Sein Buch «Global Tantra» erschien 2022. Foto: zVg.

«Zwischen Hippies und Nazis gibt es Schnittmengen»

Das Motto von Religionswissenschaftler Julian Strube ist «verkomplizieren, statt vereinfachen». Die Realität sei eben kompliziert, so auch der Esoterikbegriff. Wie dieser mit Überlegenheitsansprüchen und kolonialen Strukturen zusammenhängt, erzählt er im Gespräch.

4. Mai 2026

Herr Strube, sind Sie abergläubig?
Nein, aber ich bin auch kein polemischer Wissenschaftsmaterialist, der abergläubische Menschen für verrückt erklärt.

Wieso sind Sie Religionswissenschaftler geworden?
Ich studierte ursprünglich Philosophie und Geschichte. Ein Pflichtseminar zu Christentum und Hinduismus brachte mich auf die Thematik, die ich heute verfolge: Esoterik und Rechtsextremismus.

Inwiefern?
Im 19. Jahrhundert entdeckte man die gemeinsamen Wurzeln der indogermanischen Sprachen. Die Mitglieder dieser Sprachfamilie nannte man «Arier», ein Begriff aus dem Sanskrit. Doch dann begann man zu glauben, dass hinter den Sprachverwandtschaften auch ein gemeinsames «Urvolk» stünde. Daraus wurde die unwissenschaftliche Idee einer «arischen Rasse» entwickelt. Ich schrieb eine Hausarbeit zur Ariosophie und fing an, Religionswissenschaft zu studieren. Dabei habe ich bemerkt, wie unterbeleuchtet dieses Forschungsfeld ist. Das Thema Religion wird generell stiefmütterlich behandelt und die Esoterik selbst wird häufig sehr polemisch diskutiert, auch im öffentlichen Diskurs.

Was ist denn Esoterik?
Das ist die grosse Preisfrage, die man nicht abschliessend beantworten kann und auch nicht soll, weil es sehr unterschiedliche Perspektiven gibt. Als Religionswissenschaftler möchte ich der Realität keine Definitionen überstülpen. Esoterik ist ein historisch bedingter Begriff, der immer in einem Kontext entsteht und unterschiedliche Bedeutungen hat. Wortwörtlich bedeutet esoterisch «innerlich» und exoterisch «äusserlich». Das heisst, wir haben in dem Begriff schon eine gewisse Logik eingeschrieben von innerem Wissen, das nur wenigen zugänglich ist, wie zum Beispiel ein innerer Kreis von Schülerinnen einer Meisterin, im Gegensatz zum profanen exoterischen Verständnis der Massen. In dieser Idee schwingen gewisse Hierarchien und Überlegenheitsansprüche mit. Doch das Kriterium der Exklusivität und Geheimhaltung allein wird der Vieldeutigkeit des Begriffs nicht gerecht. Denn dann wären Priestertum oder CEO-Business-Meetings genauso esoterisch. Beispielsweise berufen sich externe Zuschreibungen von Esoterik häufig auf andere Kriterien wie fehlende Messbarkeit oder Systematisierung, um das Wissen anderer Kulturen als unwissenschaftlich oder irrational abzuwerten. Die Deutungshoheit über den Begriff hat also auch mit der Legitimation oder Delegitimation von Wissen zu tun.

Was ist der Unterschied zur Religion?
Grundsätzlich keiner. Religion hat eine genauso unbestimmte Bedeutung. Doch auch da herrschen ähnliche Dynamiken: Was ist wahre oder falsche, gute oder schlechte Religion? Diese Begrifflichkeiten sind immer Gegenstand von Aushandlungsprozessen verschiedener Interessen. Die Corona-Pandemie war ein aussagekräftiges Beispiel für solche Streitigkeiten. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, welche Rolle die Religion oder die Esoterik für sich spielt, sondern insbesondere in welchem Verhältnis sie zur Wissenschaft, Philosophie und Politik stehen soll. Eine Charakteristik der Esoterik lässt sich jedoch im Gegensatz zur Religion hervorheben. Durch ihre schwächere Institutionalisierung werden kontinuierliche Traditionsnarrative umso wichtiger für die esoterische Identitätsstiftung: Häufig wird eine Kette von Eingeweihten oder Wissensübertragungen behauptet, die etwa von antiken Figuren wie Pythagoras über verschiedene esoterische Gruppen bis in die Neuzeit und Gegenwart reicht.

Wieso marschierten während der Corona-Pandemie Hippies neben Nazis?
Es ist wichtig, konkrete Fälle zu differenzieren, aber es gab gewisse Schnittmengen, die diese Allianzen möglich machten. Dazu gehört die Ablehnung des als solchen wahrgenommenen Mainstreams, dessen Manipulation die «Erwachten» durchblicken, während die «Schafe» weiterschlafen. Besonders bei Thematiken wie Gesundheit und Körper können verschiedene politische Positionen harmonieren. Und es gibt eben auch historische Erklärungen, wie es dazu kommen konnte. Im Lebensreformkontext des 19. Jahrhunderts lassen sich ähnliche Phänomene beobachten. Mitglieder solcher Kommunen bepflanzten nackt ihre Felder, ernährten sich vegan und plädierten für die freie Liebe. Dabei konnte es sich um eine anarchistische, feministische oder auch um eine eugenische Gemeinschaft handeln. Auch da haben wir den gemeinsamen Nenner: «Anti-Establishment».

Besteht nicht die Gefahr, dass das «Establishment» den Begriff der Esoterik instrumentalisiert, um Kritik zu delegitimieren?
Wie wir gesehen haben, ist der Esoterikbegriff mit seiner inhärenten Struktur besonders anfällig für strategische Zuschreibungen von verschiedenen Seiten. Es stimmt jedoch, dass die Medien häufig sehr polemisch über esoterische Thematiken wie beispielsweise die Anthroposophie, eine Abspaltung der Theosophie, berichteten. Mit meiner Arbeit plädiere ich dafür, die Thematik sachlich zu diskutieren.

Ihre Forschung setzt im 18. Jahrhundert an. Was waren zu dieser Zeit die wichtigen Diskurse?
Dazu muss ich eine Geschichte erzählen, die ganz viel weglässt und bestimmte Dinge hervorhebt, die ich persönlich für relevant halte. Im 18. Jahrhundert haben wir einige Entwicklungen, die unglaublich wichtig sind für das, was dann als esoterisch verstanden wird. Wir haben die ganze Aufklärungsthematik, Polemiken über wahre und falsche Religionen, aber auch Debatten über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Durch die empirische Naturwissenschaft veränderten sich unsere Medizinverständnisse. Die Erforschung von Kräften wie Magnetismus oder Strom führte zur Aufregung rund um Mesmerismus, der Annahme, dass es weltdurchdringende Kräfte gibt, die wissenschaftlich und medizinisch genutzt werden können. Beispielsweise, um Menschen zu heilen oder durch Meditation in andere Bewusstseinszustände zu versetzen.

Wie Sie schreiben, herrschten zu dieser Zeit auch rassistische Dynamiken.
Die grosse Indien-Faszination kam auf, weil man eine sprachliche Verwandtschaft feststellte zwischen dem Sanskrit, dem Altpersischen, dem Griechischen, dem Latein und damit auch den modernen europäischen Sprachen. Das haute die Leute total vom Hocker. Allein deswegen, weil es verblüffend und interessant war, und auch weil man in der Zeit davon ausging, dass Sprache ein Ausdruck von dem ist, was «Rasse» genannt wurde. Dieser tauchte im 19. Jahrhundert immer mehr auf und wird zunehmend biologistisch verstanden. In Europa betrachtete man Indien und seine Einwohnerinnen als die grossen Meisterinnen der Magie, die wissenschaftliche Techniken schon vor Jahrtausenden entwickelten. Mit der neu entdeckten Verbindung zu Indien wurde der Mythos des gemeinsamen zivilisatorischen Ursprungs geboren, der typisch für viele esoterische Vorstellungen ist, wie sie heute vorherrschen.

Wie passt das mit der damals in Europa verbreiteten Vorstellung zusammen, die eigene «Rasse» sei überlegen?
Das ist eine Ambivalenz, die diesem orientalistischen Diskurs von Anfang an eingeschrieben ist. Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze. Ein weitverbreitetes rassistisch-orientalistisches Klischee ist, dass der Westen materialistisch, rational, männlich und stark sei und der Osten mystisch, spirituell, weiblich und schwächlich. In der Rassenlogik wird die westliche Überlegenheit so erklärt, dass die ursprünglich fortschrittliche «Rasse» in Indien entweder degeneriert oder quasi auf einer kindlichen Stufe stagniert sei.

Gleichzeitig ist heute die Vorstellung verbreitet, dass der griechische Rationalismus und die jüdisch-christlichen Tradition die Wiege der westlichen Kultur bildet.
Viele antike Schriften wären ohne die Arbeit von islamischen Gelehrten gar nicht überliefert worden, besonders während des Mittelalters. Und die «griechische Kultur» hat es in dieser Homogenität gar nicht gegeben. Einige Ideen Platons und Aristoteles würde man heute eher als esoterisch bezeichnen. Diese Narrative des rationalen Westens haben mehr mit den Anschauungen des 19. Jahrhunderts zu tun als mit griechischer Kultur.

Dennoch schreiben Sie, man dürfe den kulturellen Austausch mit Indien im 19. Jahrhundert nicht als paternalistisch sehen.
Ich bin Globalhistoriker und vertrete einen Ansatz, den ich gerne globale Religionsgeschichte nenne. Eine der Grundthesen dieses Ansatzes ist, dass die Geschichte von Religion und Esoterik, aber auch von weiteren Dingen, keine Einbahnstrasse ist, die von Europa in den passiven Rest der Welt führt. Es geht mir nicht darum, diese kolonialen Strukturen zu bestreiten. Sie existierten, trotzdem war Indien noch immer ein Akteur mit eigenen Interessen. Die historischen Quellen zeigen Austauschprozesse und Verflechtungssituationen. Das darf man jedoch nicht romantisierend verstehen, denn Austausch bedeutet auch Konflikt und Gewalt. Im Fall der Esoterik haben indische Gelehrte eine massgebliche Rolle in der Aushandlung gespielt, was Religion, Esoterik und Wissenschaft sind und wie sie sich zueinander verhalten. Die Verflechtungsgeschichte ist eine passende Metapher, weil sie wirklich Chaos ist, also ein Knäuel an unterschiedlichen Austauschprozessen, das man aber untersuchen kann. Es geht mir nicht ums Glattbügeln der Narrative, sondern ums Verkomplizieren. Nicht, weil es Spass macht, alles zu verkomplizieren, sondern weil in erster Linie die Realität kompliziert ist.

Der indische Einfluss machte sich im 19. Jahrhundert bemerkbar, als die Theosophische Gesellschaft entstand. Was waren ihre Ideen?
Auch diese ging davon aus, dass Indien der Ursprung der sogenannten arischen Zivilisation ist. Sie dachten, dass der Westen materialistisch ist, dass es im Osten, insbesondere in Indien, das Urwissen gibt, in dem diese schädliche moderne Trennung zwischen Religion, Wissenschaft und Philosophie gar nicht existiert. Diese Wiederherstellung der Harmonie ist ein typisch esoterischer Gedanke. Hinter allen Traditionen verberge sich der Kern des Wahren. Dieser sei in den traditionellen Religionen nur unterschiedlich ausgeprägt, könne aber durch spirituelle Erkenntnis wieder freigelegt werden. Ziel war es, diese zugrunde liegende Einheit sichtbar zu machen und damit eine Art universelle Bruderschaft der Menschheit zu fördern, die Religion, Wissenschaft und Philosophie miteinander verbindet. Die Hinwendung zu Indien als reine Trägerin dieser Weisheit war jedoch ambivalent: Einerseits drückte sie eine hohe Wertschätzung für indische und asiatische Traditionen aus, andererseits war sie stark von einer kolonialen und orientalistisch geprägten Brille beeinflusst, die diese Kulturen oft verzerrt interpretierten. Gleichzeitig bot die theosophische Gesellschaft aber auch indischen Intellektuellen eine Plattform, um sich international zu positionieren und Einfluss zu gewinnen.

Esoterische Einflüsse sah man auch bei den Sozialistinnen im frühen 19. Jahrhundert.
Diese vormarxistischen sozialistischen Strömungen waren ihrem Selbstverständnis nach sehr religiös. Sie wollten den Materialismus und Atheismus überwinden, der in ihren Augen die Gesellschaft zersplitterte. Darauf basiert auch die Herkunft des Wortes Sozialismus, das Gegenteil von Individualismus. Sie sahen sich als die wahren Religionsträger, die sich gegen unterdrückerische Institutionen zur Wehr setzten. Von den Marxistinnen wurden sie dafür verspottet. Friedrich Engels prägte den negativ konnotierten Begriff des utopischen Sozialismus, um ihn vom wissenschaftlichen Sozialismus abzugrenzen.

War Jesus ein Sozialist?
Die Standardbehauptung der Frühsozialist*innen war: Das wahre Christentum ist Sozialismus. Auch der Ursprung des Wortes Kommunismus kommt daher. Unter «Communauté» war die apostolische Gütergemeinschaft gemeint. Der Sozialist Jesus war ein verbreitetes Bild.

Macht doch Sinn: Liebe deinen Nächsten.
Viele argumentieren so, aber schlussendlich bleiben es Behauptungen, Interpretationen und Zuschreibungen. Das Christentum kann genauso im Sinne von MAGA verstanden werden. Die USA zeigt: es funktioniert.

In der Neuen Rechten ist die Rede vom degenerierten Westen. Das erinnert an die rassistischen Narrative aus dem 19. Jahrhundert über Indien.
Seit dem 2. Weltkrieg bevorzugt die Rechte den aktiveren Begriff der «Zersetzung». So soll, in diesem Kontext meist antisemitisch konnotiert, auf nebulöse Eliten hingewiesen werden, die den «grossen Austausch» vorantreiben. Dabei handelt es sich um eine fremdenfeindliche Verschwörungserzählung, die besagt, dass die einheimische Bevölkerung des Westens gezielt durch Migration ersetzt werden soll.

Wieso ist Esoterik wieder en vogue?
Ich glaube nicht, dass sie jemals weg war, aber es ist immer eine Frage der Sichtbarkeit und das macht dann natürlich auch Trends und Popularität aus. Ich denke, dass wir momentan eine Situation aussergewöhnlicher Anspannung erleben. Entspannt war die Welt zwar noch nie. Es gibt nicht das Zeitalter, wo alles in Ordnung war, auch wenn das eine typisch esoterische Behauptung wäre. Aber momentan ist es schon ziemlich heftig, was alles passiert. In solchen Zeiten suchen viele Leute nach Gleichgewicht, nach einer Erdung, nach etwas Spirituellem – wie auch immer sie das verstehen. Das Attraktive an gewissen Vorstellungen von Esoterik ist eben, sich als offen, unverbindlich und undogmatisch zu verstehen. Man kann sich von unterschiedlichsten Traditionen inspirieren lassen, ohne einer bestimmten Religion beitreten zu müssen. Das ist eine Grundfaszination, die gerade in besonders turbulenten Zeiten zum Vorschein kommt.

Julian Strube ist Lehrstuhlinhaber für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Universität Göttingen. Er forscht aus globalhistorischer Perspektive über die Beziehung zwischen Religion und Politik. Sein nächstes Buch «Esoterik und alternative Religiosität» erscheint 2027.