Darum hat es die Demokratie schwer

Kultur — Das Theaterprojekt «Proberaum Zukunft» inszeniert in der Aula an der Universität Zürich das Morgen. Bei der Aufführung dreht sich alles um politische Partizipation, aber das hat auch Nachteile. Eine Rezension.

Tim von Felten (Text) und Rahel Gamma (Illustration)
16. September 2026

NATO ausgetreten, China hat philippinische Inseln annektiert und in Frankreich regiert das rechtspopulistische Rassemblement National. Liberale Demokratien müssen in dieser Zeit zusammenhalten. Deshalb haben über 40 davon eine neue Organisation gegründet: die «International Democratic Alliance », kurz IDA. Nun muss die Schweiz entscheiden, ob sie beitreten will. Das letzte Wort hat eine per Los bestimmte Gruppe von Bürger*innen. Sie hat dafür zwei Stunden Zeit. So beginnt «Die Allianz der letzten Demokratien», eine Aufführung des Theaterprojekts Proberaum Zukunft. Die Idee trifft den Nerv der Zeit.

Das Publikum spielt Politik 

Das Produktionsteam hinter der Vorstellung nennt seine Herangehensweise «pre-enactment»: In einem fiktiven, aber plausiblen Zukunftsszenario trifft das Publikum, das stellt bei dieser Aufführung die ausgelosten Bürger*innen dar, selbst Entscheidungen und wird Teil der Geschichte. An ihrer Seite stehen reale Politiker*innen und Expert*innen mit Rat zur fiktiven Situation. Es vermischen sich Theater, SRF-Arena und Zeitreise-Szenario.

 Die Aufführung fand an vier Tagen im August in der Aula der Universität Zürich statt. Da das Publikum und die Vertreter*innen aus Politik und Wissenschaft an jedem Termin anders sind, unterscheiden sich Dynamik und Ausgang jeder Vorstellung. Diese Rezension bezieht sich auf den 15. August. An dieser Aufführung waren unter anderem SP-Politikerin Jacqueline Badran und Co-Chefredaktor der Republik Daniel Binswanger mit dabei. Die Vorstellung beginnt damit, dass den Anwesenden die fiktiven Ereignisse des letzten Jahres in Erinnerung gerufen werden. Also die Geschehnisse, die aus der Sicht vom Sommer 2026 noch nicht passiert sind. Es folgt eine Rede, in der ein Vertreter der IDA erklärt, warum die Schweiz der Allianz beitreten soll. Anschliessend äussern Expert*innen ihre Sicht der Dinge, zum Beispiel zur rechtlichen Bedeutung einer Teilnahme. Danach ist schon gut ein Drittel der zwei Stunden vergangen und die Vorsitzende gibt das Mikrofon für das Publikum frei. Jung und alt erklären, warum die Schweiz sich der IDA anschliessen soll, oder eben nicht.

Mehr Konferenz als Theater 

Der Aufführung gelingt es, eine grosse Schwäche der Demokratie sichtbar zu machen, welche dem Stück gleichzeitig zum Verhängnis wird: Demokratie ist oft langweilig. Während bei einem herkömmlichen Theater jeder Satz auf eine Pointe und jede Handlung auf die Resolution hinarbeitet, läuft es bei dieser Vorstellung anders. Die oft technischen Ausführungen der Expert* innen sind nicht aufeinander abgestimmt und bleiben lose Einschätzungen. Viele Redner*innen aus dem Publikum verlieren sich in ihren zwei Minuten Redezeit. Für etwas Abwechslung sorgen zwei überraschende Momente. Zuerst tritt eine Schauspielerin als US-Botschafterin auf und droht dem Publikum mit Konsequenzen, sollte es sich für einen IDA-Beitritt entscheiden. Und gegen Ende kritisiert Juso-Präsident Nicola Siegrist polemisch die Kürzung der Redezeit auf eine Minute. Als ihm die Technik das Mikrofon abstellt, brüllt er weiter.

Am Schluss durfte das Publikum schliesslich über den Beitritt abstimmen. In dieser Vorstellung entscheidet es sich dafür. Die Lektion der Aufführung scheint jedoch weniger die Entscheidung selbst zu sein, sondern Folgendes: Emotionen, Anschuldigungen und Lautstärke unterhalten mehr als sachliche Argumente und technische Details. Deswegen erreicht die Politik viele Leute besser über Ersteres. Das ist wohl einer der Gründe, warum die Demokratie heute an vielen Orten unter Druck steht. Der Vorstellung gelingt es, diesen Konflikt zu veranschaulichen. Leider zu Ungunsten des Publikums, denn um spannend zu sein, bleibt die Aufführung zu nah am demokratischen Prozess.