Eine radikahle Entscheidung
Er definierte sich über seine Locken, bis ihn mit 15 Jahren der Haarausfall trifft. Darauf begann ein Prozess, in dem sich Johannes Grossmann erst einmal neu kennenlernen musste.
«Früher hatte ich schulterlange, dichte Locken», erzählt Johannes Grossmann. «Ich war bekannt dafür, sie waren mein Erkennungszeichen.» Doch bereits zu Beginn der Jugend zeigten sich bei ihm erste Anzeichen von erblich bedingtem Haarausfall, der häufig in den Zwanzigern einsetzt. Der Verlust machte sich schleichend bemerkbar. Zunächst habe er auf Fotos erkannt, wie die Dichte seiner Haare abnahm. Ein gründlicher Blick in den Spiegel habe dies bestätigt, mit 15 Jahren liessen sich die ersten Anzeichen des typischen Verlaufes eines erblich bedingten Haarausfalls feststellen: Geheimratsecken.
Diese sollten in den kommenden Jahren zu einer Lichtung am Hinterkopf führen. In der Pubertät, in der er bereits etliche körperliche Veränderungen durchmachte, schlug der Verlust der Haare zusätzlich auf sein Selbstbewusstsein. «Ich bin ein sehr kreativer Mensch, meine Haare zeigten das. Als sie mir ausgefallen sind, hatte ich das Gefühl, mich selbst wieder neu kennenlernen zu müssen.»
Eine Glatze zur Probe
Von Haarausfall reden Ärzt*innen, wenn jemand täglich mehr als 100 Haare verliert. Dafür verantwortlich ist das männliche Sexualhormon Testosteron, dessen Produktion auch die Pubertät einleitet und etwa für das Wachstum der Körperbehaarung verantwortlich ist. Reagieren die Haarwurzeln empfindlich auf manche der Hormone, etwa auf Dihydrotestosteron, fühlen sich die Haarfollikel angegriffen: Sie sterben ab, die Haare werden dünner und fallen aus. Der Ausgang des erblich bedingten Haarausfalls bleibt abzuwarten. Johannes «leide» nicht an Haarausfall, es sei nichts Ungesundes und er sei nicht krank, hält er fest. Es sei kein Tabuthema für ihn. Man rede drüber, mache Witze oder höre Kommentare. «Was dabei aber unerwähnt bleibt, ist, was der Haarausfall für einen persönlich bedeutet.»
Vor diesem Interview habe er nur wenig über die emotionalen Belastungen gesprochen, aus Angst, nicht verstanden zu werden. Internetrecherchen halfen im Teenageralter oft nicht weiter, da das Internet damals nur begrenzt Erfahrungsberichte zu bieten hatte und er wandte sich stattdessen an seinen besten Freund. Der Haarverlust hielt mit 17 Jahren noch immer an, weshalb er ihn dermatologisch abklären liess. «Die Antwort, bereits Anfang 20 keine Haare mehr auf dem Kopf zu haben, war etwas schockierend», sagt er.
Daraufhin habe er gewagt, sich seiner Zukunft zu stellen: An einem Frühlingstag entschied er gemeinsam mit seinem besten Freund, sich gegenseitig die Haare auf wenige Millimeter zu kürzen. Sein Freund aus praktischen Gründen und er, um zu sehen, wie er sich mit einer Glatze fühlen würde. Nach einer Stunde und einigen kreativen Zwischenstopps war sein Kopfhaar weg und sie kurvten mit den Velos durch die Gegend. «Ich weiss noch genau, wie sich der Wind auf der Kopfhaut angefühlt hat», erzählt er und fährt sich in Erinnerung daran über die Stoppeln. Gedanken darüber, wie das Resultat aussehen könne oder ob die Kopfform stimme, habe er sich keine gemacht. «Ich war sehr er leichtert, als ich in den Spiegel geschaut und mir gefallen habe.»
Hin zur Akzeptanz
Während zwei Jahren habe er Minoxidil benutzt. Jeden Morgen und Abend träufelte er das Produkt auf die Kopfhaut in der Hoffnung, damit den Haarwuchs anzuregen. Es muss jedoch täglich und lebenslang angewendet werden, um Wirkung zu zeigen. «Es war anstrengend. Ich habe mich ständig selbst dran erinnert, dass ich mit mir nicht zufrieden bin.» Eine nahestehende Verwandte, die mitbekommen habe, wie er mit seiner Situation haderte, riet ihm, sich zu entscheiden: Entweder, er ziehe es bis zum Ende durch, benutze das Mittel weiterhin und führe später eine Haartransplantation durch. Oder er rasiere sich das Haar ab und akzeptiere sich so, wie er ist. Er fühle sich ja nicht schlecht damit. Daraufhin setzte er das Mittel wieder ab. «Ich hatte das Gefühl, ich würde vor einem natürlichen Prozess davonrennen», erklärt er seinen Entscheid.
Eine Transplantation habe nicht seiner Philosophie entsprochen. «Ich wollte mich nicht operieren lassen, bloss, um nicht aufzufallen.» Gerade trägt Johannes eine Glatze. «So zeige ich mich verletzlich, im jungen Alter ist sie ungewohnt», sagt er. Heute akzeptiert er sich, so wie er ist: «Der eigene Umgang ist so viel wertvoller, als was andere davon halten.» Der 26-Jährige hat lange Zeit eine Mütze getragen, um sein schwindendes Haar zu kaschieren, auch während unseres Gesprächs liegt sie noch neben ihm. Doch heute schützt sie ihn nicht vor neugierigen Blicken, sondern seine kahle Kopfhaut vor einem Sonnenbrand.