein Problem.
Was?
Nacht.
Was?
Macht.
Okay, dann nicht. Vielleicht verstehe ich beim nächsten Satz, worum‘s ging.
Flirtest du mit mir?
Du schaust mich immer so intensiv an...
Nein. Ich flirte nicht mit dir.
Ich versuche bloss, durch dein Gebiss hindurch deiner Zunge zu folgen, dabei dein Lispeln und die riesige Menge an Spucke zu ignorieren und gleichzeitig aus den Wortfetzen, die mein vernarbtes Trommelfell mir trotz allem übermitteln konnte, einen Kontext zusammenzubasteln, der tatsächlich Sinn ergibt. Denn mich interessiert, was du erzählst. Ich will mitkommen, will dabei sein, mitreden können. Und du verstehst das, wiederholst deine Worte auch beim dritten Nachfragen. Nur die Witze wiederholst du nicht, die sind nicht mehr lustig, wenn man sie zweimal erzählen muss.
Was?
Du schaust weg, grinst. Und ich verstehe, frage nicht nach. Grinse nur mit dir mit und hoffe, dass es tatsächlich ein Witz gewesen ist. Mit 10 Jahren bekam ich ein Hörgerät. Als ich im Hörinstitut sass und mir zum ersten Mal das Plastikstück ins Ohr zu quetschen versuchte, erschrak ich. Wie wenn man den ganzen Tag einen Druck auf den Ohren hatte und er sich schliesslich löst. Es hätte eine Erleichterung sein sollen.
Und?
Du schreist mich an. Der Hörakustiker schreit mich an. Der Wasserspender schreit mich an. Das Kratzen des Stiftes, das Klacken der Tastatur, Du atmest. Ganz leise, aber auf einmal wahrnehmbar. Jede Stimme, jedes Geräusch ist auf einmal ganz nah an meinem Ohr. Ich habe Superkräfte bekommen.
Du wirst dich schnell dran gewöhnen!
Von wegen. Mit meinen brandneuen Megafonen trete ich auf die Strasse und werde erschlagen. Der Zug dröhnt vorbei, fährt direkt in meinen Kopf hinein. Eine Mutter poltert mit ihrem Kinderwagen neben mir durch. Das Baby hockt auf meinem Kopf, krallt sich in meinen Haaren fest und kreischt aus vollem Hals in mein Ohr. Die ganze Stadt schreit mich an, metallisch, unnatürlich und viel zu viel. Ich will sie rausreissen. Völlig überwältigt taumle ich hinter dir her. Zu Hause ziehe ich sie aus und bin überzeugt, diese Dinger nie wieder zu tragen.
Und? Wie war's?
Ich erzähle von den Kopfschmerzen, wie mühsam und gleichzeitig spannend, wie komisch diese Geräte sind. Aber auch von den Vögeln! Wie ich aus dem Zug stieg und zum ersten Mal das Zwitschern hörte, das Rauschen der Bäume. Ich wusste nicht, dass man Bäume hören kann. Wie ich mich traute, in der Öffentlichkeit meine Augen zu schliessen, mich auf einen Sinn verlassen konnte, der sonst nicht zu gebrauchen war, und wie ich nicht erschrak, als du mich am Arm berührtest, weil ich deine Schritte hörte, weil ich hörte, wie du näher kamst. Verstehst du?! Ich hörte dich!
Emma, du sprichst mega laut.
Also lege ich sie wieder an, meine Megafone, passe mich an. Und der Hörakustiker sollte recht behalten; ich gewöhnte mich tatsächlich daran. Heute blicke ich noch immer durch die Zähne. Noch immer setze ich mich, wenn möglich, ans Fenster, damit das Licht von vorne auf deinen Mund fällt und ich bis zu deinem Gurgeli sehen kann, wenn du sprichst. Manchmal schreist du mich noch immer an, gemeinsam mit den quietschenden Tramschienen und dem Presslufthammer. Aber dann drücke ich einfach auf den unteren Knopf, stelle mein Hörgerät ein wenig leiser.
Und die Stadt passt sich meinen Ohren an.