Ein Ort, um in Gedanken zu schwelgen.

Die Akte Erika W.

Kurzgeschichte, Essay und Freies — Unsere ehemalige Redaktorin gräbt in ihrer Geschichtenkiste.

Lea Schubarth (Text) und Mara Schneider (Foto)
26. Februar 2026

Und dann kam die Akte. Die Akte von Erika W., einer jungen Mormonin, die als Sektenaussteigerin bekannt wurde, in jeder Talkshow der deutschsprachigen TVWelt ihre Geschichte zum Besten gab, zwei Zusammenbrüche erlitt und schliesslich, nach einem langen Aufenthalt in einer Klinik, Suizid beging. Sie musste Jill einfach zugefallen sein, weil sie dieses Puzzleteil in dieser Zeit gebraucht hatte. Jill verschlang die Akte und sichtete alles, was es von Erika W. zu sehen gab: Aufzeichnungen von archivierten Fernsehauftritten; Protokolle von Therapiesitzungen, die während W.s Aufenthalt in der Klinik erstellt wurden; Stellungnahmen der Behörden sowie der Jesus Christ Church of Latter Day Saints nach ihrem Tod. Seither verbringt sie ihre Tage mit Erika W., die allem Anschein nach nicht genug hatte erleben dürfen.

Jill wird Erika nicht mehr los; Erika hängt sich an sie, wohin sie auch geht. Beim Coiffeur rät sie zu Frisuren, die heute wieder in Mode sind. Im Restaurant isst Jill, was Erika haben möchte, auf dem Nachhauseweg steigt sie jeden Tag an einer anderen Haltestelle aus, um Erika etwas Neues zeigen zu können. Nur im Spital zieht Erika sich zurück, lässt Jill arbeiten. Einmal, auf dem Rückweg von der Wohnung ihrer Schwester, beim Gang über die Stadelhoferpassage, vorbei an McDonald’s und Coiffeursalons, spielt in ihrem Kopf eine Sequenz aus dem Archiv in Dauerschleife: Erika W., wie sie verstohlen in die Kamera blinzelt, das Gesicht von dichtem Haar eingerahmt, hinter ihr ein Büchergestell. Einige Einbände glänzen fettig, andere sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt, vereinzelt sind Fingerabdrücke zu erkennen. Es ist ruhig im Raum.

Gleichzeitig hört Jill die Möwen kreischen, die über dem Bürkliplatz und dem See kreisen. Sie heben sich ab vom trockenen Grau des Zürcher Winters, sie und die weissen Schiffe, die Passagiere nach Horgen, Zollikon und Rapperswil transportieren. Darüber legen sich Eindrücke von Erika W. im Fernsehen, die warmen Brauntöne des Sofas, das schüttere Haar des Moderators und Erikas grüne Augen. In der Aufnahme hört Jill, wie sich Erikas Wangen bewegen, wie sich die Haut runzelt, wie ihre Spucke knistert, wenn ihre Lippen beim Aufsetzen eines Lächelns über die Zähne gleiten. Sie setzt zum Sprechen an, bleibt jedoch still. Jill hat die gesamte Akte gescannt und digitalisiert, um immer Zugriff darauf zu haben, auch im Ausland oder falls in ihrer Wohnung ein Feuer ausbrechen sollte. Ihre liebsten Stellen hat sie sich aber herauskopiert, um damit richtig Zeit verbringen zu können.

Sie hat einen dieser Auszüge besonders oft gelesen, es ist eine der seltenen Stellen, an denen Erika W. selbst zu Wort kommen darf, keine Aussage, die vom Psychiater vernommen und vorsichtshalber im Konjunktiv in einem Bericht notiert wurde. Jill zitiert, was sie mittlerweile auswendig kann: Das Gemüt wird mit den Jahren leichter. An manchen Tagen habe ich Angst, nur ein leichter Windstoss könnte aufkommen und ich könnte davonsegeln. Es ist seltsam, dieses Gefühl von Leichtigkeit, das aber mitnichten Freude meint, sondern eher eine drängende Unruhe. Ja, innere Unruhe, das passt gut, denke ich, zu diesem Zustand, zu dem ich eine Beziehung habe wie Orion zu seinem Skorpion. Kennst du, äh, kennen Sie die Geschichte von Orion? Er und sein Rivale am Sternenhimmel, der Skorpion, sind darauf nie zeitgleich zu sehen, weil der Skorpion der Einzige ist, der Orion töten kann.

Darum flieht Orion und der Skorpion ist ihm permanent auf den Fersen. Das kommt aus der griechischen Mythologie, also das mit Orion. Das mit den Fersen ist etwas anderes, aber dabei geht es auch um Helden, die eine einzige Schwachstelle, eine einzige Verletzlichkeit haben. Ich bin von Sternzeichen Skorpion, was lustig ist, weil ich ja vor der inneren Unruhe flüchte. Ich gebe nicht selber den Impuls zu rennen, nein, die Dynamik ist klar, erst kommt die Unruhe und dann setze ich mich in Bewegung und vermag es nicht, mich ihr entgegenzustellen oder zu versuchen, den Spiess für einmal umzudrehen und sie zu jagen.

Jill spricht weiter: An einem Vormittag, an dem sie sich uncharakteristisch ruhig gefühlt habe, also ohne den Drang, sich zu bewegen oder überhaupt irgendetwas zu tun, habe sie stattdessen die Angst gepackt, sie könne an Ort und Stelle

Wurzeln schlagen und mit dem Leintuch verwachsen, das sie seit einem Monat nicht gewechselt habe. Also habe sie kurzerhand beschlossen, in die Berge zu fahren, ausgerüstet mit einem Zelt und warmer Kleidung. Mehr habe sie nicht dabei gehabt, denn in der Hast, ihrem Festkleben im Bett zu entkommen, habe sie weder an Verpflegung noch an Unterhaltung gedacht. Dies sei ihr später seltsam vorgekommen, da sie normalerweise sehr bemüht sei, diese für sie elementaren Bedürfnisse zu jeder Zeit ausreichend gestillt zu haben oder zumindest darauf vorbereitet zu sein, wenn sie sich zwangsläufig meldeten. 

Sie habe sich am Schalter ein Kombi-Billett gekauft, Hinfahrt mit dem Zug und Ticket für die Bergbahn in einem. Dann sei sie hinausgefahren, und dann nach oben, und immer weiter nach oben. Irgendwo habe sie das Zelt aufgeschlagen und sei bald eingeschlafen, ermüdet von der Reise. Mitten in der Nacht sei sie dann aus einem Albtraum aufgewacht und habe kurz nicht mehr gewusst, wo sie sich befinde. Auch die Uhrzeit habe sie nicht gewusst, ihr Handyakku sei leer gewesen. Sie habe sich dann aus dem Zelt begeben und die Sterne funkeln sehen. Vor dem Zelt sei sie für eine lange Zeit sitzen geblieben. 

Die Stille zwischen den Bergspitzen sei ihr wohlig laut vorgekommen, der Himmel habe bis in die Unendlichkeit gereicht, so habe sie gemeint. Es sei nicht, wie sie geträumt habe, eine Kulisse gewesen wie im Regenwald, voller Geräusche, Schreien aus dem Dickicht und feuchter Luft, die sie bedrängten und bedrückten. Eigentlich sei es das komplette Gegenteil gewesen, oder vielleicht ein komplementäres Stück, die Absenz all dieser bedrängenden Elemente, nichts, das sie vorangetrieben hätte mit einer Wichtigkeit, die nicht zu begreifen sei.

Als sie sich dies vergegenwärtigt hätte, habe sie langsam wieder zur Ruhe kommen können, habe festgestellt, dass dieser Hang, auf dem sie sich befinde, nicht mit den Tropen vergleichbar sei und dass sie froh sein könne über die Stille und darüber, dass Kühe sich nicht schreiend von Baum zu Baum hangeln können. Obwohl auch dies wohl in Ordnung gewesen wäre, da sie sich bereits über der Baumgrenze befunden habe. Doch plötzlich habe sie wieder die Angst gepackt, diesmal vor der Ruhe, die ihr auf einmal zu gross vorgekommen sei. Sie sei liegengeblieben, habe in den Nachthimmel gestarrt und sich gewundert. Ihr Herz habe gepocht wie noch nie. Sie habe versucht zu weinen, da sie ein Brennen hinter ihren Augäpfeln gespürt habe. Die Tränen hätten nicht kommen wollen.

Sogleich habe sie bemerkt, wie ihr Körper, während sie damit abgelenkt gewesen sei, ihn zum Weinen zu zwingen, hinauf drängte und an seiner eigenen Schwere scheiterte. Minuten später, die sie damit verbracht habe, reglos dazuliegen und hochzuschauen, sei sie aufgestanden und habe ihre Sachen zusammengesucht. Sie habe noch einmal ins Gras geblickt, kontrolliert, ob etwas vergessen gegangen war. Sie habe nichts gefunden, nicht einmal den eigenen Umriss, in die Wiese eingedrückt, und habe sich auf den Rückweg gemacht, den seltsamen, steppenartigen Hang hinunter.