«Das Recht auf Dunkelheit»

Lichtverschmutzung stellt in Schweizer Grossstädten ein Problem für Flora, Fauna und die menschliche Gesundheit dar. Ein öffentliches Forum hat zum Ziel, Zürcher*innen darüber aufzuklären.

Adam Burri (Illustration) und Anilda Studenica
17. November 2025

Wie viel Licht braucht die Nacht? Bei einer Veranstaltung der Stadt Zürich drehte sich alles um diese Frage. Der Saal war so voll, dass noch Stühle herbeigeschafft werden mussten. Offenbar bewegt das Thema mehr Menschen als man erwartet hätte. Im Debattierhaus Karl dem Grossen fand sich ein Publikum ein, das hauptsächlich  aus der Generation 50 plus bestand.

Nach dem Apéro eröffnete Mirjam Münch, Schlafmedizinerin, mit einem Vortrag über unsere innere Uhr, die durch Licht ständig neu angepasst wird. Licht ist der stärkste Taktgeber unseres Körpers: Künstliche Beleuchtung hemmt die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das uns müde macht. Besonders empfindlich reagiert unser Organismus auf weisses, kurzwelliges Licht, das am stärksten in den natürlichen Rhythmus eingreift. Schon der abendliche Blick aufs Smartphone kann ihn stören. Münch zeigte, dass Helligkeit in der Nacht nicht nur den Schlaf verkürzt, sondern mit einem höheren Risiko für Depressionen und Krebs verbunden ist. Blinde Frauen etwa erkranken seltener an Brustkrebs.

In der Schweiz hat sich die Lichtverschmutzung in den letzten 30 Jahren verdoppelt, und der grösste Teil stammt nicht von Strassenlaternen, sondern von Privathaushalten. Unter «Lichtverschmutzung» versteht man Überblendung, Überlagerung von Lichtstrahlen, Himmelglühen und Streuung. Kurz: Licht, das dort scheint, wo es niemand braucht.

Der zweite Vortrag war von Stefan Greif und rückte Tiere und Pflanzen ins Zentrum. Licht, so Greif, bleibe nie dort, wo es soll. Es reflektiert, streut und verändert ganze Ökosysteme. Fledermäuse meiden beleuchtete Zonen, Graureiher jagen bis spät in die Nacht, andere Vögel singen im Dunkeln. Die Gewinner sind Spinnen, die in der Nähe von Licht mehr Insekten fangen. Selbst Bäume unter Laternen blühen früher und länger und riskieren so Frostschäden. Greifs Fazit für die Stadtplanung: So viel Licht wie nötig, so wenig wie möglich – mit Bewegungssensoren, gerichteten Lichtkegeln und ohne kaltes Weisslicht.

 Im Verlaufe des Abends ging ein spürbares Raunen durchs Publikum. Viele schienen erstmals zu begreifen, dass Licht nicht nur erhellt, sondern auch Schaden anrichtet. In der anschliessenden Podiumsdiskussion sassen Vertreter*innen der Stadt Zürich, unter anderem des Amts für Städtebau und der Umweltorganisation DarkSky Switzerland. Man war sich einig: Zürich ist zu hell. Zwar werden Beleuchtungsanlagen heute strenger geregelt, doch verbindliche Richtlinien fehlen, vor allem für private Installationen. «Homo Luxus wird von selbst nicht weniger Licht installieren», hiess es von DarkSky. Weil die Vorschriften in der Schweiz bis auf Gemeindeebene nicht standardisiert sind, bleibt das Recht auf Dunkelheit eine politische Baustelle.

Was an diesem Abend deutlich wurde: Alle wissen, dass zu viel Licht ein Problem ist, aber niemand wollte sagen, wie viel zu viel ist. Die Verantwortung wurde höflich weitergereicht an Politik, Verwaltung, vielleicht auch an uns selbst. Mein Eindruck: Die Stadt Zürich weiss, dass sie ein Problem hat, doch spricht es ungern aus. Dennoch regte der Abend zum Nachdenken an. Positiv war, dass konkrete Lösungen aufgezeigt und Betroffene miteinbezogen wurden. Wissenschaftlich fundiert und emotional zugleich – das Thema hat definitiv mehr Strahlkraft, als man denkt.