Das Herzstück Aussersihls
Treffpunkt – Gerade wenn sich zur Feierabendstunde alle nach den letzten wärmenden Frühlingssonnen strahlen strecken, bilden sich im Campo wegen des Sitzplatzmangels schon die unüblichsten Cliquenkonstellationen heraus: Ein älteres Zeitung lesendes Yuppie-Paar mit Beagle und teurer Sonnenbrille bei Orange-Wine neben vier zigarettendrehenden Gymischüler*innen, die mit angezogenen Knien an ihren Stangen nippen. Hingegen findet sich auf der Terrasse meiner Lieblingsbar immer ein Platz.
Zwischen Bäckeranlage und Helvetiaplatz liegt das Herzstück Aussersihls, das vor allem bei Kreisbewohner*innen bekannt und beliebt ist. Bei allen anderen reichen manchmal selbst drei oder vier Beschreibungsversuche nicht aus, um zu erklären, wo es sich befindet. Trotz der unzähligen Male, als man an ihm vorbeispazierte, -demonstrierte oder -torkelte, blieb die Cafébar unerkannt. Zugegeben, der Treff Point Kiosk ist auch etwas unscheinbar. Abends sitzen hinter den Schaufenstern vor allem ältere Menschen vor ihren halb leeren Gläsern, schauen die Swisslottoverlosung oder Dartmeisterschaften auf den beiden Fernsehern über der Eingangstür oder spielen mal Schach.
Für einen Freitagabend haben sich hier erstaunlich viele zum Schlummertrunk eingefunden. Um ein Uhr morgens ist die Terrasse bereits zu, die Stühle lehnen zusammengeklappt und angekettet gegen das Schaufenster. Dahinter sitzt ein Mann mittleren Alters vor einer Tasse schwarzen Kaffees am Tresen und blickt auf sein Handy. Als wir uns zu ihm setzen wollen, rutscht der Mann schnell auf den nächsten Sitz links von ihm und deutet mit verhaltenem Lächeln auf den frei gewordenen Platz. Rechts von uns werden zwei junge Männer von zwei deutschen Touris angequatscht.
Die junge Frau hat es auf den Langhaarigen abgesehen. Ihr Begleiter versucht sie von ihrem Flirt versuch abzuhalten und flüstert ihr besorgt ins Ohr. Unbeirrt redet sie weiter und gibt allen eine Runde Schüga aus. Schützengarten trinken auch die beiden Rentner gegenüber am Schaufenster. Währenddem der eine über Stunden von seinen Verflossenen spricht, nippt sein Gegenüber im Minutentakt. Dahinter ein Paar in ihren Dreissigern. Sie haben sich am Dosenbier im Kühlregal bedient.
Wer sich nach der Arbeit einen fancy Drink reinpfeifen will, ist hier an der falschen Adresse. Das Angebot ist simpel, fast schon bodenständig, das Inventar, wie auch die Bar. In der Thekenauslage liegen abgepackte Butterbretzel, eine kopflose Ananas und ein Emmentaler Käse. Neben dem Röschibachkiosk und Mama’s Bäcki Lädeli gehört der Treffpunkt zu jenen urchigen Lokalen, wie man sie in Berlin als Spätis kennt.
In der letzten Stunde vor Ladenschluss wird dieser wegen unterschiedlichster Bedürfnisse besucht: Ob für einen Snack, ein Wegbier oder den Zigarettenkauf, ja sogar ein Eis am Stiel wird verspeist. Langsam leert sich der Laden: Die zwei jungen Männer verabschieden sich von ihren neuen Bekanntschaften; die Flirtversuche waren vergeblich. Dem Rummel der Langstrasse entgegenfahrend, lassen sie den Kiosk hinter sich. Der junge Verkäufer beginnt mit dem Aufräumen. Schliesslich öffnet der Laden in drei Stunden wieder.