Zürcher Studierendenzeitung

Bildbox: Die Ruhe von nebenan

Eine zufällige Bekanntschaft, die nachwirkt.

Glarus, Berge, Wochenende mit Freundinnen. Ich konnte ihn vom Esszimmer aus sehen. Stundenlang sass er hinter seiner Staffelei auf dem Balkon. Zeitweilig stand er. Die meiste Zeit bewegte er sich nicht und wenn, dann, um an seiner Pfeife zu ziehen. Wie von einem Auspuff kam der Rauch hinter der weissen Leinwand hervor. Ab und an verschwand er nach hinten in seine Stube, um kurz darauf wieder ans Licht hervorzutreten, den Pinsel mit frischer Farbe in der Hand. Wir sassen auf der Terrasse, tranken Kaffee, lasen, plauderten. Ich blickte auf: Vielleicht malte er ein Portrait. Es war beinahe fertig, es fehlten nur noch die Augen, vielmehr der Blick. Er durfte ihn nicht verfehlen: Jeder Pinselstrich wirkte bedacht. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen. Während wir laut Musik hörten, lachten, den neusten Gossip austauschten, blieb der Nachbar seiner Tätigkeit treu und malte. Eine Konstante, unangetastet von der Hektik der Welt. Die Ruhe auf der anderen Strassenseite begleitete uns während unseres Aufenthaltes. Als würde sie uns junge Menschen immer wieder daran erinnern wollen, innezuhalten und etwas Abstand von unserer turbulenten Gesellschaft zu nehmen.