Wenn Literaturkritik versagt
Die Autorin Jessica Jurassica ist bekannt für ihre Provokationen. Für ihren neuen Roman «Gaslicht» erntete sie reichlich Kritik. Doch ist diese fundiert oder misogyn? Eine Reflexion.
Um 1740 Prozent steigt 2022 die Suchanfrage für «gaslighting», was damit vom Merriam-Webster Lexikon zum Wort des Jahres gekürt wird. Dieser Begriff beschreibt die Handlung oder Praxis, jemanden – insbesondere zum eigenen Vorteil – mit psychischer Gewalt zu manipulieren und grob irrezuführen. Die Täter*innen lügen, verunsichern und schüchtern ihre Opfer ein, damit sie ihrer eigenen Wahrnehmung misstrauen. «Gaslicht» lautet auch das neueste Buch von Jessica Jurassica, das im August letzten Jahres erschienen ist.
Jessica Jurassica ist das Pseudonym ihrer Kunstfigur, die mit Sturmmaske an die Öffentlichkeit tritt. Bekannt wurde sie in den sozialen Medien wie etwa auf der Plattform Twitter, heute X. Darauf adressierte sie tabuisierte Themen wie Drogenkonsum und Sex. Ihr literarisches Debüt hatte sie mit der erotischen Fan-Fiction «Die verbotene Frucht im Bundeshaus». Mit der Kurzgeschichte sorgte sie 2020 in der Deutschschweiz für mediale Aufmerksamkeit und wurde über dies von der Bundeskanzlei abgemahnt. Grund dafür war die Bearbeitung der aufgeflogenen Affäre zwischen einer damaligen Bundeshausredaktorin und dem damaligen Bundesrat Alain Berset. Zwei Jahre später erschien ihr erster Roman «Das Ideal des Kaputten».
Misogyne Rezensionen
Wie der Titel bereits erahnen lässt, beschäftigt sich Jurassica in ihrem neuesten Buch mit Gewalterfahrung. Interessant am Namen des Buches ist, dass er direkt aus dem Englischen eingedeutscht ist. Für Gaslighting gibt es nämlich keine direkte Übersetzung. Die Geschichte handelt von der Aufarbeitung von Traumata: Die Erzählerin blickt auf toxische und manipulative Freund*innenschaften sowie Beziehungen zu Männern in ihrem Leben zurück. Ein Teil ihrer Erzählung steht dabei im direkten Zusammenhang mit dem ersten grossen Schweizer #MeToo-Skandal.
Um ihre Erfahrungen in einen Roman umzuwandeln, reist die Protagonistin «auf den Nacken eines zwanzigtausend Franken Reisegutscheins von kägi-fret» sowohl nach New York, Wien, Lissabon und an verschiedene Orte in der Schweiz. Dabei baut die Geschichte eine zeitliche Brücke vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Von den Schweizer Ahn*innen der Protagonistin über ihre Urgrosstante, die im 20. Jahrhundert in die USA auswandert, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, bis hin ins heutige Appenzell, in dessen Ferne man den Bodensee erblicken kann, zieht sich ein roter Faden, an dem die Erzählerin zu sich selbst zurückfindet.
Sowohl die Geschichte der Protagonistin als auch das Berufen auf feministische Werke kreiert einen Text, der nicht nur eine persönliche Erfahrung aufzeichnet, sondern genau dadurch ein essenzielles patriarchales Problem benennt: Männer, die Gewalt an FLIN TA*-Personen ausüben und ihnen Leid zufügen – oft ohne dabei mit grossen Konsequenzen rechnen zu müssen. So wirken Männer der Geschlechtergleichstellung aktiv entgegen. Dieses Problem ist ein gern übersehenes, das sich auch in etlichen Rezensionen wiederfinden lässt. Die Zeitung Der Bund beispielsweise fragt, «Was das Buch eigentlich taugt». Und in einem Artikel der Aargauer Zeitung etwa wurde Jessica Jurassica als grundsätzlich wütende und sich übertrieben aufregende Frau beschrieben.
Struktur statt Individuum
In einem schrägen Tonfall wurde die Autorin anstelle des Inhalts in den Mittelpunkt der Rezensionen ihres Buches gestellt. Die Rezensent*innen verpassen, sich zu fragen, was hinter dieser Wut stecken könnte – oder inwiefern diese legitim ist.
Auch wenn es in den Reaktionen auf das Buch auch wohlwollende Antworten gibt, fehlt es einigen an differenzierter Meinung. Es stellt sich die Frage, warum es die Rezensent*innen nicht schaffen, den Blick von der Autorin abzuwenden und den Fokus auf die Thematik des Buches zu legen. Sehen sich die Angesprochenen wegen des Spiegels, der ihnen vorgehalten wird, provoziert und wissen nicht, wohin mit dem unangenehmen Gefühl der Konfrontation?
Jessica Jurassica selbst fällt ihrer Sturmmaske und Anonymität wegen nicht in die typische Rolle einer Frau als Opfer von sexueller Gewalt. Denn diese wird häufig als ein individuelles Problem und nicht als ein Strukturelles betrachtet. Somit erlebt die Einzelperson individuelle Gewalt und bleibt mit dieser auch allein. Bei Jurassica allerdings fällt die Individualisierung ihrer Person schwer. Man kann nicht festmachen, wer hinter der Maske steckt. Ihre Sturmmaske verleiht ihr Anonymität, welche der Geschichte das personalisierte Gesicht nimmt. Damit bleibt sie bedrohlich. Denn fehlt die Identität, gestaltet es sich schwieriger, das Problem als ein Individuelles anzusehen und auf die Person allein zu reduzieren. Ist es kein Individuelles mehr, lässt sich folgern, dass es ein Strukturelles ist. Und damit sind dann auf einmal alle Teil dieses Problems.
Auch der riskanten Position, in die sich Frauen durch Veröffentlichung eines Textes begeben, indem sie patriarchale Strukturen anprangern, schenkten die oben genannten Reaktionen keine Aufmerksamkeit. Jurassica überdies als empfindlich zu betiteln, konzentriert sich zu sehr auf sie als Autorin und schaut über den Inhalt und seine Aussage hinweg. Genau daran scheitern die Rezensent*innen.
Das Schweigen brechen
Nach dem Lesen des Buches sollte man sich eher die Frage stellen, warum etwa ein Sexualtäter mit seinen Straftaten glimpflich davonkommen soll, als sich auf der Persona der Autorin festzuschreiben. Denn da mit werden die Opfer nicht mehr geschützt, die Sexualstraftäter*innen hingegen schon. So werden aus Angst vor juristischer Zurückweisung und «Vier-Augen-Delikten», also Aussage-gegen-Aussage-Prozessen, Sexualdelikte oftmals nicht angezeigt.
In der Schweiz sind es laut einem Bericht von SRF nur etwa 20 Prozent. Sich zu exponieren und dann auf Unglauben seitens der Hörenden zu stossen, sowie nicht geschützt zu werden, ist das Risiko, in das man sich begibt. Und somit wird diese Nichtthematisierung Teil einer grösseren Problematik im Zusammenhang mit Feminismus. Denn Feminismus ist nicht nur komplex, sondern kann vor allem auch unangenehm sein. Er nervt, wenn er einem selbst vorwirft, patriarchale Strukturen zu reproduzieren. Das kann auch immer noch passieren, wenn man selbst Feminist*in ist.
Patriarchale Strukturen und Muster sind in uns allen verankert und es ist anstrengend, das einzusehen. Weiter benötigt es dann nochmal mehr Anstrengungen, umzudenken, da das bedeutet, die eigene Sozialisierung grundsätzlich zu hinterfragen. Ob wohl es viel Energie benötigt, ist diese Reflexion ausschlaggebend für das Entgegenwirken von patriarchaler Diskriminierung. Da es ja darum geht, dass Menschen die Anerkennung als wertvoll und vollkommen in ihrer Menschlichkeit fordern , handelt es sich um ein ernsthaftes Problem, welches wahrgenommen und behandelt werden muss.
In den besprochenen Rezensionen zu «Gaslicht» wird kein Bezug auf diesen Anerkennungsunsch genommen, er wird schlicht weg ignoriert. Denn auch wenn der Roman die autofiktionale Geschichte einer persönlichen Erfahrung ist, liegt es sehr wohl im Rahmen des Möglichen, die Problematik und damit auch den Mehrwert, die das Buch behandelt, zu erkennen.
Es ist immer legitim, von Gewalterfahrungen zu erzählen und das Schweigen zu brechen. Und es ist ein essenzieller Schritt, um der Gewalt als Tabuthema entgegenzuwirken. Schreibstil, Erzählweise und Sprache dieses Textes müssen einem nicht zusagen – auch nicht das persönliche Empfinden Jurassica gegenüber. Aber es geht nicht darum, ob das Buch subjektiv gefällt, sondern darum, dass es sich mit einem Tabuthema, wie Gaslighting eines ist, auseinandersetzt. Denn jeder Beitrag und jede Stimme mehr, die patriarchale Strukturen kritisiert und herausfordert, ist relevant.