Arbeitslos trotz Studium
Trotz Hochschulabschluss kämpfen viele junge Akademiker*innen mit wenigen Einstiegsstellen, hoher Konkurrenz und langen Wartezeiten. Der Start ins Berufsleben wird zunehmend zur Geduldsprobe.
Lange galt die tertiäre Bildung als Garant für einen einfachen Einstieg in die Berufswelt. Doch Hochschulabsolvierende sind vermehrt arbeitslos – zumindest wenn man Medien wie der NZZ glauben schenken will. Den Zeitungsberichten zufolge scheint die Arbeitslosigkeit zunehmend Akademiker*innen zu betreffen. Besonders junge, gebildete Menschen klagen, dass der Einstieg in die Berufswelt schwieriger geworden sei. So auch Marco* und Greta*, die von einem Mangel an Einstiegsstellen, hoher Konkurrenz und langwierigen Bewerbungsprozessen erzählen.
Marco ist 22 Jahre alt und hat vor drei Monaten mit der Stellensuche in der Finanzbranche gestartet. Er studiert Betriebswirtschaft an der Universität Zürich und beendet demnächst sein Bachelorstudium. Mit den Bewerbungen hat er frühzeitig begonnen, um direkt nach seinem Abschluss erste Arbeitserfahrung zu sammeln.
Bei der Jobsuche wurde ihm aber schnell klar, dass die Konkurrenz bei den Banken momentan extrem hoch ist: «Auf LinkedIn haben Stellenanzeigen bereits nach einem Tag über fünfhundert Bewerbende», erzählt er von seinen Erfahrungen auf der Plattform. Zusätzlich dauere es oft sehr lange, bis er eine Rückmeldung auf seine Bewerbung erhält, was für grosse Ungewissheit sorgt. Durch geschicktes Networking konnte er sich dennoch einige Bewerbungsgespräche sichern.
Fehlende Einstiegsmöglichkeiten
Die einundzwanzigjährige Greta berichtet ebenfalls von einer langen Antwortzeit der Arbeitgebenden während ihres Bewerbungsprozesses im vergangenen Sommer und von mangelnden Einstiegsstellen. Greta studierte Politikwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich und war auf der Suche nach einem Praktikum. Dabei hat sie sich auf ungefähr zwanzig Stellen beworben und von vielen erst Monate später eine Antwort erhalten.
Drei Monate später hat es geklappt, sie hat eine passende Stelle gefunden. Sorgen macht sie sich aber vor allem über ihre berufliche Zukunft: «Ich habe beim Bewerben sehr wenig Einstiegsstellen gesehen.» Während Praktikant*innen weiterhin gefragt sind, scheinen Unternehmen weniger Stellen für Berufseinsteiger*innen zu inserieren und wenn doch, dann mehrheitlich befristet.
«Der Arbeitsmarkt hat sich verändert», stimmt Sandra Läderach zu. Sie ist Leiterin von «Beratung und Admin» beim «Career Service» der Universität Zürich und beobachtet: «Vermeintlich etablierte Branchen wie die Finanzbranche, IT oder Life Sciences sind nicht mehr so stabil wie noch vor fünf Jahren.» Zudem sieht sie einen Rückgang an Studierendenjobs und damit einhergehend auch immer höhere Anforderungen an diese Stellen.
Vitamin-B wird wichtiger
Demzufolge können Studierende während des Studiums weniger Arbeitserfahrung sammeln, was wiederum die Jobsuche am Ende des Studiums verlängert. Der Markt erhole sich gemäss Läderach immer noch vom «Over-hiring» nach der Corona-Pandemie, bei dem viele Unternehmen mehr Personen einstellten als nötig.
Die Handelspolitik der USA und der Aufschwung von künstlicher Intelligenz hätten eine neue Umgebung auf dem Arbeitsmarkt kreiert und einige Unsicherheiten für Unternehmen geschaffen. «Unter diesen Bedingungen ist es verständlich, dass Arbeitgebende weniger Stellen ausschreiben.
Gleichzeitig werden viele Stellen über den verdeckten Markt besetzt», sagt Läderach. Das bedeutet, dass Stellen nicht auf öffentlichen Portalen ausgeschrieben, sondern intern oder über private Netzwerke und Empfehlungen besetzt werden.
Studierenden empfiehlt Läderach, bereits während dem Studium mit der Suche zu beginnen. Networking, wie Marco es erfolgreich gemacht hat, beispielsweise an Karriere-Anlässen und über LinkedIn, wird zum Schlüssel. Die Bereitschaft zu Mobilität und eine gewisse Flexibilität sind dabei ausschlaggebend. Wer engagiert und diversifiziert sucht, sollte somit auch mit Hochschulabschluss den Start in die Berufswelt schaffen.