Oh mein Gott?

Kolumne

Gena Astner (Text) und Marin Stojanovic (Illustration)
26. März 2026

Loslassen – Wie oft ich diese Zeilen schon geschrieben habe. Immer und immer wieder diesen Brief aufgesetzt, nur um ihn dann nie abzuschicken. Ich scheiterte meist schon an der minimalen logistischen Hürde: Kein Drucker zu Hause, aber auch die an der Uni oder bei der Arbeit streikten mittels leerer Druckerpatronen oder Papierfächer. Hatte ich diese mal überwunden und die Kündigung unterschrieben, lag es am fehlenden Kuvert. Dessen Kauf wurde dann auf den Folgetag des folgenden Tags usw. verschoben und so landete der Brief spätestens beim nächsten Umzug wieder in der Altpapiersammlung.

Mit jedem Umzug wechselte die Zugehörigkeit der Kirchgemeinde und so liess ich es irgendwann bleiben. Waren das Zeichen oder gar eine Warnung einer höheren Macht? Eine klare Antwort von oben blieb jedenfalls aus. Grundsätzlich glaube ich nicht an solche Zeichen, schon gar nicht an einen männlichen Gott, der eine Jungfrau koitusfrei geschwängert haben soll, die dann den Sündenbefreier der Menschheit zur Welt gebracht habe. Selbst wenn es sich bei Jesus um eine historische Person handelt, enthält die Geschichte zu viele Ungereimtheiten. I just don’t buy it. Was ich vom Christentum weiss, ist mir zu patriarchal, zu streng, zu gewaltsam. 

Aber wenn ich ehrlich bin, war da noch etwas anderes in mir, das mich zögern liess. Meine Beziehung zur Spiritualität besteht heute nur noch aus Erinnerungen. Als Kind betete ich vor dem Einschlafen mit meiner Mutter für die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Nächsten. Wenn sie mir im Streit verboten hatte, an die Geburtstagsfeier einer Mitschülerin zu gehen, wandte ich mich mit meiner Bitte, Gott solle sie doch beschwichtigen und mich gehen lassen, an den da oben. Und mit Erfolg: Immer kam sie von ihrem Vorhaben ab. Dabei liess ich natürlich ausser Acht, dass mein Vater sie beschwichtigt hatte, während ich im Zimmer verzweifelt vor mich hin murmelte. 

Doch je weiter ich dem kirchlichen Werdegang folgte, desto weiter entfernte ich mich von meinem Glauben. Firmung liess ich mich nur wegen der dazugehörigen Reise und des Festmahls mit Freund*innen und Familie. Eigentlich merkte ich schon während der Vorbereitung, dass ich nicht hierher gehörte. Etwa wurde ich beim Schreiben der Fürbitten darauf hingewiesen, dass unsere Kirche anti-queer sei. Voller Unverständnis und Trotz machte ich in jener Sonntagsmesse – zwar subtiler, aber eindeutig – klar, für welche Werte ich einstand. Kurz dachte ich darüber nach, abzubrechen, redete mir alles aber gleich wieder schön: Wahre Veränderung kommt schliesslich von innen? Auch das währte nicht lang. Beim Glaubensbekenntnis vor dem Bischof sparte ich bewusst am «ich». 

Erst heute weiss ich, wie stark sich christliche Grundsätze schon in meine Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit eingenistet hatten. «Du sollst nicht lügen!» hallt es manchmal durch meinen Kopf, wenn ich es doch tue. Mein Vater meinte mal, ich solle mich von meinem «catholic guilt» lösen. Als Atheist hat er leicht reden. Nach der Krebserkrankung meines Onkels habe ich mir oft gewünscht, mich in der Verzweiflung und Trauer an etwas Übernatürliches wenden zu können; an etwas zu glauben, das Halt verspricht. Diesen fand ich aber nicht zwischen Kirchenbänken, sondern im Austausch mit meinem Umfeld. Und wie bei vielen ist spätestens seit den Untersuchungen von Missbrauchsfällen Schluss mit vorgeschobenen Gründen, kein Raum mehr für Faulheit oder Ausreden. 

Erneut tippe ich: «Hiermit erkläre ich den Austritt aus der katholischen Kirche.» Doch statt mich nicht über den Austrittsgrund zu äussern, schreibe ich über all die Werte, die ich heute von ihr nicht gelebt sehe. Der Brief ist geschrieben, Marke und Umschlag liegen bereit. Mal schauen, ob es diesen Sonntag klappt.