Literaturfestival mit Aktualitätsbezug
Seit 15 Jahren verwandelt sich Zürich Ende Oktober in eine Bühne für diverse Veranstaltungen unter dem Motto «Zürich liest». Dieses Jahr lässt sich die aktuelle Weltlage am Festival spüren.
Zürich liest wieder. Der Oktober hat die Schweiz fest in seinem stürmischen Griff, die aktuelle Weltlage lässt sich nur als düster beschreiben und mittendrin feiert das Buchfestival «Zürich liest» sein 15. Jubiläum. Auch hier geht es um die Krisen und Katastrophen der Gesellschaft, da Literatur bekanntlich ein Spiegel der Gesellschaft ist. Ein Blick ins Programm zeigt zeitgenössische Themen, die literarisch auf- und verarbeitet werden. Es geht um Familie, Politik, Migration, das Patriarchat und unsere Identität zwischen alldem. Ob im Gespräch in der Mensa, beim Doomscrolling auf Instagram oder eben bei einer literarischen Lesung, dem düsteren Zustand der Welt ist nur schwer zu entfliehen.
«Ohnmacht ist eines der schwierigsten Gefühle überhaupt», schreibt Anna Rosenwasser in ihrem neusten Buch «Herz», mit dem sie dieses Jahr bei «Zürich liest» auftritt. Der Satz entspricht dem Programm des Festivals. Denn es geht nicht nur um unsere Ohnmacht angesichts der Krisen, sondern auch darum, sich mit Lösungsstrategien auseinanderzusetzen. «Trotz allem» lautet das Motto. Trotz allem findet das Literaturfestival statt. Trotz allem schreiben wir gegen die Ohnmacht an, lesen und treten miteinander ins Gespräch. Plattform dafür bietet «Zürich liest» mit über 200 Veranstaltungen, die Buchliebhaber*innen und alle weiteren Interessierten erwarten. Denn das Literaturfestival hat für alle etwas: Neben der klassischen Lesung finden auch Workshops und Stadtrundgänge statt. Sei es ein Besuch in einer Buchhandlung, einer Bar oder einem Café, ein Krimispaziergang über den Friedhof Fluntern oder eine Führung durch die SBS, die schweizerische Bibliothek für Blinde: Das Festival ist eine Möglichkeit, Zürich literarisch kennenzulernen – die schönste Stadt der Schweiz, zumindest, wenn man Zürcher*innen glauben möchte. Bei «Zürich liest» begegnet Romantik dem Verbrechen, ein Bär lernt die Bilder von dem bekannten Kinderbuchautor Ernst Kreidolf kennen und Daniele Muscionico erinnert uns an Schweizer Pionier*innen. Und immer wieder die Stichworte Trotz und Widerstand.
«Hoffen ist ein Verb» – so lautet das letzte Kapitel von Anna Rosenwassers «Herz». Am Mittwochabend, dem 22. Oktober, ist das Festival bereits in vollem Gange und die Stimmung im Publikum entsprechend gut. Von einem drohenden Weltuntergang ist in dem ausverkauften Saal nicht viel zu spüren. Jung, Alt und Älter haben sich in der ausgedienten Kapelle, dem Prunkstück der Helferei, eingefunden, um der Diskussion zwischen Anna Rosenwasser und Cyrill Hermann zu lauschen. Die beiden treten auf einer Bühne vor der alten Kanzel mit ihren Sachbüchern ins Gespräch. Wir hören von Parlamentarismus, Patriarchat und meist männlichen Politikern, die jegliche Verantwortung von sich schieben. «Was haben die Klimabewegung und queerfeministischer Aktivismus gemeinsam?», lautet die Leitfrage des Abends. Es geht darum, Wut zu entwickeln, «hässig» statt ohnmächtig zu sein, und sich nicht von der Informationswelle erschlagen zu lassen, sondern mit ihr oder gar auf ihr zu schwimmen. So können wir nämlich, trotz allem, unsere Gefühle kanalisieren und Lösungsstrategien entwickeln, anstatt vom Weltende zu fantasieren.