Auf dem Kopf die Rebellion
Unverhofft wird die Friseurin Sofi Mykhailenko mit ihren unkonventionellen Haarschnitten bekannt. Ihr Stil polarisiert und hinterfragt, wie unsere Haare auszusehen haben.
Spangen klammern ihre rötlich gefärbten Haare aus dem Gesicht. Zwei lange, in Spiralen gewickelte Strähnen fallen über ihre Schultern. Echt sind sie nicht: «Die sind da hinten an den Dutts festgemacht», sagt Sofi Mykhailenko lachend und deutet auf ihren Hinterkopf. Früher seien ihre Haare das Spielfeld ihrer Experimente gewesen, doch heute drückt sich die 22-jährige Friseurin lieber durch ihre Kleidung und ihren Schmuck aus. «Mittlerweile mag ich solche langweiligeren Frisuren. Sie sollen mit meinem Look harmonieren.» Steht sie jedoch hinter dem Friseurstuhl, werden Haare wieder zum Medium ihrer Kreativität. Sie sind ihre Leinwand, die Schere ihr Pinsel.
Haarkunst muss nicht politisch sein
Zum Jahresbeginn gab die Vogue bekannt: Bobs sind in, Mullets wieder out. Seitenscheitel nur bei hochgebundenen Haaren, Dakota Johnsons Pony und stets sanfte Stufen für 2026. Doch neben Trends, die die breite Masse ansprechen sollen, fliessen auch noch andere, leisere Strömungen: «Hime Cuts», «Ra coonstripes», umgekehrte «VoKuHiLas», halb rasierte Köpfe und bunte Farben würden viele in die Kategorie des Unkonventionellen stecken. Ungezähmt und androgyn ziehen sie Blicke auf sich, provozieren und rebellieren gegen Gender- und Schönheitsideale.
Sofi ist die Ansprechperson für Normbrecher*innen dieser Art. Seit fünf Jahren frisiert sie die kreativen Köpfe Zürichs und hat sich in den sozialen Medien als «Vividloohair» einen Namen gemacht. Mit ihren Reels und Tiktoks zieht sie die Generation Z in den Salon Room of Design an der Forchstrasse in Zürich. Dass ihre Videos so grossen Anklang finden, überrascht sie bis heute: «Ich weiss gar nicht, wie das alles passiert ist. Eigentlich wollte ich bloss neue Leute ansprechen, die Interesse an alternativen Frisuren haben. Nun habe ich mir dadurch fast meine ganze Kundschaft aufgebaut.» Während viele talentierte Kunstschaffende auf den Plattformen erfolglos bleiben, gingen einige von Sofis Videos unverhofft viral.
Einen Grund für die bis zu acht Millionen Aufrufe könnte es jedoch geben: Ihre Frisuren polarisieren. «Was soll denn das sein?» oder «Was macht die Friseurin beruflich?», ist es neben Lob in der Kommentarspalte auf Tiktok zu lesen. «Ich versuche, solche Aussagen nicht an mich heranzulassen, auch wenn sie mich anfangs schon getroffen haben», sagt Sofi. «Gewisse Leute verstehen den Stil halt nicht. Am Ende pusht es meinen Algorithmus» – und macht so auch das richtige Publikum auf sie aufmerksam. Dazu kommen empörte Reaktionen auf ihre Preise. Zum Färben und Schneiden kann man (oder eher frau) bis zu 300 Franken liegen lassen. Als Angestellte hat Sofi jedoch keinen Einfluss auf diese Zahlen.
Die einzigen Kommentare, die sie etwas traurig machen, sind jene, die ihre Frisuren zum Objekt politischer Ausrichtungen machen. «Friseurin der linksgrün Versifften?», schreibt ein User zu einem bunten Schnitt. Sie stellt klar: «Ich weiss, Stereotypen kommen nicht aus dem Nichts. Viele meiner Kund*innen sind links, und wenn sie dies durch ihre Haare unterstreichen möchten, dürfen sie das. Aber es ist nicht die Absicht meiner Frisuren.» Ihre Haarschnitte und Färbungen sollen Persönlichkeiten akzentuieren, ihren Träger*innen Selbstbewusstsein schenken und ein Ventil für Kreativität bieten. «Es sind meine Kunstwerke. Sie dürfen auch einfach cool sein, ohne zwingend eine politische Nachricht zu enthalten», sagt Sofi.
Als wirklich politisch empfindet sie Haarschnitte der Punkszene. Solche schneidet sie seltener. «Mohawks» oder «Liberty Spikes» dienten besonders in den 80er Jahren dem Ausdruck starker Ablehnung von konservativen und autoritären Werten. Heute erkennt sie im Wiederaufstieg des «Pixies» eine rebellische Funktion. Die Kurzhaarfrisur konfrontiert Gendernormen und repräsentiert für viele ihrer Kundinnen Selbstbestimmtheit und manchmal auch einen Neuanfang. «Du weisst gar nicht, wie viele Pixies ich dieses Jahr schon geschnitten habe», sagt Sofi lachend. «Das ist mittlerweile meine Spezialität.»
Was heisst schon alternativ?
Ihre Inspiration kommt hauptsächlich aus der japanischen Haarszene. Mit Farben und kreativen Schnitten bildet sie für Sofi einen Kontrast zu europäischen Schönheitsidealen, der sie fasziniert. Besonders während ihrer Friseur lehre, die sie sehr spontan nach einer abgebrochenen Bäckerausbildung und einer verpassten Anmeldefrist für ein Kunststudium begann, experimentierte sie im Room of Design an Freund*innen. «Ich wollte nie jemand sein, der nur Trendfrisuren schneidet, sondern möchte meine eigenen Ideen umsetzen und individuell auf Kund*innen eingehen.» Doch auch in der alternativen Haarwelt ist das nicht mehr so einfach. «Viele kommen schon mit einem Pinterestboard und möchten selten von der Grundidee abweichen», sagt sie.
Dies widerspricht jedoch auch der Philosophie des Salons, der für seine individuellen Haarschnitte bekannt ist. Betritt man den altmodisch eingerichteten Laden, darf man auf einem Sofa Platz nehmen und erhält ein Getränk. In dieser Zeit «lese» die oder der zugeteilte Friseur*in unvoreingenommen die wartende Kundschaft. Was trägt sie für Kleidung und Schmuck? Was vermitteln ihre Haltung und Bewegungen? Aus den Beobachtungen werden dann drei an die Person angepasste Frisuren erstellt und ihr vorgeschlagen. Mit Sofis Kundschaft, die bereits mit konkreten Wünschen auf der Couch sitzt, ist diese Strategie schwieriger vereinbar. Trotzdem versucht sie, individuelle Gesichts- und Charakterzüge nicht ausser Acht zu lassen und gewünschte Frisuren nicht blindlings auf ihre Träger*innen zu setzen.
So entstehen auch Haarschnitte, die Sofi gar nicht unbedingt als alter nativ beschreiben würde. Oft seien es ihre Kund*in nen, die durch ihren Stil das Unkonventionelle beitragen, wobei die Haare ihre Individualität bloss unterstreichen. «Am Ende arbeite ich mit Menschen, nicht mit Haaren», sagt Sofi. «Manchmal kann ich in Echtzeit sehen, wie sich Gesichter verändern und Selbstbewusst sein wächst. Das ist das Schönste.» Doch auch Enttäuschungen gehören dazu. «Es gibt ehrliche Fehler beim Schneiden und Färben, und es gibt Misskommunikation. Beides passiert. Aber wenn es passiert, bricht es mir das Herz. Haare sind sehr identitätsstiftend und ich trage viel Verantwortung.»
Dass Sofi aber auch vieles richtig macht, zeigen die Türen, die sich ihr öffnen. Durch die sozialen Medien wurde sie mittlerweile für Filme, Modeshows, Musikvideos und Fotoshootings gebucht und konnte dafür schon nach London und Amsterdam reisen. Sie steht am Anfang einer Karriere, bei deren steilen Aufstieg es nicht verwunderlich wäre, würde die Vogue nächstes Jahr schreiben: Lasst euch von Sofi Mykhailenko die Haare schneiden.