Steile Thesen, flache Hierarchien
Was für viele unvereinbar scheint, geht an Steiner-Schulen Hand in Hand: Bildung und Spiritualität. Ein Einblick in die Atelierschule in Zürich.
«An Steiner-Schulen lernt man bloss seinen Namen zu tanzen.» So und ähnlich hören viele erstmals von der Waldorfpädagogik. Doch hinter Steiner-Schulen steckt mehr als Eurythmie, also eben jene anthroposophische Form der Bewegungskunst, in der Sprache durch Bewegungsabläufe dargestellt wer den soll. Die Waldorfpädagogik wurde vor über hundert Jahren von Rudolf Steiner, österreichischer Theosoph und Schriftsteller, begründet. Steiners Theorien sind bis heute prägend in der biodynamischen Landwirtschaft, Alternativmedizin und eben auch der Bildung.
Im Zentrum der Waldorfpädagogik stehen die drei «Seelenfähigkeiten»: Denken, Fühlen und Wollen. Kopf, Herz und Hand sollen gemeinsam gefördert werden. Eine Bildung also, in der materielle Rationalität durch Emotionalität und Spiritualität ergänzt wird. Während einige darin einen kreativen und progressiven Bildungsweg sehen, auf dem die Schüler*innen individuell ihren Interessen und Talenten nachgehen können, verstehen andere Steiners Ideen als unsachlich und esoterisch.
«Zu dir, o Gottesgeist, will ich bittend mich wenden, dass Kraft und Segen mir zum Lernen und zur Arbeit in meinem Innern wachse», heisst es im Morgenspruch von Rudolf Steiner. Auch an der Atelier schule in Zürich ist dieser Spruch manchen Morgens zu hören. Ob das Ritual durchgeführt wird, ist jeder Lehrperson überlassen. Speziell an der Schule: Sie ist die einzige Steiner-Schule in der Schweiz, die direkt die kantonale Maturität vergeben darf und unterliegt daher strengen Kontrollen.
Doch passen Spiritualität und Wissenschaft heute noch zusammen? «Die Atelierschule möchte eine Schule sein, an der Schüler*innen in Offenheit für materielle und spirituelle Dimensionen die Welt und das eigene Selbst entdecken können», heisst es etwas vage auf der Website der Schule. Spiritualität wird also nicht ausgeschlossen, soll aber, zumindest in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit, nicht mit Steiners esoterisch-christlichem Gedankengut gleichgesetzt werden.
Selbstständig gestalten
Was es heute bedeutet, eine Steiner Schule zu sein, wird hier laufend diskutiert. In den Statuten ist formuliert, dass Pädagogik im Sinne von Steiner betrieben wird, was viel Interpretationsspielraum lässt. Lehrpersonen können selbst auswählen, wie sie die Waldorfpädagogik verstehen und auslegen wollen. Sie unterrichten Seite an Seite: Diejenigen, die die klassische Anthroposophie hochhalten und Rituale wie den Morgenspruch als essenziell empfinden und diejenigen, die Steiners Theorien dynamisch mit modernen Erkenntnissen verflechten wollen.
Überhaupt geniessen Lehrkräfte wie Schüler*innen eine grosse Freiheit, den Unterricht nach ihren Wünschen und ihrem Können zu gestalten. Die Klassen haben 20 bis 24 Schüler*innen, die bis zum 12. Schuljahr integrativ eingeschult sind; dies weitgehend ungeachtet ihrer Noten. Der typische Unterrichtstag ist in drei Blöcke eingeteilt. Der Tag beginnt jeweils mit Epochen-Unterricht, also mehr wöchigen thematischen Blöcken, die mit einer Lernkontrolle enden. Weiter geht es in den Fachunterricht, der dem Unterricht an öffentlichen Schulen ähnelt. Am Nachmittag folgt der Atelier-Unterricht mit Schulzeit, in der die Schüler*innen ihren Schwerpunkt selbst legen können. Ob künstlerisches Gestalten oder naturwissenschaftliches Forschen, nichts ist ausgeschlossen.
Lediglich im zusätzlichen 13. Schuljahr, einer Art Vorbereitungsjahr für Schüler*innen, die die Maturität erlangen wollen, ist wenig Spielraum vorhanden. Dann wird auch ihr Plan in das Korsett des Lehrplans für die kantonale Maturität gekleidet. Heute erlebt die Atelierschule ein Positionierungsproblem: Viele früher progressive Erkenntnisse aus der Waldorfpädagogik sind heute im Mainstream angelangt. Beispielsweise ist der Epochen-Unterricht nun unter dem Ausdruck «projektbasiertes Lernen» auch in öffentlichen Schulen weit verbreitet.
Ebenso im Bereich der integrativen Bildung, wo die Atelierschule eine Vorreiterrolle einnimmt, holt die öffentliche Schule auf; vermehrt werden Schüler*innen mit unterschiedlichen schulischen Niveaus gemeinsam eingeschult. Dies bis kurz vor der Matur auf Stufe des Gymnasiums durchzuführen, bleibt vorerst eine Ausnahme. Dass solch progressive Bildungsformen sich in der Gesellschaft ausbreiten, dürfte Atelierschule hingegen stellt es vor eine Herausforderung. Schliesslich müssen Eltern dazu überzeugt werden, für die Bildung ihrer Kinder Geld in die Hand zu nehmen, anstatt sie auf die kostenfreie öffentliche Schule zu schicken.
Zugang mit Privileg
Zwar ist die Atelierschule etwas günstiger als andere Privatschulen, da das Schulgeld aufgrund des Einkommens der Eltern bestimmt wird. Zudem ermöglicht ein Stipendienfonds einigen Kindern, die Schule gebührenfrei zu besuchen. Die Zugänglichkeit ist also ein wichtiges Thema, und doch bleiben die oft linken und kulturell privilegierten Eltern grösstenteils unter sich. Genauer hinter die Kulissen der Atelierschule zu schauen, gestaltet sich schwierig. Lehrpersonen unterliegen einer strengen Loyalitätspflicht, wer sich kritisch in der Öffentlichkeit äussert, dem droht die Kündigung.
Vieles bleibt also intransparent. Der Morgenspruch wird wohl noch lange in einigen Schulzimmern der Atelierschule zu hören sein, zumindest so lange es Lehrpersonen gibt, die solche Rituale wichtig finden. In einigen Bereichen bleibt die Atelierschule der öffentlichen Schule einen Schritt voraus, gerade was Integration und die Wertschätzung von einzelnen Schüler*innen und Lehrer*innen angeht. Umgekehrt bleibt ein fader Beigeschmack, denn der dogmatische Fokus auf die esoterisch geprägte Person Rudolf Steiner lässt durchaus Raum für Kritik. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse fliessen nur teilweise ein in den Unterricht.