Wer ist Stiller?
Der Regisseur Stefan Haupt verfilmte einen Roman von Max Frisch aus den 50er Jahren. Weshalb sich die Verfilmung als schwierig herausstellte und wie sie trotzdem gelang. Eine Rezension.
Wie soll man beweisen, dass man jemand nicht ist? Diese Frage stellt «Stiller», eine Verfilmung des berühmten Romans von Max Frisch. Der Film beginnt mit der Festnahme des US-amerikanischen James Larkin White, der bei seiner Einreise in die Schweiz als der vor sieben Jahren verschwundene Anatol Stiller erfasst wird. Mr. White widerspricht diesem Vorwurf und behauptet stur, nicht Stiller zu sein. Um Whites wahre Identität zu beweisen, zieht die Staatsanwaltschaft Stillers Frau Julika und weitere Bekannte hinzu. Eine spannende Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart beginnt.
Schauplatz dafür ist hauptsächlich die Schweiz in den 50er-Jahren. Gedreht in Zürich, Davos und München, führt der Film sein Publikum an bekannte Orte und gibt einen historischen Einblick in die Schweiz. Unter der Regie von Stefan Haupt entfaltet sich eine Geschichte von Identität, Rollenbildern und Männlichkeit - Thematiken, die auch 70 Jahre später noch aktuell sind.
Jedoch galt der Roman in der Filmbranche bislang als ungeeignet für eine Verfilmung. «Stiller» wurde in Form eines Tagebuches geschrieben und springt zwischen verschiedenen Erzählungen hin und her. Zusätzlich sei das Buch mit 450 Seiten zu lang, um in einen 90-minütigen Film gepackt zu werden. Für die Adaption wird der Text auf den Kern heruntergebrochen: Mr. Whites Perspektive in der Gegenwart und Stillers Leben in Rückblenden. Im Fokus stehen dabei ihre romantischen Beziehungen zu den jeweiligen Partnerinnen Julika und Sybille. Weil die Erzählung stark gekürzt werden musste, kann der Film die Tiefe des Romans nicht ganz erreichen. Handlungsstränge, wie Whites enge Freundschaft mit dem Staatsanwalt oder Gespräche mit Wärter Knobel, werden kurzgehalten oder auch komplett weggelassen. Auch bei den zwei Liebesgeschichten geht ein Teil der Komplexität verloren: Julikas Charakter beschränkt sich auf eine trauernde Ehefrau, eine harte Seite von ihr zeigt sich nur im Ballet, jedoch nicht in der Beziehung zu Stiller. Vom Frisch-Roman inspiriert, entwickelt sich unter Stefan Haupt eine eigene Interpretation des Stoffes. Die Szenenauswahl ergibt ein stimmiges Gesamtbild und der Film kann die Spannung halten. Paula Beer legt eine hervorragende Performance als Julika Stiller hin und auch der Rest der Besetzung überzeugt.
Der Film Stiller ist ein Kinoerlebnis, das einen interessanten Diskurs über Identität in unserer Gesellschaft anzuregen vermag. Wer eine exakte Kopie des Buches erwartet, wird jedoch enttäuscht sein. Obwohl der Film zu Beginn sehr ähnlich ist, nimmt sich die Regie gegen Ende einige kreative Freiheiten. Wenn man aber bereit ist, sich auf diesen neuen Stiller einzulassen, ist der Kinobesuch sehr zu empfehlen. Der Film verspricht spannende Unterhaltung und kann auch ohne Kenntnisse des Buchs genossen werden. Für alle Züricher*innen lohnt sich das Kinoerlebnis bereits wegen den hervorragenden Aufnahmen der Stadt. Da Stiller mit viel Liebe zum Detail gemacht wurde, sollte man, um alle Feinheiten zu erfassen, den Film sogar ein zweites Mal schauen.