Yasmine Laimeche arbeitet seit kurzem im Labor von Cutiss und gibt einen Einblick

“Wenn ich ein Brandopfer wäre, würde ich das Risiko eingehen”

News — Ein Zürcher Start-Up ist an der Entwicklung von Labor-Haut beteiligt. Während die Technologie eine grosse Erleichterung für Opfer von Brandverletzungen bedeutet, sind künftig auch rein ästhetische Eingriffe nicht ausgeschlossen.

41 Todesopfer forderte die Brandkatastrophe in Crans Montana an Neujahr. Weitere 115 Personen wurden verletzt, wovon rund 100 schwerste Verbrennungen erlitten und zeitweise in Lebensgefahr schwebten. Noch Monate nach dem Unglück sind die Folgen dramatisch: Anfangs April befinden sich noch immer 39 Patient*innen in Spitalpflege.

Schwere Hautverbrennungen wie diese sind weit mehr als akute Verletzungen: wenn die Lebensgefahr überbrückt ist, steht noch immer ein langer Weg bevor. Auf Wochen auf der Intensivstation mit mehreren Operationen zur Hauttransplantation folgen Reha-Aufenthalte und langfristige Therapien. Patient*innen sind auf eine Vielzahl von Gesundheitspersonal angewiesen. Auch Forscher*innen sind im Hintergrund daran beteiligt, bessere biotechnologische Möglichkeiten für Therapien zu erarbeiten.

Die 24-jährige Yasmine Laimeche arbeitet seit Februar bei der Cutiss AG, ein Spin-Off der Uni, im Labor. Nach einem Studium in Medizintechnik in Paris, kam sie im Rahmen von Forschungspraktika nach Zürich und sei geblieben. Sie erklärt, dass Cutiss biotechnologisch hergestellte Haut züchtet, abgestimmt auf jede*n Patient*in. Das Unternehmen erhielt Gewebeproben von Crans-Montana-Brandopfern aus der Schweiz und dem Ausland und beschäftigt sich nun intensiv mit der Entwicklung von Hautersatz. 

Schutzschirm wiederherstellen

Als unser grösstes Organ schützt uns die Haut zuverlässig vor der Aussenwelt. Ob UV-Strahlung, Temperaturschwankungen oder Parasiten: Ohne sie fehlt die erste und wichtigste Barriere unserer Immunabwehr. Bei grossflächigen Verbrennungen ist eine Hauttransplantation deshalb unabdingbar.

Bislang gilt die sogenannte Autotransplantation als Goldstandard. Dabei wird eine dünne Schicht der eigenen, intakten Haut auf die Wundstellen übertragen. Dieses Verfahren hat jedoch seine Schattenseiten: Sowohl an der Entnahmestelle als auch an der transplantierten Stelle treten Narben auf – somit gleich zwei betroffene Stellen. Die Vernarbungen hinterlassen optische Auffälligkeiten und bringen funktionelle Einschränkungen mit sich. Zusätzlich ist die transplantierte Haut nicht elastisch genug, um mit dem Rest des Körpers optimal mitzuwachsen, was besonders bei Kindern zu Problemen führen kann.

Um diese Einschränkungen zu reduzieren, arbeitet das Unternehmen seit neun Jahren an einem neuen Ansatz. Es soll so wenig Haut wie möglich entnommen werden und daraus im Labor die benötigte Hautfläche gezüchtet werden. Das Endprodukt wird als «Denovo Skin» bezeichnet. Somit können Patient*innen mit grossen Flächen an Haut – abstammend von eigenen Zellen – versorgt werden, ohne dabei auf eigene oder fremde Hautspenden angewiesen zu sein. 

Cutiss nimmt in diesem Bereich eine Monopolstellung ein: Es gibt bislang keine direkte Konkurrenz mit einer vergleichbaren Technologie. Gleichzeitig betont die Firma, dass Denovo Skin, entgegen den Erwartungen, nicht teurer sei als herkömmliche Behandlungen. 

Langes Warten

Alles beginnt mit einer winzigen Biopsie, eine Gewebeprobe kaum grösser als eine Briefmarke. Anders als bei der Autotransplantation, enthält das entnommene Gewebe Zellen aus den beiden oberen Hautschichten, der Epidermis und Dermis. Diese dienen nun als Grundlage für die Züchtung von Denovo Skin. Der grosse Vorteil: Der Körper nimmt die neue Haut optimal auf, da sie aus körpereigenen Zellen entstanden ist.

Die einzelnen Fragmente von Denovo Skin sind nur etwa so gross wie eine Handfläche. Um eine Hautfläche von 50 Quadratzentimeter zu züchten, braucht Cutiss fünf bis sieben Wochen. Nicht jeder Fall kann so lange warten. Yasmine berichtet, es sei auch schon vorgekommen, dass jemand in der Wartezeit verstorben ist. «Auch wenn ich Tag und Nacht arbeiten würde, die Zellen wachsen schlichtweg nicht schneller», sagt sie.

Bei der Transplantation wird die hergestellte Denovo Skin auf die gesäuberte Wundstelle aufgelegt, und durch natürliche Zellmigration wächst sie mit der Haut rundherum zusammen. Narben bilden sich deutlich weniger, und vor allem bei Kindern wächst die transplantierte Haut wie gewollt mit.

Der Nutzen von Denovo Skin ist nicht ausschliesslich auf Brandverletzungen beschränkt. Rein ästhetische, plastische Hautveränderungen sind nicht ausgeschlossen. Diese Entwicklung sieht Yasmine jedoch kritisch. Haut aus rein kosmetischen Gründen zu ersetzen, ist für sie «Designermedizin». 

Keine Behandlungsalternative

Noch ist Denovo Skin nicht auf dem Markt. Aktuell arbeitet das Unternehmen an der dritten Phase der klinischen Studie. Im Zentrum steht nicht nur die Frage, ob die neuartige Methode sicher ist, sondern auch, ob sie bessere Heilungschancen bietet. Trotzdem bleibt der Zugang vorerst für die Patient*innen von Crans-Montana auf den «Compassionate Use» eingeschränkt. Diese Ausnahmeregelung erlaubt es Ärzt*innen, noch nicht zugelassene Therapien einzusetzen, wenn die verfügbaren Behandlungen als unzureichend eingeschätzt werden. Wie viele Patient*innen von der Brandkatastrophe im Wallis dieses Verfahren in Anspruch nehmen oder wie die Resultate aussehen, kann uns Yasmine aus Schutz der Privatsphäre nicht sagen. 

Bei jedem einzelnen Fall würden alle rund 50 Mitarbeitenden von Cutiss mitarbeiten, erklärt Yasmine. Die Arbeit passiert manuell, fast nichts ist automatisiert. Von A bis Z wird alles genau überprüft und nach Vorschriften durchgeführt. Für jedes Stück Haut muss jeder einzelne Schritt exakt gleich reproduziert werden.

Der Stress begleitet Yasmine auch nach der Arbeit mit nach Hause. «Ich habe Angst, etwas falsch zu machen», sagt sie. Die Verantwortung, Menschenleben zu retten oder zumindest massgebend zu beeinflussen, beschäftigt sie sehr. Auch wenn sie im Labor nicht weiss, um welche*n Patient*in es sich handelt, kreiert die Medienberichterstattung über Crans Montana einen zusätzlichen Druck. Trotzdem ist sie froh und stolz darauf, mit ihrer Arbeit den Brandopfern die Zukunft etwas erleichtern zu können.