Die Krankheit fällt durchs Raster

Long Covid und die damit verbundene Erschöpfung sind im Unialltag zu spüren. Zwei Betroffene berichten von ihren Erfahrungen mit mangelnden Unterstützungsangeboten und stigmatisierten Gesprächen.

Ana Thereza Schiemer (Ana Thereza Schiemer) und Adam Burri (Illustration)
17. November 2025

Wenn seine Freund*innen Joshua* fragen, wie es ihm denn gehe, antwortet er oft mit «nicht schlechter». Zwar finden sie das schade, er aber ist froh darüber: Joshua hat Long Covid und berichtete bereits letztes Jahr der ZS von seiner Erkrankung. Seinen Alltag zu bestreiten, ist gerade nur möglich, wenn sich seine Situation eben nicht verschlechtert. Long Covid steht für Beschwerden, die nach einer Covid-19-Infektion erstmalig auftreten und langzeitig anhalten. Typische Symptome sind Erschöpfung mit gleichzeitigen Schlafproblemen, «Brain Fog», Muskelschmerzen und Kurzatmigkeit. Hinzu kommen zahlreiche andere. Bei Überlastung kommt es zu einem «Crash», einer Symptomverschlechterung. Therapien gibt es noch keine, es können lediglich Symptome temporär gelindert und «Pacing» betrieben werden, also die vorhandene Energie eingeteilt werden. 

Schwammige Unterstützungsangebote 

Long Covid ist eine sehr komplexe Erkrankung, die viele Ausprägungen und Abstufungen hat. Für Joshua ist es besonders wichtig, zu erwähnen, dass er nicht pasuchal für alle Studierenden mit dieser Diagnose sprechen kann: Er redet dabei von «Survivorship Bias», denn stärker Betroffene haben oft nicht die Energie, an einem Gespräch wie unserem teilzunehmen. Besonders für sie würde er sich wünschen, dass die ETH mehr auf sie zugehen und individuelle Unterstützung anbieten würde. Durch seine Erkrankung habe er realisiert, wie sehr Gesundheit – mental und körperlich – an der Universität als gegeben gesehen wird. 

Für Joshua bedeutet das, dass er sein Leben umstellen musste. Um mit seiner gesenkten Belastungstoleranz umzugehen, entschied er sich dafür, seinen Master an der ETH in Teilzeit fortzuführen – aber dagegen, einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Joshua zweifelte vor allem daran, dass es Unterstützungsmöglichkeiten seitens der Universität gäbe, die auf Long Covid angepasst sind. Grundsätzlich seien diese Informationen nur schwer zugänglich und die Suche nach ihnen raube ihm viel Energie. Dafür hat er aber auch Verständnis: Ab einem gewissen Punkt gelange man mit den individuellen Anforderungen der Studierenden als Institution an seine Grenzen. Jetzt, wo er ein Praktikum macht, wertschätzt er, wie viel Freiheit er tatsächlich an der ETH hatte. 

Das Verständnis fehlt 

Johanna, die ebenfalls an Long Covid erkrankt ist und erst kürzlich ihren Master an der ETH beendet hat, zog einen Nachteilsausgleich erst gar nicht in Betracht. «Ich wollte mir diese Blösse nicht geben», sagt sie. An ihre Vorgesetzten und Dozierenden habe sie ihre Krankheit nur kommuniziert, wenn es sich nicht vermeiden liess, wie etwa als sie aufgrund ihrer covidbedingt entwickelten Histaminintoleranz eine Woche im Krankenhaus verbringen musste. Und obwohl sie stets Anteilnahme bekam, traf sie immer auch auf Unverständnis: Niemand interessiert sich wirklich dafür. Was zählt, ist, was sie am Ende leisten kann. Im Nachhinein bereut Johanna ein wenig, dass sie sich nicht mehr mit den Unterstützungsmöglichkeiten der Universität auseinandergesetzt hat. Um in ihrem stressvollen Studienalltag mit ihrer chronischen Krankheit weiter Leistungen erbringen zu können, musste sie sich eine «Rüstung» aus Selbstdisziplin und Willenskraft anlegen. Da ständig von ihr erwartet wurde, erreichbar und produktiv zu sein, konnte sich Johanna nur in den Semesterferien erholen, die an der ETH relativ kurz ausfallen. 

Das Fehlen von Räumen für Regeneration an der ETH – physisch, aber vor allem institutionell – hat Joshua bereits letztes Jahr thematisiert. Johanna sieht das als ein grösseres Problem, dass alle Studierende betrifft: «Im Lehrkontext sollte es nicht darum gehen, vollständiges Verständnis einzufordern – sondern flexible Strukturen zu schaffen, die unterschiedliche Belastbarkeiten berücksichtigen und es allen ermöglichen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzubringen». Es gibt immer noch keine offiziellen Zahlen, wie viele Studierende mit Long Covid an der ETH und der Universität Zürich studieren. An den Beratungsstellen der Hochschulen machen sie bislang nur einen kleinen Teil aller Gespräche aus. Gründe, warum Betroffene wie Johanna und Joshua sich gegen Nachteilsausgleiche entschieden haben, gibt es viele. 

Aber Barbara Koch-Kiennast, Leiterin des Beratungs- und Coachingzentrums der ETH, sieht diese Entscheidungen nicht grundsätzlich als negativ an: Wer trotz Erkrankung das Studium bewältige, erlebe oft stärkere Selbstwirksamkeit. Sie bedaure jedoch, dass Betroffene den Eindruck hätten, Informationen seien schwer zugänglich. Bei Unsicherheit, welche Unterstützung für wen möglich ist, empfehle sie eine Beratung: In dieser gehe «es nie um Bewertung, sondern um eine gemeinsame Einschätzung und Reflexion der Situation innerhalb der institutionellen Rahmenbedingungen». Um zu verhindern, dass Angst vor Stigmatisierung oder Unverständnis Studierende davon abhält, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, bemüht sich Koch-Kiennast, die Beratungsgespräche möglichst offen und auf die Bedürfnisse aller Studierenden anzupassen. Laut Medienstelle der ETH bemühe sich diese um eine inklusive Kultur: Anträge auf Nachteilsausgleiche würden mit «grosser Selbstverständlichkeit gehandhabt und die Dozierenden entsprechend sensibilisiert». 

Auch Ulla Blume, Leiterin der Fachstelle Studium und Behinderung (FSB) an der Universität Zürich, nennt Beispiele, für individualisierte Massnahmen, die die Nachteile von Studierenden mit Long Covid ausgleichen könnten: Fristverlängerungen, Pausen während Prüfungen, mehr Podcast- Vorlesungen. Die FSB kann eine Empfehlung aussprechen, allerdings liege die Entscheidung, welche Massnahmen dann tatsächlich verfügt werden, bei den Fakultäten. Dies aufgrund der dezentralen Entscheidungsprozesse an der Uni. Ob und wie genau diese Empfehlungen umgesetzt werden können, hängt von den Strukturen der jeweiligen Fakultät ab. 

Offene Gespräche führen 

Andere Unterstützungsmöglichkeiten seien etwa die psychologische Beratungsstelle und der Zugang zu Ruheräumen an der Uni Zürich – dies sind oft Sanitätszimmer, die Betroffene in Abwesenheit eines Notfalls zum Ausruhen zwischen Vorlesungen benutzen dürften, wie es sich Joshua letztes Jahr gewünscht hatte. Zusätzlich gibt es seit Oktober letzten Jahres auch studentisch organisierte Austauschorte, wie zum Beispiel die Mental-Health-Kafis des Studierendenvereins mindful(L). 

So gibt es ein Angebot an Unterstützungsmöglichkeiten von Seiten der ETH und der UZH, das aber nicht alle betroffenen Studierenden erreicht oder nicht von ihnen in Anspruch genommen wird. Während solche Entscheidungen sehr persönlich sind und respektiert werden sollten, deutet dies vielleicht trotzdem darauf hin, dass die Universitäten daran arbeiten müssen, sich nach den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Studierenden zu erkundigen und somit gegen Stigmatisierung anzukämpfen. 

Obwohl die Pandemie vorbei ist und diese für viele ein unangenehmes Thema bleibt, dürfen gerade jene nicht aus den Augen verloren werden, die bis heute unter ihren Folgen leiden. Dabei ist aber auch wichtig, dass dies nicht nur institutionell passiert: Auch im persönlichen Miteinander, ob zwischen Dozierenden und Studierenden, aber auch unter Kommiliton*innen, sollte stärker darauf geachtet werden, dass Gesundheit nicht als selbstverständlich angesehen wird. Vielleicht beginnt das schon damit, häufiger ehrlich nachzufragen, wie es anderen geht – und Raum zu lassen für Antworten, die nicht immer «gut» lauten. 

*Name von der Redaktion geändert