«Heute käme man dafür ins Gefängnis»
News — Architekturdepartement der ETH im Umbau: Safe-Word und Time-Out zeugen von einem Kulturwandel.
Modellwände, die durch Ateliers geschmissen werden, Beleidigungen und der angeblich gutgemeinte Rat, man solle doch um Gottes Willen nicht Architekt*in werden. Architekturschulen sind berüchtigt für eine toxische und unkonstruktive Atmosphäre. Am Architekturdepartement der ETH versuchen verschiedene Akteur*innen, dieser alteingesessenen Art entgegenzuwirken. Der Erstjahreskurs wurde von acht Professor*innen gemeinsam neu konzipiert und heisst seither Studio Foundations. Neu dürfen die Studierenden bei Besprechungen und Debatten das «Safe-Word» «Senf» benutzen, so steht es auf einem Infoblatt zur Studiokultur. Doch auch in den Ateliers der älteren Semester findet ein Wandel statt.
Seit dem Frühjahr 2026 gibt es in einigen Ateliers die Option eines «Time-Outs». Man könne, sagen Studierende, eine Auszeit beanspruchen und – sogar während einer Präsentation – gehen. Wer Architektur studiert, wird von anderen ETH-Studierenden oft ein wenig belächelt. Mehr als ein bisschen Modelle bauen werde wohl nicht dabei sein, heisst es. Doch neben klassischen Vorlesungen in diversen Bereichen bedeutet vor allem der Entwurfskurs sehr viel Aufwand. Zeit für Hobbys oder Freundschaften kommt häufig zu kurz. Tage fangen früh an und hören spät auf. Kritiken, im Erstjahreskurs neu Debatten genannt, können böse ausgehen. Der Druck ist, je nach Atelier, enorm.
Früher war alles schlimmer
Fabio Gramazio, Architekturprofessor an der ETH und Initiator der Revision des Erstjahreskurses, sagt: «Was wir mit Studio Foundations wollen, ist die Entthronung des genialen, autoritären Architekten.» Ziel sei ein Austausch aller Beteiligten auf Augenhöhe. Die toxische Kultur im Bereich Architektur sei lange toleriert worden, aber irgendwann nicht mehr tragbar gewesen. Gramazio ergänzt: «Noch in den 90er-Jahren wäre es niemandem eingefallen, den Umgang untereinander infrage zu stellen.» Von Sexismus bis Rassismus sei alles dabei gewesen. Heute sei es unangenehm, daran zurückzudenken.
«Wir hatten einen weit verbreiteten Leidenskult», sagt Gramazio. Also die Vorstellung, dass Leid zum Aneignen von Wissen dazugehöre. Heute sei das zum Glück nicht mehr so, und genau deshalb müsse man sich als Department ständig anpassen. Entsprechend gelte heute eine Nulltoleranz gegenüber gewaltvollen Aussagen. Doch Debatten könnten nun mal aus dem Ruder laufen: «Architektur ist etwas Intensives, Emotionales und Persönliches; man kann verletzt werden und verletzen. » Nach tagelanger Arbeit und wenig Schlaf trifft es einen, wenn ein Projekt scharf kritisiert wird. «Manchmal wird etwas aus dem Affekt heraus gesagt oder gehört, das nicht sein sollte», sagt Gramazio.
Dies sei allerdings nicht mit der systematischen, an Sadismus grenzenden Kommunikationskultur der 90er zu vergleichen. Im Gespräch mit Dozent Daniel Mettler und Kurator Cristiano Aires Teixeira klingt es ähnlich: «Wir hatten tatsächlich Professoren, die Ranglisten mit uns gemacht haben. Das war damals schlicht die Umgangsform, niemand hat das als etwas Schlechtes erlebt», sagt Teixeira. Mettler erinnert sich: «Vor 35 Jahren liefen die Schlusskritiken teils deutlich rücksichtsloser ab. Die Kritiker waren und sind anerkannte Architekten. Das war schwer zu ertragen. Heute ist dies zum Glück nicht mehr so.»
Trotzdem sei man an Kritiken laut Texeira auch heute noch exponiert und die Umbenennung zu «Debatte» ein wichtiger Schritt. Allgemein werde heute der mentalen Gesundheit mehr Verständnis entgegengebracht: «Das Thema ist nicht neu und hängt damit zusammen, dass wir Produktivität in unserer Gesellschaft hinterfragen», sagt Texeira. Heute wüssten wir, dass Druck nicht immer gesund sei, weshalb Anlaufstellen kreiert werden. Das gehe Hand in Hand mit dem Safe-Word. «Die Idee ist, dass es überall eine Schmerzensgrenze gibt, die kommuniziert werden kann, ohne dass das als Schwäche abgestempelt wird», so Teixeira.
Dem stimmt Gramazio zu: «Man kann nicht Architektur unterrichten, wenn man nicht Klartext redet. Das kann aber auch wehtun; daher das Safe-Word.» Ob dieses bereits verwendet wurde, ist unbekannt. «Für Sachen, die wir früher mitgekriegt haben, käme man heute ins Gefängnis. Mittlerweile empört man sich schon, wenn jemand nicht die richtigen Pronomen benutzt. Das müssen wir in Relation setzen. Ich will das gar nicht werten, alles hat sich geändert; von der Wahrnehmung über die Sensibilität bis hin zum Umgang», sagt Gramazio. So habe sich nicht nur die Sensibilität der Studierenden geändert, sondern die Gesellschaft überhaupt. Die gestiegenen Erwartungen an die Universitäten entsprechen dem heutigen Zeitgeist, findet auch Teixeira. Neben Anpassungen in der Studiokultur wurde im neuen Erstjahreskurs auch das Curriculum überarbeitet. Neu sind einige Kurse, die vorher separat unterrichtet wurden, in die Entwurfsklasse integriert.
Der Aufwand bleibt gross
Trotz diesen Änderungen zeigen sich einige der diesjährigen Student*innen noch immer überfordert vom Pensum. Laut einer Studentin, die sich bei einer Zwischenkritik des zweiten Semesters zu Wort meldete, hätten die Studierenden am Wochenende zuvor Nachtschichten gemacht und seien «physically ill», sprich körperlich krank, gewesen. «Wenn man einkalkuliert, wie viele Fächer in Studio Foundations integriert werden, ist der Aufwand nicht gross», entgegnet Teixeira. Dass es einen «Peak-Moment» vor Debatten gibt, werde immer so sein.
Dennoch sei bei Schlussdebatten enorm viel Druck weggefallen. Der neue Ansatz zeigt sich auch im Umgang mit Absenzen. In diesem Bereich, so empfinden es jedenfalls die Studierenden aus älteren Semestern, sei die Toleranz massiv gestiegen. Paula*, Architekturstudentin aus dem zweiten Jahr, sagt, sie habe sich im Basisjahr nie krankgemeldet. Obwohl an den drei Entwurfstagen der Studio Foundations Anwesenheit erwartet wird, fehlten die Erstjahresstudent* innen oft – manchmal sogar an Kritiken, die sie dann problemlos nachholen durften. Sie finde es zwar gut, sagt Paula, dass man heute ohne schlechtes Gewissen auch einmal krank sein dürfe.
Allerdings werde die neue Toleranz ausgenutzt: «Deadlines und Disziplin gehören nun einmal zum Alltag einer Architektin.» Ob die Neuerungen im Erstjahreskurs reichen, um eine konstruktive Atmosphäre, bei der die mentale Gesundheit der Studierenden nicht zu kurz kommt, zu etablieren, bleibt vorerst abzuwarten. In einem Punkt sind sich jedoch alle Gesprächspartner* innen einig: Architektur ist ein Handwerk, für das man viel geben muss, von dem man aber auch viel zurückbekommen kann. Ein fairer, respektvoller Umgang auf Augenhöhe ist dabei ein Muss.
*Name von der Redaktion geändert