Kleider machen Leute

Kolumne

26. Februar 2026

Loslassen - Morgens stehe ich oft vor dem Kleiderschrank auf dem Treppenabsatz in der WG und überlege mir länger als nötig, was ich denn heute anziehen werde. Während die Minuten vergehen und der Tee in der Küche kalt wird, bemerke ich zwei Dinge: Erstens sind meine Faltkünste verbesserungsbedürftig und zweitens gehört die meiste Kleidung, die ich vor mir sehe, ursprünglich nicht mir.

Als Jüngste in der Familie waren alte Kleider schon immer etwas, das ich über die Jahre hinweg gesammelt, aufbewahrt und durchmischt habe. Wie Ratschläge oder Weisheiten wurden sie mir von verschiedensten Personen aus diversen Lebensabschnitten übergeben. Anfangs waren es vor allem die Bijous aus der Sammlung meiner Mutter oder alte Pullis meines Bruders; mit der Zeit fühlte man sich wie diese Papierfiguren, die man in der Primarschule auf einem zusammengefalteten Blatt Schicht für Schicht gemalt und weitergegeben hatte, bis ein skurriles Bild entstand. 

Mit 14 habe ich dann «tutti.ch» entdeckt und schon erweiterte sich der Kleiderpool auf die ganze Stadt. Nach langem Doomscrolling an ein paar zu vielen Schwangerschaftstops vorbei – das Universum hatte mehr Hoffnung in mich als gerechtfertigt – fand ich immer wieder etwas Passendes: eine handgestrickte Jacke, ein Abendkleid, ein Paar Stiefel. Dann stand ich alle paar Monate in einem neuen Quartier an der Haustür oder vor dem Briefkasten einer fremden Person. Manchmal entwickelte sich ein Türrahmengespräch über das Kleidungsstück: «Gefällt Ihnen das Kleid nicht mehr so?», fragte ich vorsichtig. «Ich hatte es jede Weihnacht an», antwortete die ältere Dame, «aber irgendwann ist man an diesem Lebensabschnitt vorbei.»

Natürlich entwickelte sich dann auch der Secondhand-Trend und Style-Ikon*innen auf YouTube wie Ashley von «bestdressed» inspirierten mich zusätzlich zum Thrifting/Thriften. Hinzu kamen Päckchen von meiner Klavierlehrerin oder ganze Säcke voll von meinen Mitbewohnerinnen. Noch heute darf ich ab und zu bei einer Freundin zuhause durch eine grosse Tasche ungebrauchter Kleider wühlen, die der Tochter ihrer Englischlehrerin nicht mehr gefallen. Wir arbeiten uns zusammen durch den Stapel und überlassen das Urteil über jedes Kleidungsstück ihrer Mutter, die, auf dem Bett hockend, ihre Rolle als (bodenständigere) Miranda Priestly überzeugend einnimmt. 

Die Faszination kommt sicher auch daher, dass Kleider in meiner Familie in Indien als das besagte und geschätzte Geschenk zu Feiertagen gelten: An Diwali ein neuer Rock von der Tante, zur Hochzeit vom Cousin ein neuer Saree von den Eltern der Braut. Aus einem der absoluten Grundbedürfnisse jedes Menschen wird eine Geste, die Teil der Erinnerung an diesen Anlass oder diese Person ausmacht. Wenn das Kleidungsstück bereits eine Erinnerung in sich trägt von der vorherigen Besitzerin, ist es für mich umso schöner. Woher habe ich das Oberteil? Meine Mutter hatte es in ihren ersten Auslandsferien in Singapur gekauft. Ich hatte es an meiner Maturapräsentation an. Oder, von wem habe ich die Jeans? Meine Mitbewohnerin hatte sie auf ihren Europareisen an, jetzt trage ich sie oft im Zug nach Basel.

Manche Stücke bewahre ich behutsam auf und trage sie bewusst zu besonderen Zeitpunkten, wenn ich an die ursprüngliche Besitzerin denken oder ihre Nähe spüren möchte. Andere Male stehe ich an einem Montagabend im Lidl Schlange und merke erst plötzlich, dass sich Kleidung von drei verschiedenen Personen auf mir trifft. Für einen Moment fühle ich mich wieder wie das zusammengewürfelte Papierfigürchen aus der Schulzeit. Dabei hatten die Figürchen doch einen ganz eigenen Charme, der nur durch das Loslassen und Weitergeben entstehen konnte.