Hier haust ein Geist seiner Zeit
Wer sich getraut, einen Blick hinter die Fassade zu werfen, findet am Stüssihof ein Glas Rotwein und ein Stück Revolte dazu. Doch was bleibt von der sexuellen Befreiung noch übrig?
Grau und unscheinbar ist das Haus in der Ecke der Stüssihofs im Zürcher Niederdorf. Einzig ein Wegweiser mit dem geschwungenen Schriftzug weist darauf hin, hier ist «Edi’s Weinstube» zu finden. Sobald man die Tür öffnet, versteht man jedoch schnell, dass die schüchterne Fassade lediglich ein Vorspiel zu dem ist, was einen im Innern erwartet.
Die Nachmittagssonne dringt spärlich in den kleinen, aber nicht einengenden Raum, der eher an einen Partykeller erinnert als an eine ruhige Stube. Dieser Weinkeller ist alles andere als kahl und trocken. In allen erdenklichen Positionen begrüssen einen spärlich bekleidete Menschen auf kunterbunten Postern.
Männer und Frauen schauen einem beim Gläschen Rotwein oder einer alkoholfreien Alternative zu, während sie einander berühren und liebkosen. Viele der zur Schau gestellten Figuren tragen nicht viel mehr als einen zum O-Laut geformten Schmollmund, ihre Nippel werden von machtergreifenden Händen nur halb verdeckt. Man wartet schon darauf, dass sich ihre Augen, gespielt sinnlich geschlossen, plötzlich öffnen und einen unverfroren anblicken, dass sie den Akt unterbrechen und sich ihre Glieder entspannen.
Erotik ist Kunst
Trotz (oder genau wegen?) dieser Projektion hat Edi’s Weinstube einen skurrilen Charme, der sich nicht ganz in Worte fassen lässt. In dieser Bar herrscht eine heimelige Stimmung, die man aufgrund ihres weniger familiären Dekorums wohl nicht erwarten würde. Inmitten des Niederdorfs, dem traditionellen Symbol der Stadt Zürich, ist heute kaum mehr vorstellbar, dass in dieser Bar einst Pornodarstellerinnen kokett Intimschmuck oder Bondage mit gespreizten Beinen vorgeführt haben sollen.
Die Betreiberin Zoë Stähli lächelt leicht verschmitzt, als sie davon erzählt, was in diesen vier Wänden schon alles abgegangen ist, unter anderem der Dreh eines Pornofilms. «An der Premiere ist es wild zugegangen, manche wussten gar nicht, wo sie hinschauen sollten.» Sie schmunzelt. Aus Stählis Erzählungen ist zu entnehmen, dass hier schon einige wilde Partys gefeiert wurden, früher mit viel Erotik.
All diese Geschichten verwundern nicht, wenn man sich an die Vergangenheit dieser etwas unkonventionellen Weinstube erinnert. Früher diente sie als diskreter Hintereingang zu dem ehemaligen Pornokino, das 1980 von Stählis Vater Edouard Stöckli, auch bekannt als Schweizer «Pornokönig», gegründet wurde. Seit 2011 werden zwar im Saal nebenan keine Pornofilme mehr gezeigt, doch lebt das Vermächtnis des Stüssihof-Pornokinos in den Akt-Postern weiter.
Die Bar selbst wurde 2004 als Weinstube von Caroline Stirnemann neu eröffnet, Stähli kam später der Kunst wegen als Geschäftspartnerin hinzu. So funktioniert die Bar zugleich als Galerie für, einzig und allein, Erotikkunst. Die Gäste der Weinstube bilden kein homogenes Publikum, denn die Erotikbilder ziehen vor allem jene Menschen an, die eine gewisse Lebensoffenheit mitbringen.
Die Bar war und ist eine, in der verschiedene Schichten der Zürcher Gesellschaft aufeinandertreffen. Zwischen billigem Hauswein und aufreizenden Akt-Postern finde man hier alles, sagt Stähli, wodurch sich an manchen Abenden ein lebhaftes Bild aus alteingesessenen Stammgästen und abgebrannten Student*innen bis zu durchreisenden Tourist*innen ergibt.
In der Weinstube «reden und streiten die Leute zusammen» und zwar über alles Mögliche, von der Kunst bis hin zur Politik. «Wir stossen mit den Gläsern an, dann hat sich das Problem wie der erledigt», sagt Stähli und lächelt. Je mehr sie erzählt, desto klarer wird, dass die Weinstube weitaus mehr ist als ein erotisches Unikat.
Die Rückeroberung
Die Bar erzählt von einer Nachkriegszeit, in der sexuelle Befreiung und weibliche Selbstbestimmung vor allem eines bedeuteten: Tabus brechen. Stählis Vater war ein 68er, sein Pornoimperium eine Revolte gegen eine verdrängte Nachkriegsschweiz. Doch in den Erotikplakaten der 70er-Jahre, die die Wände tapezieren, steckt auch ein zeitgenössischer Dialog.
Die Plakate, die damals als Gegenkultur wahrgenommen wurden, können heute als ein Mittel zur kritischen Analyse der Einvernehmlichkeit, der Grenze zwischen Befreiung und Vereinnahmung oder des Frauenbildes genutzt werden. Sie werfen die Frage auf, wie viel sich seit den Anfängen des Stüssihof Pornokinos in diesen Bereichen wirklich verändert hat.
Dass zwei Frauen, Stähli und Stirnemann, die zensierten Erotikkunst weiterführen, verleiht dieser Auseinandersetzung eine weitere Dimension. Und für genau solche Fragen ist Edi’s Weinstube zu haben. In einer Stadt, in der steigende Lebenshaltungskosten Treffpunkte und Subkulturen verdrängen, bleibt Edi’s Weinstube ein Ort, der für alle offen ist.
Auch in der Welt zwischen den Bildern, die weitaus mehr als nur zahme Bildsprache und Blümchensex versprechen, ist nicht alles so rosig, wie es scheint, denn Stähli und Stirnemann mussten seit der Corona-Pandemie mehrere Umsatzeinbrüche verbuchen. Was sie rettete, war ein Artikel von Tsüri und die Solidarität, die darauf folgte. Seitdem gehe es für die Weinstube wieder aufwärts. «Die nächste Etappe? Den Sommer über stehen», so Stähli.