Wo Obdachlose Ruhe und Schutz finden
Die Zürcher Wohnpolitik lässt die vulnerabelsten Personen durchs Raster fallen. Betroffene bleiben meist unsichtbar. Nicht so im Gassenlokal Zueflucht – Pace, das jenen einen Rückzugsort bietet, die ihr Zuhause verloren haben.
Ein Unfall, die Trennung von einer geliebten Person oder ein unerwarteter Todesfall: Gründe, weswegen Menschen aus dem Alltag gerissen werden, gibt es viele. Solche Zäsuren sind schwierig zu verkraften. Ihre Bewältigung fordert Resilienz, vor allem aber ein stabiles soziales Umfeld. Ohne Halt und Unterstützung gerät man schnell aus der Bahn. Leichter fällt da der Griff zu Alkohol und Drogen, um sich von Schmerz oder Einsamkeit abzulenken. Was damit beginnt, nur kurz durchatmen zu wollen, gewinnt schnell die Überhand. Wird einem dann noch der Job oder die Wohnung gekündigt, scheint die Situation aussichtslos.
Viele der Besucher*innen des Lokals Zueflucht – Pace an der Magnusstrasse 20 erzählen von solchen Lebenssituationen oder falschen Entscheidungen, die sie in ihre heutige Lage gebracht hätten, sagt Chris Stocker, Leiter des Vereins Franziskanische Gassenarbeit Zueflucht. Ein Besucher erzählt von einem Unfall, der sein Leben verändert habe: Seit er sich bei der Arbeit die Hand verletzt hat, ist er arbeitsunfähig. Auf die Frage, ob er eine IVRente erhält, antwortet er nicht. Jede Nacht schlafe er hier, sozusagen ein Stammgast. Die Mitarbeitenden seien sehr angenehm, aber manchmal gehe es auch hektisch zu und her.
Dass es heute ruhiger sei als gewöhnlich, bestätigt auch Chiara, eine der beiden Sozialpädagoginnen, die an jenem Freitag Nachtschicht im Gassenlokal haben. Zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr morgens erhalten Besucher*innen im Pace stets eine warme Mahlzeit und Getränke sowie einen Ort, an dem sie sich vor der Kälte schützen und zur Ruhe kommen können.
Zuflucht für alle
Eine Viertelstunde vor Türöffnung beginnt sich vor dem Eingang zum Pace eine Schlange zu bilden. Da sich in letzter Zeit manche Nachbar*innen am Geräuschpegel von Frühankömmlingen störten, wird der Einlass während der ersten zwei Stunden seit zwei Wochen durch einen Sicherheitsangestellten unterstützt. Seither habe sich die Lage wieder beruhigt; grundsätzlich sei das Quartier aber tolerant und flexibel.
Die Zusammenarbeit mit Sicherheitspersonal wie der Organisation Sicherheit, Intervention und Prävention (SIP) oder der Polizei habe laut Stocker aber auch einen anderen Zweck: eine Signalwirkung, damit sich die Besuchenden an die Regeln halten. Gute Beziehungen zu den Behörden seien aber auch im Hinblick auf die nächtliche Weiterverweisung vulnerabler Personen an Anlaufstellen durch Kältepatrouillen der SIP oder des Sozialwerks Pfarrer Sieber sowie bei Notfällen wichtig. Bereits 15 Personen warten vor dem Eingang auf einen Platz.
Während sich einige einen Schlafplatz sichern wollen, sind andere für die warme Suppe oder für die Gesellschaft gekommen. Die Angebote des Vereins richten sich an obdachlose oder isolierte Menschen, die von städtischen Institutionen nicht erreicht werden. Für den «Pfuusbus» des Sozialwerks Pfarrer Sieber etwa braucht man einen geregelten Aufenthaltsstatus. Im «Iglu» ist das zwar keine Bedingung, dafür kann dieses pro Winter nur für 14 Nächte besucht werden.
Auch städtische Hilfsangebote sind für Menschen mit Meldeadresse in Zürich vorgesehen, Auswärtige bleiben davon meist ausgeschlossen – ausser in Notsituationen wie bei fehlender Ausrüstung wie Schlafsäcken und Kleidung, extremen Kältewellen oder bei Selbstgefährdungspotenzial. Stocker hat Verständnis dafür, dass die Stadt nicht allen Menschen mittels Steuersubstrat eine Lösung bieten kann. «Umso wichtiger sind Anlaufstellen, bei denen es egal ist, woher man kommt. Immerhin befinden sich diese Menschen in den Strassen der Stadt und sind meist in Zürich verankert», sagt er.
Wie viele private Anlaufstellen ist auch der franziskanische Gassenarbeitsverein aus einer christlichen Institution entstanden. «Der franziskanische Grundgedanke ist schön und daran halten wir uns auch: Wir geben den Menschen immer wieder eine Chance», sagt er. Bei den Gottesdiensten, die der ehemalige franziskanische Mönch und Gründer des «Haus Zueflucht» Beno Kehl an zwei Freitagen im Monat abhalte, handle es sich aber nur um ein Zusatzangebot. Eines ist Stocker besonders wichtig: «Hilfe bieten wir nie im Gegenzug für Religion an. Religion, Herkunft, Nationalität oder sexuelle Orientierung spielen keine Rolle – weder bei unseren Klient*innen noch bei unserem Personal. Der Mensch zählt.»
Schlafen nur im Sitzen
Die Bezeichnung «Randständige» verwendet Stocker nur ungern: «Wer bestimmt in einer Gesellschaft denn, wer randständig ist und wer die Mitte bildet?» Bei ihnen spreche man lieber von Menschen in spektakulären Lebenssituationen – das treffe nämlich auf alle Klient*innen zu. Zutritt erhalten die Wartenden per Zufallsprinzip: Die Sozialpädagoginnen ziehen aus einer Wollmütze jeweils eine Zettel mit einer Nummer zwischen 1 und 30 und verteilen diese in der Kolonne. Der Reihe nach wird eine Zahl aufgerufen, die einem Eintritt gewährt, um potenziellen Konflikten unter den Besucher*innen vorzubeugen. Kaum an einem Platz angekommen, greifen die meisten zu Kissen und Decken, um sich für die Nacht einzurichten. Schlafen könne man im Pace am Tisch, nur hinlegen dürfe man sich aus Platz und Sicherheitsgründen nicht – eine der wichtigsten Regeln im Gassencafé.
Vor vier Jahren begann das Café Zueflucht – Pace mit ihrem Nachtdienst. Da die Besuchendenzahlen seit der Corona-Pandemie stadtweit zugenommen haben, verstärkte die Stadt Zürich Anfang November ihre Zusammenarbeit mit privaten Anbietern wie den Gassencafés Zueflucht – Pace und Yucca. Stocker spricht von einer Zunahme von 50 Prozent, wobei in den ersten 37 Nächten rund 1500 Einzelbesuche verzeichnet wurden. Jeden Abend weisen sie acht bis zehn Personen ab. Dabei achten die Sozialpädagog*innen jeweils auf die individuelle Situation von Besuchenden.
«Menschen, die vor allem wegen der sozialen Interaktion gekommen sind und sonst irgendwo angebunden wären, bitten wir dann, Platz zu machen», sagt Stocker. Neben dem Gassenlokal an der Magnusstrasse 20 betreibt der Verein auch das «Haus Zueflucht» im Kreis 5, das über 22 Wohnplätze verfügt, sowie eine Aussenwohngruppe in Zürich-Leimbach.
Grundsätzlich ist das betreute Wohnen suchtakzeptierend. Insofern dürfen Bewohner*innen in ihren Zimmern konsumieren, nicht aber im Rest des Hauses oder in öffentlichen Räumen. Zudem unterstützt und berät das Team bei der Suche von Voll- oder Teilzeitstellen und führt Arbeitsintegrationsprojekte. Besonders bei der Bewirtschaftung der hauseigenen Imkerei setzen sie immer wieder auf die Unterstützung der Bewohner*innen. Im Bereich des betreuten Wohnens läuft die Kostengutsprache über wirtschaftliche Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen aus der IV- oder AHV-Rente.
Stocker sagt: «Ist die Kostenträgerschaft geklärt, schauen wir uns die Zusammensetzung der Klient*innen an. Dabei achten wir auch darauf, nicht mehrere Leute mit denselben Suchtmustern aufzunehmen.» Dass die Nachfrage nach Angeboten für wohnungs- und obdachlose Personen gestiegen ist, stellt auch Walter von Arburg, Kommunikationsbeauftragter des Sozialwerks Pfarrer Sieber fest. Die Auslastung habe seit der Corona-Pandemie insgesamt zugenommen; sowohl bei niederschwelligen Angeboten wie der Gassenlokale als auch in höherschwelligen Bereichen wie der Wohnintegration. Kausalitäten liessen sich laut von Arburg nicht von den Zahlen ableiten. Zu beobachten sei aber, dass in allen Einrichtungen zunehmend psychisch erkrankte Personen seien.
Die Ursache dafür sieht von Arburg nicht direkt in der Pandemie, sondern eher an den Entwicklungen in der Medizin. Im Vergleich zu früher behandle man heute vermehrt ambulant. Für Menschen mit einem starken sozialen Umfeld funktioniere das. Personen ohne soziale Unterstützung haben es nach dem Austritt aus einer Klinik oder während einer ambulanten Betreuung hingegen schwer: «Wenn sich niemand um dein Wohlbefinden sorgt, sich danach erkundigt oder dich daran erinnert, deine Medikamente regelmässig zu nehmen, gerätst du schnell in eine Abwärtsspirale. Heutzutage sind Obdachlose häufig psychisch krank.»
Es kann jede*n treffen
Nach wie vor weit verbreitet ist das Vorurteil, obdachlose Menschen seien selbst schuld an ihrer Situation. Auch wenn die Vorbehalte ärgerlich seien, stört sich von Arburg mehr am Tonfall, mit dem diese geäussert werden. Das Klientel sei erstaunlich vielfältig. «Viele denken, dass primär sozioökonomisch schwache Personen ohne Ausbildung oder finanzielle Ressourcen in der Obdachlosigkeit landen. Dabei haben wir Menschen, die früher in Banken gearbeitet haben, Akademiker*innen und Zahnärzt*innen. In der Schweiz ist das grosse Thema vor allem Vereinsamung», sagt von Arburg.
Der Sprung von der Strasse in den unbetreuten Wohnungsmarkt ist praktisch unmöglich.
Soziale Faktoren seien entscheidend. Wer allein sei und nicht wisse, was mit dem Leben anzufangen, versuche, je nachdem, diesen Umstand mit Alkohol oder Drogen zumindest ein Stück weit erträglich zu machen. Abhängigkeit und Obdachlosigkeit treten hierzulande daher häufig miteinander in Erscheinung. Projekte wie die Wohnintegration bei Pfarrer Sieber holen Menschen von der Strasse in betreute Wohnformen, um sie zu stabilisieren, in einem nächsten Schritt wohnfähig zu machen und dann zu reintegrieren. Das sei laut von Arburg jedoch der Idealfall: «Man kommt zu seinem Recht, vorausgesetzt man ist geduldig und gewissermassen zuverlässig. Für Randständige ist das aber schon ein Killerkriterium. Wer abhängig ist, trinkt dann vielleicht Wein und vergisst den Termin beim Sozialamt. Die meisten haben ihre Unterlagen auch nicht an einem Ort geordnet aufbewahrt.»
«Der Sprung von der Strasse in den unbetreuten Wohnungsmarkt ist praktisch unmöglich. Vermieter haben ausreichend Auswahl, da entscheidet man sich kaum für Sozialhilfebezüger, die Probleme wie Schulden, Sucht und Betreibungs- oder Strafregistereinträge vorweisen», sagt von Arburg. Gleichzeitig gestalte sich allein die Organisation einer Anschlusslösung als schwierig: «In der Stadt Zürich gibt es viele, gut verknüpfte Angebote. Doch wegen der vielen Auflagen handelt es sich mittlerweile um einen bürokratischen Hürdenlauf.»
Gerade wegen der hohen Auslastung bei Kältewellen ist es wichtig, dass Lokale wie das Zueflucht – Pace nicht nur wie ursprünglich an vier, sondern neu auch an sechs Abenden die Woche zugänglich sind. Finanziert wird das Nachtcafé grundsätzlich durch Spenden an den Verein. Mittels eines Beitrags des Sozialdepartements beteiligt sich seit 2025 auch die Stadt Zürich am Nachtangebot des Lokals. Im Zuge eines Pilotprojekts, das von 2025 bis 2028 läuft, erhöht die Stadt über die Wintermonate auch die Kapazitäten des «Frauenstocks» der städtischen Notschlafstelle.
Beziehungen als Konstante
Um die Schwierigkeit, Obdachlose gesellschaftlich wieder einzugliedern, zu beheben, brauche es laut von Arburg politische Lösungen. Wohnpolitik sei komplex und da Neuwohnbauten immer teurer sind, müsse man sich mit der Frage beschäftigen, wie viel vergünstigten Wohnraum eine Stadt für jene bieten könne, deren Lage aussichtslos ist. Dass die Kriterien für Nutzer*innen tief gehalten werden, sei entscheidend: «Das Nachtlokal haben wir eröffnet, um Menschen in Not einen sicheren Raum während der Nacht anzubieten. Was für uns niederschwellig ist, kann für Menschen, die auf der Strasse leben, einen hohen Eigenaufwand bedeuten. Das ist uns meist gar nicht bewusst», sagt Stocker.
Aus diesem Grund werde im Pace auch kein Ausweis verlangt. Lediglich einen Vornamen brauchen die Sozialpädagog*innen – gewisse Personen nennen in einer Woche auch mal drei verschiedene. «Dass wir zu unseren Klient*innen eine persönliche Beziehung aufbauen können, ist wichtig. Vor allem für Menschen, die kein stabiles Umfeld haben. So können wir ihnen ein Stück weit Normalität bieten, die ihnen sonst fehlt», sagt Chiara. Auch Stocker bestätigt, wie zentral der soziale Austausch und Gemeinschaft seien. Die Leute auf der Strasse würden sich kennen; es gebe Verbindungen und Freundschaften, diese seien aber nicht sehr belastbar. Deutlich werde das, wenn es um grundlegende Dinge wie Essen oder einen warmen Platz im Nachtlokal geht.
Es ist kurz nach zehn. Während sich die Quartierstrassen langsam zu füllen beginnen und von der Langstrasse her die ersten dumpfen Bässe aus den abgedunkelten Schaufenstern der unzähligen Bars und Clubs dringen, haben die ersten Besucher*innen ihre Köpfe auf die Tische gelegt. Der grosse Andrang ist vorbei und alle Plätze besetzt. Vor dem Lokal stehen ein paar der Besuchenden; bei Eistee und Zigaretten unterhalten sie sich leise.