Eine Ode an den Widerspruch
Loslassen – Seit ich klein bin, erwischt mich immer mal wieder jemand dabei, wie ich gestresst nach einer hölzernen Oberfläche suche, um dann erfolglos unauffällig drauf zu klopfen. Das tun abergläubische Leute, wenn ihnen der Gedanke kommt, dass sie schon lange nicht mehr krank waren oder wie froh sie sein können, dass noch keiner der Menschen, die ihnen lieb sind, von einem Tram angefahren wurde. Das Seltsame ist, dass ich eigentlich gar nicht abergläubisch bin.
Ich habe keine Angst vor Freitagen, die auf den 13. fallen, oder schwarzen Katzen, die mir von links über den Weg laufen. Wie willkürlich sind diese Gefahren bitte? Doch meine Faust ballt sich. Klopf, klopf, macht es leise. Einen Augenblick später bilde ich mir ein, eine höhere Macht «Ah Mist!» rufen zu hören. In nächster Zeit wird sie niemanden von einem Tram anfahren lassen können. Zum Glück sind die Tische der Bibliothek aus Holz.
Dass es ein besorgniserregendes Ausmass angenommen hat, wurde mir in jenem Moment bewusst, als ich auf dem Heimweg mal kein Holz finden konnte und schliesslich beschämt in die Hocke ging, um gegen einen Grashalm zu klopfen. Ich hoffe bis heute, dass mich niemand gesehen hat. Zu meiner Verteidigung stand das Schicksal meiner Familie auf dem Spiel.
Der erniedrigende Vorfall führte jedoch dazu, dass ich mir fest vornahm, mit dieser absurden Angewohnheit endlich aufzuhören. Ich wusste ja selbst, wie bescheuert sie war. Doch zu meiner eigenen Überraschung gelang es mir nicht. Keine Logik konnte die «better safe than sorry»-Mentalität bezwingen. Ich steckte schon zu tief drin.
Meine abergläubischen Zwänge schienen sich aus irgendeinem Grund tief an mein Unterbewusstsein gekrallt zu haben. Je mehr ich gegen sie ankämpfte, desto öfter kreierte mein Hirn schlimme Szenarien und desto schwerer wurde es, nicht zu klopfen. Es war wie das Gedankenexperiment mit dem pinken Elefanten. Denk auf keinen Fall an ihn und schon siehst du ihn vor dir. In mir stritt Rationalität gegen das leise, beschämende «Was, wenn doch..?»
Fühlen sich so die Leute, die christlich auf wuchsen und sich nun von der Kirche ab wenden wollen? Die armen Seelen, die die katholische Schuld trotz aller Bemühung nie ablegen können. Jedoch kann ich mich im Gegensatz zu den unfreiwilligen Kindern Gottes gar nicht erinnern, woher ich meinen Zwang zum wortlosen Gebet habe.
Irgendwann musste ich einsehen, dass der Kampf gegen mein eigenes Hirn erfolglos war und gab auf. Meine Kapitulation war ein revolutionärer Akt gegen den Selbstoptimierungswahn (das redete ich mir zumindest ein) und ich erlaubte mir, so oft zu klopfen, wie ich wollte. Dann war ich halt etwas abergläubisch, na und? Jeder Mensch hat halt seine Marotten. Doch erstaunlicherweise hatte meine radikale Akzeptanz zur Folge, wovon mein bissiges Ankämpfen nur träumen konnte: Das Klopfen wurde immer seltener.
Ich erkannte, was buddhistische Mönche schon vor 2500 Jahren wussten: Probleme, die hauptsächlich im Kopf stattfinden, lassen sich nicht durch noch mehr Gedanken lösen. Und schon gar nicht durch Zwang. Man kann sie nur loslassen, wenn man ihnen erlaubt, zu bleiben.
Pathetisch, ja, kitschig auch, aber eine kleine Erleuchtung hatte ich schon, muss ich zugeben. Mit der Zeit merkte ich sogar, dass meine gewonnene Weisheit nicht nur auf mein absurdes Luxusproblem zutrifft, sondern ganz generell auf Ängste, Sorgen, Wut... Wie erleichternd, diese Erkenntnis nicht erst in meiner Midlife-Crisis im balinesischen Yoga-Retreat gehabt zu haben. Vielleicht hilft sie dir ja auch, liebe*r Leser*in. Oder vielleicht hältst du mich auch für eine esoterische Pseudo-Philosophin. Ich hoffe nicht. Klopf, klopf.