Schöne Ablenkung

Sexkolumne — Hier berichtet unsere Sexkolumnistin aus Buenos Aires über vertraute Geschehnisse.

Redaktion (Text) und Mara Schneider (Illustration)
26. März 2026

Boludo – Eigentlich wollte ich hier über einen Mann schreiben, einen Mann mit schüchternem Blick, butterweichen Lippen und einem exzellenten Hüftschwung. Und ich wollte schnell schreiben, um fertig zu sein, wenn er mich um neun abholt und quer durch die Stadt kutschiert, damit wir in seinem Wohnzimmer die Dirty-Dancing-Szene nachstellen können. Um 19.30 Uhr beschreibe ich den Geschmack seiner Küsse. Um 20.15 Uhr schneide ich mir die Fussnägel. Um 20.30 Uhr erreicht mich folgende Nachricht: «Che tranqui lass uns das nächste Mal mit mehr Zeit verabreden.» 

Sofort schreibe ich meiner Tante: «Tía, bist du zuhause? Ich brauche Hilfe beim Argentinische-Männer-Übersetzen.» Keine Sekunde später geht eine Tür auf, «Masterchef» wird abgestellt und sie steht vor mir. Ich zeige ihr die Nachricht. «Ganz klar, was für ein Boludo.» – «Soll ich nicht anrufen, um zu klären…» – «Nein!», kommt es jetzt auch von unserer anderen Mitbewohnerin, die sich gerade ausgehfertig macht. «Apropos Anrufen… Ich bestelle gerade Pommes, willst du welche?», fragt meine Tante. «Ich habe noch Salat», grummle ich in mein Kissen hinein. 

Fünf Minuten später stellt sie mir eine Portion überbackene Pommes hin. «Danke! Ich bin nicht mal wegen diesem bestimmten Typen enttäuscht», ereifere ich mich, «sondern wegen dieser Respektlosigkeit!» – «Absolut.» – «Das hat System.» Ein Tropfen Cheddar fliegt von meiner wild herum gefuchtelten Kartoffel. «Sie drücken unsere Ansprüche runter, sodass wir für jeden Krümmel dankbar sind.» 

«Sie versuchen es», nickt meine Tante und grinst: «Bei mir hat es allerdings nie geklappt, ich will immer noch Verehrung. Ich wurde mit vielen Tugenden gesegnet, aber bei der Bescheidenheit hat mich Gott übergangen.» – «Wäre schade, wärst du schon als Heilige in den Himmel gestiegen!» – «Das wird es sein! Jemand musste aufpassen, dass du dein kluges Köpfchen nicht verlierst.» – «Echt, ich sollte meine Finger von ihnen lassen und mich auf meine Arbeit…» – «Na na na», meine Tante tätschelt mir die Hand, «man braucht auch mal eine Belohnung.» – «Inwiefern ist das hier eine Belohnung?» – «Okay, zumindest Ablenkung.» 

Dann lenken wir uns ab, indem wir Kerzen anzünden und Tangos hören, und ein bisschen weinen. Wegen Sonnenuntergängen, Zukunftsängsten, ABBA-Konzerten und wie schön es ist, dass wir genau in diesem Moment zusammen hier sind.