Abkürzung ins Jetzt

Ode an einen Ort

Liv Robert (Text und Foto)
14. Oktober 2025

Ode an einen Ort – Betrübt über die Stunde, die auf mich zukam, über querte ich den kahlen Platz neben dem Bierwerk an der Europaallee. Ich war auf dem Weg zur Mathenachhilfe, als ich an jenem Frühlingsabend im Jahr 2021 eine Szene beobachtete, deren Erinnerung zu diesem Text führte. Sie liess mich innehalten und zerrte mein überhitztes Hirn für einen kurzen Moment aus dem Tunnelblick des Schulalltags. Mit lautem Jubel rannte eine Gruppe von Bauarbeiter*innen über die dazumal frisch gebaute Brücke, deren Name sich mir später als Negrellisteg offenbarte. 

Der Vorderste schwenkte eine schäumende Champagnerflasche während die neonorangen Figuren hinter ihm herjagten. Als zynische Teenagerin hoffte ich, dass sie nicht aus Skepsis gegenüber der brück'schen Tragfähigkeit rannten, und bewertete den Steg als nicht sonderlich schön. Doch obwohl mir nie in den Sinn gekommen wäre, ihr eines Tages eine Ode zu widmen, liess ich mich von der Euphorie etwas anstecken und trug sie mit in die Öde von 90 Minuten Mathe. 

Wie sich in langjährigen Beziehungen unwichtig erscheinende Streitereien oder passiv-aggressive Kommentare zu einem tiefsitzenden Groll kumulieren können, geschah zwischen dem Negrellisteg und mir das exakte Gegenteil. Jede noch so unbedeutend Überquerung der stählernen Verbindung zwischen Kreis 4 und 5 führte über die Jahre zu einer wachsenden Wertschätzung. Gewidmet wurde die Brücke dem österreichischen Ingenieur Alois Negrelli, der die erste inländische Eisenbahn der Schweiz baute. Der Steg erstreckt sich über die vielen Gleise, die wie ein grauer Fluss aus dem Hauptbahnhof strömen und deren Verkehr für den Bau der Brücke nie unterbrochen wurde.

Meine Wertschätzung beruht jedoch nicht auf Baugeschick und auch nicht auf dem ursprünglichen Zweck der Brücke, die laut der Stadt eine sichere und schnelle Überquerung der Gleise ermöglichen soll, sondern auf etwas Ineffizientem und Langsamem: der Entschleunigung. Ob ich allein zur Uni eile, nachts mit Freund*innen betrunken Richtung Alte Kaserne torkle oder vollbepackt von einem erfolgreichen Brockenhaustrip heimkehre, ich bleibe immer kurz auf der Brücke stehen und blicke auf die Schneise. 

Abends leuchten da die Lichter der umliegenden Häuser und die Züge fahren in die Dunkelheit. In diesen Momenten kehrt eine friedliche Stille in meinen Kopf, die auch nach Herabsteigen der Wendeltreppe noch eine Weile bleibt. Als Gymischülerin habe ich das Innehalten und die Momente, die einen ins Jetzt zurückholen, vielleicht nur unterbewusst geschätzt und hätte mich heute als Eso-Tante abgetan, doch ein paar Lebensjahre und ein Eckart Tolle-Buch später weiss ich, wie wichtig sie sind. 

So sehr die Stadt mit Verbotsschildern gegen die Verweilenden ankämpft, bis heute setzen sich die Leute aufs Geländer und machen den Transitraum zum Treffpunkt. Wer also einen Ort sucht, der Bewegung und Stillstand verbindet, oder bei seinem nächsten Date mit Halbwissen über Alois Negrelli punkten will, wird zwischen Ambossrampe und Gustav-Gull Platz fündig.