Die Karten anderer

Dingsda

Mara Schneider (Text und Foto)
16. September 2026

Entthronen – Jeder kommende Sonntag ähnelt seinem Vorgänger: Noch während dem Frühstück fragt jemand in die Runde, ob wir gleich «Brändi Dog» spielen wollen. Sagt jemand nein und alle anderen sagen ja, wird in dem Moment demokratisch beschlossen, dass dennoch gespielt wird. Es sei schliesslich eine seltene Begebenheit, dass alle zuhause seien, argumentiert jemand. Wer mit der sonntäglichen Tradition vertraut ist und trotzdem länger liegen bleibt, wird mit der Bemerkung, dass alle bereits warten würden, aus dem Bett manipuliert. 

Zopf, Butter und Konfitüren werden zur Seite geschoben und für das Spielbrett eine gerade genug grosse Fläche sauber gewischt. Das Spiel ähnelt «Eile mit Weile», doch nicht der Würfel entscheidet über den nächsten Zug, sondern die Karten. Der erste Aufschrei lässt nicht lange auf sich warten, jemand spielt zu langsam, jemand zu schnell. Es will gewonnen werden, auch wenn hier nur um den Abwasch gespielt wird, und nicht wie im Mittelalter um Habseligkeiten oder gar ein Familienmitglied. Auch wenn unser Spieleinsatz nicht ganz so hoch ist, wird auch an unserem Tisch zu viel geredet, in die Karten anderer geschaut und jeder Spielzug hinterfragt. So wie damals. 

Deswegen wurden sie von den Geistlichen wohl als gottlos und habgierig bezeichnet, als wäre man dem Werk des Teufels verfallen. Bereits im 14. Jahrhundert war die Spielsucht den Obrigkeiten bekannt, sodass diese beschlossen, Kartenspiele zu verbieten. Eine weniger drastische Alternative war, die Karten zu versteuern. Um zu zeigen, dass das Kartenunternehmen diese Steuer bezahlt hat, wird seither das Pik-Ass aufwändiger gestaltet als die anderen. In der Schweiz war es zudem bis ins 20. Jahrhundert eine gängige Beweismethode, eine Karte pro Set nach Bern zu schicken und dort abstempeln zu lassen. Ich spiele eine rote Drei und ziehe eine aus den Handkarten meiner Mutter. Eine schwarze Fünf. Ich werde wohl auch diese Runde aussetzen müssen und mit meinen Figuren weiter daheim ausharren. 

Als meine Mutter schliesslich dran ist, hält sie mir schadenfreudig einen König vor die Nase und bringt eine weitere ins Spiel. Ich wünsche mir insgeheim eine Revolution herbei, der König soll die Krone verlieren und entmachtet werden und mit ihm meine Mutter. Die französische Revolution zog da durch. Die Französ*innen stürzten nämlich nicht nur die Monarchie, sondern veränderten auch die Spielkarten: Bildkarten, die hochrangige Personen zeigten, wurden mit einfachen Bürger*innen ersetzt und mit «Liberté», «Égalité» und «Fraternité», den Werten der Revolution, beschriftet. Zusätzlich wurde aber auch das Ass, das eigentlich den niedrigsten Wert darstellt, mächtiger und stand damit sinnbildlich für den Wandel in der Gesellschaft. Die Bevölkerung wollte wohl im alltäglichen Leben nicht noch mehr an die Ungleichheit der Stände erinnert werden. Doch unter Napoleon, der sich selbst krönte, wurden die Karten wieder so, wie sie vorher waren. 

Nachdem wir das Team meiner Mutter schlagen und mit einer kleinen Zahlenkarte die letzte Figur ins rettende Haus befördern konnten, sind unsere Gedanken bereits bei den nächsten Angelegenheiten, die wir an diesem Sonntag noch angehen könnten. Einzig die Karten auf dem Tisch erinnern an ihre Vergangenheit und die anderen Gesellschaften, von denen sie gespielt wurden.