Mitarbeitende abserviert

News — Vicafe wächst rasant und bietet so vielen Studierenden einen Arbeitsort. Doch nun berichten ehemalige Mitarbeitende von fragwürdigen Arbeitsbedingungen und hohem Personalverschleiss.

Rahel Gamma (Text und Illustration)
30. April 2026

«Mir wurde um 22 Uhr noch eine Schicht hinzugefügt – und ich wurde verwarnt, weil ich am nächsten Tag nicht erschienen bin», von solchen Erfahrungen berichtet Ammar Mašala; knapp ein halbes Jahr arbeitete er bei Vicafe. Danach begann er, Bildschirmaufnahmen von seinen Schichten zu machen, um im Zweifelsfall Beweise zu haben. Auch Verspätungen hätten schnell zu Verwarnungen geführt. «Ich weiss noch, dass jemand mal eine Verwarnung für schlechte Latte-Art bekommen hat.» Bei drei Verwarnungen ist man – wie im Baseball – raus.

Dass bei Vicafe einiges anders läuft, zeigt sich schon im Bewerbungsgespräch. Diese sind nicht nur von Natur aus stressig: Gleich mit einer Gruppe von Mitbewerbenden stellt man sich dem potenziellen Arbeitgeber vor. Auch Ammar erlebte das: Er beantwortete gleichzeitig Fragen wie sieben andere Personen. «Es kamen viele normale Fragen, aber ein paar waren einfach nur komisch – etwa: Welcher Drink von unserem Menü wärst du?» Ammar wurde dann für den nächsten Schritt in den Hauptstandort, die Rösterei, eingeladen. Vor der Zuteilung zu einer «Cluster-Gruppe» – darin bilden mehrere Filialen den gemeinsamen Einsatzort – absolvieren neue Mitarbeitende einen zweitägigen Crashkurs sowie zwei begleitete Einarbeitungstage in einer Filiale.

Das Unternehmen wächst schnell; mit 18 Standorten, verteilt in der ganzen Schweiz, ist Vicafe konstant auf neue Arbeitskräfte angewiesen. Das Stellenangebot: Teilzeit- Barista mit einem Stundenlohn von 25.25 Franken. Unterhalb des Managements gibt es kaum Fixanstellungen. Das Rückgrat des Unternehmens bilden deshalb vor allem junge Menschen im Zwischenjahr oder im Studium. Viele verliessen Vicafe bereits nach einem Jahr. Ammar sagt dazu: «Ein Teil ist sicher Überarbeitung», doch auch das anstrengende Management sei ein Grund. Dass erst kürzlich Angestellte bereits viel Verantwortung übernehmen müssen, gehört zu den Folgen der Fluktuation. Matthew*, ehemaliger Mitarbeiter, war bereits nach vier Monaten der längst-angestellte Schichtleiter in seinem Cluster. Schichtleitende sind für den Standort verantwortlich und vermitteln zwischen Baristi, Kunden und Management.

Hierarchie oder Anarchie?

Zurzeit wird diese Position zur «Head Barista» mit einer Festanstellung umstrukturiert. Für neue Mitarbeiter*innen, so Ammar und Matthew, reiche die viertägige Einarbeitungszeit oft nicht aus, um den Betrieb zu verstehen oder eine stressige Öffnungs- oder Schliessungsschicht alleine zu bewältigen. Somit fällt ein grosser Teil der Einarbeitung auf die ohnehin ausgelasteten Schichtleitenden ab. Auf Anfrage der ZS nimmt Vicafe Stellung zu den Vorwürfen und relativiert. Viele Kritikpunkte liessen sich als branchenüblich einordnen.

Das Gruppen-Bewerbungsverfahren sei auf Anfang Jahr angepasst worden: Auf eine gemeinsame Runde folgen nun Einzelgespräche. Das Format habe «keinen Wettbewerbscharakter» und diene dazu, Teamfähigkeit und Empathie zu beobachten. Verwarnungen würden offiziell nur bei Regelverstössen ausgesprochen, so Vicafe. Auch den hohen Mitarbeitendenwechsel bezeichnet das Unternehmen als branchenüblich, betont jedoch, laufend in Massnahmen dagegen zu investieren: «Unser Ziel ist es, für jene, die längerfristig im Unternehmen bleiben möchten, eine attraktive Perspektive zu bieten.» Zur Betreuung neuer Mitarbeiter*innen nach der viertägigen Ausbildung verweist das Unternehmen darauf, dass diese Tätigkeit Teil der Store-Manager-Rolle sei – diese sind für mehrere Standorte gleichzeitig zuständig. «Man kann nicht an fünf Orten gleichzeitig sein, da vertrauen wir auf die gegenseitige Unterstützung unter den Mitarbeitenden», räumt das Unternehmen im Gespräch ein. Zu einigen genannten Vorfällen konnte Vicafe keine Stellung nehmen; auch weil die zuständige Ansprechperson erst seit Januar in ihrer Rolle tätig ist. Der schnelle Umschlag macht sich also nicht nur in den Filialen, sondern auch der Administration bemerkbar.

Der Arbeitsalltag variiert stark: von ruhigen Tagen in abgelegenen Filialen bis hin zu überwältigenden Kundenschwärmen wie etwa beim Bellevue oder der Bahnhofstrasse. Gerade die Filiale am Bellevue wird von mehreren ehemaligen Mitarbeitenden als besonders belastender Standort beschrieben. Im Sommer fehlt eine ausreichende Kühlung. Laut Ammar und Matthew wurden Temperaturen von bis zu 40 Grad gemessen. Nach Beschwerden durften Baristi nach vier bis fünf Stunden in eine kühlere Filiale wechseln – die Wege dorthin seien jedoch nicht bezahlt worden. Vicafe begründet die Temperaturen mit dem offenen Kaffeefenster-Konzept. Man begegnet diesen Bedingungen mit entsprechenden Lüftungen und Ventilatoren, Pausenempfehlungen und Thermounterwäsche im Winter, verteidigt Vicafe.

Transferzeiten während einer Schicht würden «selbstverständlich als Arbeitszeit gelten und entlohnt». Ob die temperaturbedingten Wechsel als Transferzeiten zählten, war sich das Unternehmen im Gespräch unsicher. Junge Menschen sind bekanntlich immer am Handy – bei Vicafe in erster Linie für die Arbeit. Matthew erzählt, die interne Vicafe-App sei für viele die meistgenutzte Anwendung gewesen. Schichtleitende geben dort Feedback, Baristi nehmen es entgegen und alle müssen laufend den Dienstplan beobachten. Schichten werden teilweise noch am Vorabend hinzugefügt oder gestrichen. Auch die laut Stellungnahme geltende Mitteilungsfrist von 17 Uhr für Flex-Schichten sei in der Praxis nicht immer eingehalten worden.

Im Gespräch mit Vicafe heisst es, dass kurzfristige Schichtänderungen «in Ausnahmefällen vorkommen können». Für das Schliessen einer Filiale sind dann etwa dreissig bis vierzig Minuten eingeplant. In der Praxis dauert es gemäss Ammar und Matthew besonders für neue Mitarbeitende oft doppelt so lange. Vicafe sagt, das Zeitfenster basiert auf «langjährigen Erfahrungswerten» und betont, dass Arbeitszeiten eigenverantwortlich erfasst und bei fehlerhafter Erfassung nach Absprache nachträglich korrigiert werden können.

Farbe zeigen, aber nicht jede

Im September 2025 wurde Ammar von einem 20-Minuten-Scout fotografiert, als er während der Arbeit ein Palästina-Trikot trug. Dieses Trikot, in Kombination mit einer Verspätung, brachte ihm seine letzten zwei Verwarnungen. Aufgrund des Personalmangels, vermutet er, sei er dennoch nicht entlassen worden. Schliesslich nahm er die Entscheidung selbst in die Hand und reichte Ende Monat seine Kündigung ein. Sein Trinkgeld, das er während der rund fünf Monate bei Vicafe erarbeitete, habe er nie erhalten. Die Auszahlung erfolgte damals nur zweimal jährlich, ohne transparente Berechnung. Ammar sagt: «Wir haben einmal versucht, es aufzuschreiben und auszurechnen. Wir hatten aber keine Chance, uns einen genauen Überblick zu verschaffen.» Diesbezüglich kündigte Vicafe eine Umstellung an, ab März 2026 wird das Trinkgeld monatlich, standortbezogen und anteilig nach Arbeitsstunden verteilt. Dies sei erst kürzlich transparent kommuniziert worden.

Auf den Trikot-Vorfall folgten für Ammar tägliche Anrufe des HR und schliesslich ein Gespräch mit der Geschäftsleitung. Darauf entschied er, von sich aus zu gehen. Die Stimmung damals beschreibt er als zunehmend abweisend und unangenehm. Seine Motivation für das Trikot? «Ich habe es an dem Tag bekommen und wollte es anziehen.» Vicafes Haltung gegenüber 20 Minuten beschränkte sich auf die Kleiderordnung. Ammar ist nicht der einzige, der unter diesen Bedingungen gegangen ist. « Bei Vicafe ist es einfacher, zu kündigen, als Ferien zu bekommen.» Früher gab es Gratis-Kaffee Treuekarten für ehemalige Mitarbeitende – auch diese wurden abgeschafft. Viele, die länger als ein Jahr dort waren, sind inzwischen weg. Neue kommen dafür im Fliessbandprinzip.

*Namen von der Redaktion geändert